Tom Tykwer ist immer für eine Überraschung gut. Das beweist er nicht nur in seinen Filmen, bei denen keiner dem anderen ähnelt. Das bewies er nun auch als Präsident der Internationalen Jury, die gestern im Berlinale-Palast die Bären vergab. Zwei große Schwerpunkte hatte dieses Festival, und mit Spannung wurde erwartet, welcher von der sechsköpfigen Jury stärker berücksichtigt werden würde.

Das sind die Stars der großen Bären-Gala

Anke Engelke moderiert die große Bären-Gala. Mit auf der großen Bühne: Bill Murray.
Anke Engelke moderiert die große Bären-Gala. Mit auf der großen Bühne: Bill Murray.© REUTERS | FABRIZIO BENSCH
Er nahm stellvertrtend den Silbernen Bären für Wes Anderson entgegen, der als bester Regisseur ausgezeichnet wurde.
Er nahm stellvertrtend den Silbernen Bären für Wes Anderson entgegen, der als bester Regisseur ausgezeichnet wurde.© Getty Images | Thomas Niedermueller
Murray hatte schon auf dem roten Teppich...
Murray hatte schon auf dem roten Teppich... © REUTERS | HANNIBAL HANSCHKE
... den Fans gutaufgelegt Autogramme gegeben.
... den Fans gutaufgelegt Autogramme gegeben.© REUTERS | HANNIBAL HANSCHKE
Adina Pintilie (2.v.l.) wurde für ihren umstrittenen Debüt-Film „Touch me Not“ mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet.
Adina Pintilie (2.v.l.) wurde für ihren umstrittenen Debüt-Film „Touch me Not“ mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet.© REUTERS | FABRIZIO BENSCH
Ana Brun wurde als beste Schauspielerin mit einem Bären geehrt.
Ana Brun wurde als beste Schauspielerin mit einem Bären geehrt.© REUTERS | FABRIZIO BENSCH
Antony Bajon erhilelt den Silbernen Bären als bester Schauspieler.
Antony Bajon erhilelt den Silbernen Bären als bester Schauspieler.© REUTERS | FABRIZIO BENSCH
Mit Bären geehrt: Adina Pintilie, Marcelo Martinessi, Bill Murray und Alonso Ruizpalacios (v.l.n.r.)
Mit Bären geehrt: Adina Pintilie, Marcelo Martinessi, Bill Murray und Alonso Ruizpalacios (v.l.n.r.)© REUTERS | FABRIZIO BENSCH
Unter den Gästen: Iris Berben mit ihrem Freund Heiko Kiesow
Unter den Gästen: Iris Berben mit ihrem Freund Heiko Kiesow© dpa | Britta Pedersen
Ebenfalls blendend aufgelegt: Marie Bäumer
Ebenfalls blendend aufgelegt: Marie Bäumer © dpa | Jens Kalaene
Gael Garcia Bernal
Gael Garcia Bernal© dpa | Britta Pedersen
Festival-Chef Dieter Kosslick
Festival-Chef Dieter Kosslick© dpa | Britta Pedersen
Und schon steht er mit Anke Engelke auf der Bühne.
Und schon steht er mit Anke Engelke auf der Bühne.© Getty Images | Thomas Niedermueller
Jury-Präsident Tom Tykwer mit seiner Frau Marie Steinmann
Jury-Präsident Tom Tykwer mit seiner Frau Marie Steinmann© dpa | Britta Pedersen
Annabelle Mandeng and Tanja Bülter (v.l.n.r.)
Annabelle Mandeng and Tanja Bülter (v.l.n.r.)© Getty Images | Adam Berry
Tagesschau-Sprecher Jan Hofer und seine Lebensgefährtin Phong Lan
Tagesschau-Sprecher Jan Hofer und seine Lebensgefährtin Phong Lan© dpa | Britta Pedersen
Julia Zange
Julia Zange© REUTERS | HANNIBAL HANSCHKE
Im Blitzlichtgewitter
Im Blitzlichtgewitter© REUTERS | HANNIBAL HANSCHKE
Cecile de France, Schauspielerin und Jury-Mitglied
Cecile de France, Schauspielerin und Jury-Mitglied© REUTERS | HANNIBAL HANSCHKE
Peter Simonischek und seine Frau Brigitte
Peter Simonischek und seine Frau Brigitte© dpa | Britta Pedersen
Regisseur Detlev Buck
Regisseur Detlev Buck© Getty Images | Matthias Nareyek
Protest: Franziska Petri kam mit einer Tüte auf dem Kopf.
Protest: Franziska Petri kam mit einer Tüte auf dem Kopf. © REUTERS | HANNIBAL HANSCHKE
Darauf zu sehen ist der russische Regisseur Kirill Serebrennikov, der nicht zur Berlinale reisen durfte. Auf ihrem T-Shirt steht „I have to stay at home“.
Darauf zu sehen ist der russische Regisseur Kirill Serebrennikov, der nicht zur Berlinale reisen durfte. Auf ihrem T-Shirt steht „I have to stay at home“.© Getty Images | Matthias Nareyek
Carla Nieto und ihr Freund Leonardo Ortizgris
Carla Nieto und ihr Freund Leonardo Ortizgris© Getty Images | Matthias Nareyek
Jury-Mitglied Ryuichi Sakamoto
Jury-Mitglied Ryuichi Sakamoto© Getty Images | Matthias Nareyek
Franz Rogowski
Franz Rogowski© dpa | Jens Kalaene
Regisseurin Malgorzata Szumowska
Regisseurin Malgorzata Szumowska© dpa | Britta Pedersen
Malgorzata Gorol
Malgorzata Gorol© dpa | Jörg Carstensen
Bernardo Velasco
Bernardo Velasco© Getty Images | Matthias Nareyek
Das sind die begehrten Trophäen.
Das sind die begehrten Trophäen.© REUTERS | FABRIZIO BENSCH
Im Berlinale Palast am Potsdamer Platz wurden die Bären verliehen.
Im Berlinale Palast am Potsdamer Platz wurden die Bären verliehen.© dpa | Jörg Carstensen

