Seltsamer Facebook-Post

Was mich an der Social-Media-Strategie der Polizei ärgert

Die Polizei schreibt eine Meldung zum heiteren Schauermärchen um. Da stimmen die Prioritäten nicht, meint Sebastian Geisler.

"Der Fremde vor deinem Haus". Sollte die Polizei "nach einer wahren Gegebenheit" Märchen erzählen? Nein, findet Sebastian Geisler

"Der Fremde vor deinem Haus". Sollte die Polizei "nach einer wahren Gegebenheit" Märchen erzählen? Nein, findet Sebastian Geisler

Foto: Facebook/Polizei Berlin; Marina Meier; Montage BM

Berlin. Über das Auftreten der Berliner Polizei in den Sozialen Medien muss ich mich bisweilen wundern. Am Mittwoch postete sie eine - offenkundig bewusst - ins Märchenhafte übersteigerte Verballhornung einer Polizeimeldung. Darin geht es um ein Mädchen, das einen Einbrecher bei seiner Tat beobachtet und die Polizei ruft, die den mutmaßlichen Täter festnimmt. So weit der wahre Kern der Meldung, die aber reichlich blumig ausgeschmückt wurde. "Es ist früher Abend an einem dunklen und regnerischen Dienstag im Januar", beginnt die Geschichte. Für das Mädchen sind es "noch einige Meter bis zur Haustür". "Was das junge Mädchen beim Blick auf das Haus jetzt vor sich sieht, lässt es jäh erstarren."

Als die Schülerin den Einbrecher entdeckt, "gefriert ihr das Blut in den Adern". Zum einen macht sich der Einbrecher gerade an der Haustür zu schaffen, zum anderen befindet sich die Schwester des Mädchens in der Wohnung. Das Mädchen ruft also die Polizei, die "in kürzester Zeit" kommt und den Mann fesselt. "Sie vertreiben den Schleier der Angst, der sich für einige Minuten über beide Mädchen gelegt hatte. Die beiden Schwestern können sich überglücklich in die Arme schließen." Der festgenommene Mann "redet nicht viel". Die "schaurige Geschichte" habe ein gutes Ende genommen. "Und während sich das Mondlicht durch das Fenster des Hauses bricht, sitzt der Einbrecher noch im Polizeigewahrsam". Nun ja. (Tatsächlich kam der Mann übrigens später auf freien Fuß.)

Man kann sich fragen: Was soll so etwas? Will die Berliner Polizei jetzt in Sachen kreativer Social-Media-Arbeit der BVG nacheifern? Dass einer Sicherheitsbehörde ein solches Auftreten nicht gut ansteht, ist das Eine. Es kann nicht Sinn der Sache sein, Polizeiprotokolle eines Verbrechens zum Märchen auszuschmücken. Das Andere aber ärgert mich wirklich: Die Berliner Polizei hält Mitarbeiter vor, die eine solche "schaurige Geschichte" verfassen und ins Netz stellen, während viele andere, für die Öffentlichkeit hoch relevante Informationen nicht verlautbart werden. Die Pressestelle - übrigens eine von den Social-Media-Mitarbeitern vollkommen getrennte Einheit - selektiert allmorgendlich, welche Meldungen sie verschickt. Seit fünf Jahren sichte ich morgens im Frühdienst diesen Polizeibericht - und muss mich über die Zusammenstellung oft sehr wundern.

Jede Woche gibt es Fälle versuchter und vollzogener Vergewaltigung in der Stadt. Ich kann mich nicht erinnern, dass in den vergangenen Monaten von der Berliner Polizei auch nur eine einzige Vergewaltigung vermeldet worden wäre. (Von der Bundespolizei übrigens durchaus.) Kürzlich erreichte mich ein Leserhinweis zu einem solchen Fall. Eine 19-Jährige war in Kreuzberg nachts von einem Mann attackiert worden, der sie zu Boden brachte und zu vergewaltigen versuchte. Ein Fall, bei dem junge Frauen - und im übrigen auch deren Eltern - doch sofort aufmerken, einander informieren und sicherlich auch Schutzmaßnahmen ergreifen. Journalisten sprechen da gern vom "Küchenruf" - "Hast du schon gehört?!" - den eine solche Meldung auslöst. Alarmglocken, die natürlich nur schrillen, wenn der Fall überhaupt öffentlich wird. Im Falle der 19-Jährigen gelang es erst nach hartnäckigen Nachfragen nach gut drei Wochen, überhaupt eine Bestätigung zu bekommen, dass sich der Vorfall ereignet hatte. (In dem Fall von der Staatsanwaltschaft, die sich dafür reichlich Zeit ließ.)

Auskunft erst nach ausdrücklicher Anfrage

Zum Jahreswechsel 2017/2018 wurden mehr sexuelle Übergriffe angezeigt als zunächst bekannt geworden war. 37 Fälle berlinweit statt - wie zunächst von der Polizei vermeldet - 13. Eine Information, die die Behörde aber erst auf Anfrage der Berliner Morgenpost veröffentlichte.

Im vergangenen Jahr gab es pro Tag im Schnitt sieben Messerattacken in Berlin. Insgesamt wurden bei 2737 Straftaten Messer als Tatwaffe benutzt. 200 Fälle mehr als noch vor einem Jahr - und knapp 300 Fälle mehr als noch vor zehn Jahren. Auch das eine Information, für deren Veröffentlichung es erst einen externen Anreiz brauchte, in diesem Fall eine kleine Anfrage des CDU-Abgeordneten Peter Trapp. Auch bei den Amri-Ermittlungen waren es Journalisten, die die schlampige Arbeit des Staatsschutzes aufdeckten. Und den Einbruch ins Polizeipräsidium vermeldete die Behörde erst, als es schon Presseberichte gab.

Es ist verständlich, dass die Berliner Polizei sich auf ihren Social-Media-Kanälen in ein möglichst gutes Licht rücken will. Dass jedoch einerseits Informationen munter weggelassen werden, man andererseits aber für vermeintliches Selbstmarketing Meldungen zum heiteren Schauermärchen umschreibt und postet, das passt nicht zusammen. Die Berliner Polizei sollte ihre Mitarbeiter und Ressourcen gewinnbringender einsetzen.

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