Leitartikel

Eine ganz normale Berlinale

Nach dem Kosslick-Bashing hat sich der Festivalleiter recht wacker geschlagen, findet Peter Zander.

Goldener Bär 2018 für Nackt-Schocker

Der Hauptpreis der Berlinale geht an eine Frau: Adina Pintilies umstrittener Debüt-Film „Touch Me Not“ gewinnt den Goldenen Bären.
Sa, 24.02.2018, 21.43 Uhr

Goldener Bär 2018 für Nackt-Schocker

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Wann hat es das je gegeben? Ein amtierender Festivalchef wird nur drei Monate vor der neuesten Ausgabe von lauter Filmschaffenden kritisiert – viele darunter, die auf eben diesem Festival groß geworden sind. Das Ganze wurde medial zu einem wahren Kosslick-Bashing verzerrt. Und schlug so hohe Wellen, dass die Berlinale auch international plötzlich als "unsicheres" Festival galt. Von Anfang an standen die 68. Berliner Filmfestspiele deshalb quasi unter Beobachtung. Dieter Kosslick musste beweisen, dass er "es" als Festivalchef noch kann. Und die Kritiker lauerten auf jeden Hinweis, dass ihre Kritik nicht gänzlich unberechtigt war. Wie kann man unter solchen Umständen business as usual machen?

Aber, das ist die Überraschung dieses Festivals, das mit der Bären-Verleihung heute Abend zu Ende geht (am Sonntag ist nur noch Publikumstag): Es war eine ganz normale Berlinale. Sie lief schon rein organisatorisch rund, was wirklich keine Selbstverständlichkeit ist, da doch der ganze Festivalapparat von der Debatte um Kosslick tief getroffen und, vor allem, stark verunsichert wurde. Aber nein, alles lief bestens, alle waren guter Laune.

Das Festival hat außerdem eine Plattform für eine ganz andere Debatte geboten, #MeToo. Das zeigt einmal mehr, dass das Festival für Toleranz und Vielfalt steht. Es wurden über 4000 Tickets mehr verkauft als im Vorjahr. Das zeigt, dass Kino und Festivals trotz aller Streamingdienste als soziales Ereignis immer noch wichtig und unersetzlich sind.Und dann schien sogar die Sonne. Nichts da von den Schneegestöbern, die sonst pünktlich zum Festival über der Hauptstadt wüten.

Eine ganz normale Berlinale: Das war sie freilich auch, was das Programm betrifft. Dieses Jahr fiel nicht so enttäuschend aus wie das vergangene, wo es stark an Stars mangelte und auch die Filmauswahl, vorsichtig ausgedrückt, nicht geglückt war. Nein, das 68. Festival verlief wie so viele Kosslick-Berlinalen zuvor, die ganz stark beginnen, aber ab der Hälfte ins Stocken geraten und langsam ausplätschern. Auch wenn das Bashing gegen seine Person vollkommen überzogen war: Den einen Vorwurf muss Kosslick sich schon gefallen lassen: dass er kein gutes Händchen in der Auswahl seiner Filme hat.

Pech für ihn, dass die Berlinale in diesem Jahr so nah vor dem Oscar liegt wie noch nie. Hollywood nach Berlin zu locken, war da fast aussichtslos. Wäre ihm am Ende nicht noch ein echter Coup geglückt – mit den allerletzten Wettbewerbsfilmen, vor allem mit einem Star, der nicht aus dem Film-, sondern aus dem Pop-Bereich kam –, dann wäre die Bilanz wohl sehr verhalten ausgefallen.

Die Ironie will es, dass ausgerechnet der deutsche Film, der vorab so unisono die Berlinale kritisierte, das Festival in diesem Jahr gerettet hat. Vier deutsche Beiträge im Wettbewerb, das ist vielleicht ein bisschen zu viel des Guten, wurde moniert. Das sah so aus, als hätte der Festivalchef sonst gar nichts anderes mehr bekommen. Aber tatsächlich waren sie mit die stärksten Beiträge in diesem insgesamt doch eher durchschnittlichen Programm.

Dieter Kosslick hat mit seiner 17. Berlinale schon bewiesen, dass er es noch kann. Seine Kritiker dürfen sich aber auch bestätigt fühlen. Noch eine Berlinale wird der 69-Jährige leiten, bevor sein Vertrag ausläuft. Er ist dann das, was man im Amerikanischen eine "lame duck" nennt. Er wird dann aber wohl eine Carte Blanche ausspielen können. Die Debatte über seine Nachfolge, man hat sie während des Festivals hintangestellt. Ab morgen wird sie wohl wieder geführt werden. Denn schon im Sommer soll über die Nachfolge entschieden werden.

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