Konjunkturlokomotive

Jeder vierte neue Job entsteht im Gesundheitssektor

Die Deutschen geben Milliarden für ihre Gesundheit aus. Für 2012 plant die Branche tausende neue Jobs – wenn sie so viele Fachkräfte findet.

Foto: Infografik Welt Online

Die Gesundheitswirtschaft entwickelt sich in Deutschland immer mehr zur Wachstumslokomotive. Trotz Euro-Krise blickt die Branche optimistisch in die Zukunft, wie eine Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) zeigt, die Morgenpost Online vorliegt. Und auch langfristig bieten sich große Chancen – allerdings nur, wenn die Politik die Weichen richtig stellt.

„Die Gesundheitswirtschaft boomt: Für 2012 plant sie mit 70.000 zusätzlichen Stellen den größten Stellenzuwachs aller Branchen“, sagte DIHK-Präsident Hans Heinrich Driftmann. Mehr als jeder vierte zusätzliche Job wird somit in der Gesundheitswirtschaft entstehen. Denn laut DIHK ist für 2012 in der Gesamtwirtschaft mit 250.000 zusätzlichen Stellen zu rechen.

Insgesamt zeigt die Umfrage, dass die Gesundheitsbranche in hohem Maße konjunkturunabhängig ist. Während der Optimismus in der Gesamtwirtschaft seit dem Frühsommer 2011 deutlich nachgelassen hat, sank die Stimmung in der Gesundheitsbranche nur geringfügig. Lediglich in der exportabhängigen Sparte Medizintechnik trübte sich die Stimmung etwas, bleibt aber weiterhin positiv. Dagegen erweisen sich die Gesundheits- und sozialen Dienste als gänzlich unbeeindruckt von den allgemeinen Krisensorgen.

Und unverändert „äußerst positiv“ schätze auch die Pharmaindustrie ihre Situation ein, heißt es in dem Report. Die Ursache für den anhaltenden Aufwärtstrend der Gesundheitsbranche ist laut DIHK-Chef Driftmann „nicht zuletzt der demografische Wandel, der die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen steigen lässt“.

Das bedeute in Deutschland wie auch weltweit: neue Geschäftsfelder, ein boomender Export sowie einen wachsenden, nicht von der Versicherung finanzierten, zweiten Gesundheitsmarkt. Der sogenannte zweite Gesundheitsmarkt umfasst alle Leistungen, die nicht von der gesetzlichen Krankenversicherung oder der üblichen privaten Krankenversicherung abgedeckt werden und deshalb von den Patienten aus eigener Tasche zu bezahlen sind. Dazu gehören etwa Untersuchungen wie die Knochendichtemessung sowie das Gros der rezeptfreien Medikamente oder Brillen.

Ein großer Teil des künftigen Wachstums werde sich im zweiten Gesundheitsmarkt abspielen, heißt es in einer aktuellen Branchenanalyse des DIHK. Danach werden hier schon heute jährlich 60 Milliarden Euro umgesetzt. Allein seit 2006 sind die privaten Gesundheitsausgaben Jahr für Jahr um sechs Prozent gestiegen.

Gesundheitswirtschaft sorgt sich um Fachkräfte

Doch nach Einschätzung Driftmanns muss die Gesundheitspolitik einige Regeln ändern, damit das Wachstumspotenzial ausgeschöpft werden kann. Die Versicherten sollten die Möglichkeit des flexiblen Zukaufs von Leistungen haben, fordert der DIHK-Chef. Dazu sollte schrittweise das Kostenerstattungsprinzip eingeführt werden, wie es schon heute in der privaten Krankenversicherung üblich ist.

Große Sorgen bereitet der Gesundheitswirtschaft der sich abzeichnende Fachkräftemangel . „42 Prozent der Betriebe der Gesundheitswirtschaft sehen den Fachkräftemangel als eines der größten Geschäftsrisiken an“, sagte Driftmann. Schon jetzt zeigten sich deutliche Engpässe. Infolge der Überalterung der Gesellschaft wächst einerseits der Bedarf an Pflegepersonal und Gesundheitsdienstleistern. Andererseits sinkt in den kommenden Jahrzehnten die Zahl der Arbeitskräfte.

„Studien zeigen, dass bis zum Jahr 2030 fast 165.000 Ärzte fehlen werden“, heißt es in der Analyse. Darüber hinaus würden in den kommenden zwei Jahrzehnten 466.000 Krankenschwestern und 400.000 Pflegekräfte zusätzlich benötigt.

Der DIHK fordert eine Kraftanstrengung, um der Gefahr des Fachkräftemangels zu begegnen. Dabei spiele die Vereinbarkeit von Familie und Beruf eine zentrale Rolle. Einen maßgeblichen Beitrag könnte zudem eine erleichterte Zuwanderung leisten.

Die DIHK-Experten weisen in ihrer Branchenanalyse darauf hin, dass die demografische Entwicklung auch große Chancen und neue Geschäftsfelder für die Gesundheitswirtschaft eröffnet. Um das Wohnen im Alter zu Hause zu erleichtern, seien beispielsweise Unterstützungs- und Hilfssysteme zu entwickeln. Auch das ganze Feld „seniorengerechten Wohnens“ birgt nach Ansicht des DIHK Wachstumspotenzial.

Darüber hinaus plädiert der DIHK für eine Reform der gesetzlichen Kranken- sowie der Pflegeversicherung. Nötig sei eine „lohnunabhängige Finanzierung in Verbindung mit einem steuerfinanzierten Sozialausgleich“. Eine ergänzende Kapitaldeckung sei zudem nötig, um eine spätere hohe Belastung von Beitragszahlern und Betrieben zu vermeiden.