Bayern-Krise

Rummenigge – "Der absolute Tiefpunkt der Saison"

Erstmals seit zehn Jahren verlieren die Bayern drei Pflichtspiele in Folge. Die Champions League ist in weiter Ferne, Trainer van Gaal steht vor der Entlassung.

Die Führung des FC Bayern war in voller Stärke nach Hannover gereist, sogar Paul Breitner kam mit, der Scout und Berater seiner alten Weggefährten Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge. Die Münchner Entscheider ahnten wohl, dass es nach dem Spiel etwas Dringliches zu besprechen geben würde.

Ein paar Meter weiter unten auf dem Rasen schien auch der Mannschaft jeglicher Glaube abhandengekommen zu sein, dass sie ihren Negativtrend würde stoppen können. Die Bayern spielten anfangs wie eine Museumsausgabe ihrer selbst, ihr Ballbesitz war reiner Selbstzweck, die Verteidigung noch träger als bei den Niederlagen gegen Dortmund und Schalke. Und als sie sich in Hälfte zwei aufbäumten, war es zu spät. Folgerichtig verloren sie erstmals seit zehn Jahren auch ein drittes Pflichtspiel in Folge. 1:3 bei Hannover 96, fünf Punkte Rückstand auf die Champions-League-Plätze, der GAU.

Während die Bayern-Fans die neuerliche Pleite mit einer Busblockade quittierten, droht Trainer Louis van Gaal in den nächsten Tagen die Entlassung. „Nach so einem Spiel müssen wir erst einmal eine Nacht darüber nachdenken, schlafen wird wohl keiner können“, sagte Vorstandschef Rummenigge, der mit Präsident Hoeneß zusammen direkt nach Spielende in die Kabine gegangen war. „Ich bin angeschlagen, da mache ich keinen Hehl draus.“ Denn: „Wir haben acht katastrophale Tage hinter uns.“

Wie hart Rummenigge mit der Mannschaft in Gericht ging, verheißt wenig Gutes für van Gaal. „Gegen Dortmund haben wir zumindest noch teilweise ordentlichen Fußball gespielt. Am Mittwoch (gegen Schalke – die Red.) gab es zumindest in der zweiten Hälfte eine Reaktion. Aber was wir heute gespielt haben, war der absolute Tiefpunkt der Saison.“ Nicht besser wird die Lage für den niederländischen Fußballlehrer, wenn man bedenkt, dass Hoeneß ihm seit Langem noch kritischer gegenüber steht als Rummenigge. Gefragt, ob auch Hoeneß noch mindestens eine Nacht Bedenkzeit für einen Entschluss brauche, wich Rummenigge aus.

Womöglich hätte der impulsive Präsident den Trainer am liebsten direkt gefeuert. Sobald die Qualifikation für die Champions League in Gefahr gerate, das hatte Hoeneß erklärt, werde er unruhig. Es war ein Euphemismus für: Dann droht van Gaal das Ende, zumal er einen Zusammenhang herstellte zu Jürgen Klinsmanns Entlassung vor zwei Jahren – auf Platz drei. Zumal er nicht unerwähnt ließ, wie peinlich es für den Verein wäre, ausgerechnet nächstes Jahr Europas Eliteliga zu verpassen. Denn deren Finale findet 2012 in München statt.

Das Spiel in Hannover, bei allen Verdiensten van Gaals ist es nicht anders zu sagen, lieferte so manches Entlassungsargument. Wieder hatten die Bayern keinen Plan B, wenn ihr Spiel nicht funktioniert. Wieder waren sie taktisch leicht zu durchschauen. Die lautstarke Kabinenansprache, die der Niederländer nach der Pokal-Niederlage gegen Schalke gehalten haben soll – sie verpuffte wirkungslos. Und es fiel schon auf, dass von Kapitän Philipp Lahm – anders als früher in kritischen Situationen – kein flammendes Plädoyer für den Trainer kam. „Diese Antwort kann kein Spieler geben“, sagte er bloß zur Frage des Tages.

Demgegenüber berichtete Hannovers Erfolgstrainer Mirko Slomka, dass seine Mannschaft „schon mit der ersten Chance gemerkt“ habe, dass „hier und heute etwas geht“. Tatsächlich lief das Spiel exakt nach Hannovers Drehbuch. 96 stellte, wie schon Schalke und Dortmund, die Außenbahnen zu, wo Arjen Robben und Franck Ribery aber sowieso nicht allzu inspiriert waren. Und 96 nutzte umgekehrt die Lücken, welche die Bayern insbesondere auf ihren Außenpositionen hinten boten. „Der Ballgewinn in der Defensive und das schnelle Spiel nach vorne ist unser Schlüssel zum Erfolg“, erklärte Slomka die märchenhafte Aufstiegsgeschichte seiner Mannschaft und lobte eine perfekte Ausführung des Schlachtplans. „Wir haben sensationell gut gespielt heute.“

Exemplarisch die Hannoveraner Führung in der 16. Minute: Mit giftigem Forechecking wurden die Bayern in Zweikämpfe verwickelt, Danijel Pranjic verlor den Ball, und dann ging es ganz schnell. Der exzellente Manuel Schmiedebach drückte den Ball mit dem ersten Kontakt auf die linke Angriffsseite, dort zog Rausch davon und seine halbhohe Flanke beförderte Mohammed Abdellaoue per Dropkick ins Netz. Es war technisch erstklassiger Konterfußball.

Als es in die Halbzeitpause ging, musste sich 96 über den Zwischenstand mehr ärgern als die Münchner – er war zu knapp. Doch nur fünf Minuten nach Wiederanpfiff präsentierte sich die Bayern-Abwehr so ungeordnet, dass Konstantin Rausch eine kurz ausgeführte Ecke ins Tor schlenzen konnte – maßgeblich unterstützt von Mario Gomez, der den Ball noch abfälschte (51.).

Jetzt, endlich, warfen die Bayern ihren verletzten Stolz in die Waagschale. Nach einem Angriff über Müller und Ribery köpfte Robben das Anschlusstor (55.). Doch anstatt zur Aufholjagd kam es zu einer Szene, die als stellvertretend für das mögliche Ende von van Gaal gelten muss. Thomas Kraft, der junge Torwart, den er gegen den Widerstand des Bayern-Managements in der Winterpause zur Nummer eins befördert hatte, ausgerechnet er machte in dieser Situation seinen ersten schwerwiegenden Fehler. Einen Fernschuss von Sergio Pinto ließ er durch die Finger gleiten und erwischte ihn erst hinter der Linie (62.).

Und wem das alles noch nicht symbolisch genug war, der bekam noch einen oben drauf – einen Platzverweis für Breno nach einem Gerangel mit Stindl, das Schiedsrichter Drees als Tätlichkeit auslegte (73.). Van Gaal sprang geschockt von der Bank auf. In diesem Moment wusste wohl auch er, dass es vorbei ist.