Als der spanische Unparteiische Roberto Velasco Carballo mit den nahezu ausschließlich in grün gekleideten Zuschauern nach 94 Minuten ein Einsehen hatte und abpfiff, war der Wahnsinn im Aviva Stadium endgültig nicht mehr zu stoppen. Soeben hatte sich die irische Nationalmannschaft einen historischen 1:0-Sieg (0:0) gegen den Weltmeister erkämpft, dabei erstmals ein Pflichtspiel gegen Deutschland gewonnen, zum ersten Mal seit 59 Jahren gegen das DFB-Team in Irland, und sich ganz nebenbei alle Möglichkeit für eine direkte EM-Qualifikation offen gehalten. Und die deutsche Elf? Die ist nach Schottlands 2:2 (1:1) gegen Polen zwar noch immer Tabellenführer, steht nun aber vor einer Zitterpartie am Sonntag im letzten Gruppenspiel gegen Georgien in Leipzig (20.45 Uhr).
Eine große irische Tageszeitung hatte am Donnerstag noch getitelt: „Yes we Keane.“ Es war eine Anspielung auf den irischen Altstar Robbie Keane und Nationaltrainer Roy Keane. Und tatsächlich, Irland kann. „Die Iren haben aus wenig viel gemacht. Bei dem Gegentor sehe auch ich nicht gut aus“, sagte Innenverteidiger Mats Hummels. Es war ein langer Pass auf Shane Long, der die deutsche Abwehr mit Hummels überrumpelte. „Da komme ich zu spät“, gab der Dortmunder zu. Long traf dann ins lange Eck (70. Minute) zum Sieg. Durch das Remis von Schottland gegen Polen reicht dem deutschen Team am Sonntag allerdings gegen Georgien ein Punkt, um den Fehltritt von Dublin zu korrigieren und die Qualifikation für Frankreich 2016 perfekt zu machen. In Gefahr könnte das direkte EM-Ticket noch geraten, sollte Deutschland verlieren, und Polen und Irland, die Zeitgleich in Warschau aufeinander treffen, sich unentschieden trennen. „Wir wissen, dass es jetzt noch einmal richtig spannend werden kann. Deshalb müssen wir noch einmal einen Gang nach oben schalten“, sagte Hummels. Stürmer Müller gab sich kämpferisch: „Wir brauchen uns nicht unter Druck setzen, denn wir wissen, was wir können.“
Bundestrainer Joachim Löw hatte gegen Irland kurzfristig auf Bastian Schweinsteiger verzichten müssen. Der Kapitän hatte Adduktorenprobleme. Dazu kam, dass Mario Götze nach einer halben Stunde gegen André Schürrle ausgetauscht werden musste. Die erste Diagnose: Adduktorenprobleme. Götze wird gegen Georgien definitiv ausfallen. Bei den Iren musste Torhüter Shay Given verletzt runter (44.). Nach 48 Minuten, 7:1 Torchancen, einem Abseitstor (Mesut Özil), einem Fast-Strafstoß (Hummels) und einem gefühlten Ballbesitz Deutschlands von 100 Prozent war Halbzeit. Das erste Ausrufezeichen der zweiten Halbzeit setzte der Weltmeister. Ein millimetergenauer Abschlag von Torhüter Manuel Neuer nutzte Marco Reus zu einem Pass auf Schürrle. Doch der eingewechselte Wolfsburger verpasste die Führung (55.). „Wir müssen konsequenter vor dem Tor sein. Wenn nicht, machen wir uns das Leben schwer“, sagte Löw dazu.
Als die Iren nach einer Stunde noch immer kein Tor kassiert hatten, machten sie das, was bis dahin kaum einer der 50.604 Zuschauer für möglich gehalten hatte: Sie spielten nach vorne. Erst wenige Augenblicke zuvor war Long eingewechselt worden. Aber nach einem weiten Torwartabschlag entkam er Jonas Hector sowie Hummels und setzte den Ball trocken ins Netz. Von nun an war Ausnahmezustand.
Dieser hielt auch bis zum Schlusspfiff, weil Müller eine hundertprozentige Chance leichtfertig vergab (78.). So erlebte der Weltmeister überraschen sein grünes Wunder in Dublin.