Da gab es die einen, eminent politischen Filme. „Utøya, 22. Juli“ etwa, der den Anschlag auf Oslo nachstellte und dabei konsequent die Perspektive der Opfer einnahm. Oder der philippinische Beitrag „Ang panahon ng halimaw“, der die Militärdiktatur von Marcos als Rockoper in Slow-Cinema reflektierte. Und nicht zuletzt „Transit“ von Christian Petzold, der die Flüchtlingswelle von einst mit der heutigen spiegelt, einfach indem er ein Exildrama der 40er-Jahre im Hier und Jetzt inszeniert.

Und dann gab es die vielen deutschen Filme, die mit zum stärksten gehörten, was der Wettbewerb zu bieten hatte. Die ihn gar, wie manche unter der Hand tuschelten, gerettet haben: der Romy-Schneider-Film „3 Tage in Quiberon“. Wolfgang Stubers hinreißende Liebesgeschichte in einem sterilen Großmarkt, „In den Gängen“. Oder, noch einmal, Petzolds „Transit“. Offen wurde schon darüber debattiert, ob ein deutscher Jury-Präsident den Goldenen Bären an einen deutschen Film, ob er gar mehrere Preise an heimische Produktionen verleihen könne, ohne dass dem sofort der Ruch der Vetternwirtschaft anhaften würde.

Ich bin ein Berliner Hund“: Film-Star Bill Murray nimmt den Regie-Preis für Wes Anderson entgegen. Und wandelt mit starkem Akzent ein altes Kennedy-Zitat ab
Ich bin ein Berliner Hund“: Film-Star Bill Murray nimmt den Regie-Preis für Wes Anderson entgegen. Und wandelt mit starkem Akzent ein altes Kennedy-Zitat ab© Getty Images | Getty Images

Welches Lager würde die Bären einstreichen? Die einfache Antwort ist Weder-Noch. Die Jury hat sich in so ziemlich allen Punkten völlig anders entschieden. In den Kritikerspiegeln, die in den letzten Tagen in allen möglichen Publikationen erschienen, stand ganz oft der philippinische Film oben oder „Transit“, am letzten Wettbewerbstag drängte noch „In den Gängen“ nach vorn.

Abgeschlagen weit hinten

Der Film, der den Goldenen Bären gewann, lag in fast all diesen Listen weit abgeschlagen hinten. Ein Film, bei dem manche von einem „Nackt-Schocker“ sprachen und nicht wenige während der Vorführung, auch bei der gestrigen Bären-Gala, gegangen sind. Weil der Film sie kaltließ. Oder gerade weil er sie so erhitzte. Der Film, schimpfte eine Berliner Tageszeitung, gehöre nicht in den Wettbewerb. Er sei eine Geiselnahme. Und die Geisel, das sei das Publikum.

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Die Rede ist von „Touch Me Not“, das Spielfilmdebüt der rumänischen Künstlerin Adina Pintilie. Kein Film im klassischen Sinn, eher ein Experiment, in dem der menschliche Körper erforscht wird. Genauer: Intimität und Nacktheit. Von Menschen, die gerade nicht die schönsten Körper und wohl auch deshalb Angst vor Berührung haben. Ein Film über Scham und deren Überwindung. Ein Film, der an Grenzen geht – und darüber hinaus. Und deshalb bei vielen auf Ablehnung stieß. Aber es gab einige Wettbewerbsfilme, die viele als Zumutung empfanden. Und bei denen man offen darüber spekulierte, ob dies Kosslicks Rache nach dem Bashing an seiner Person sei.

„Touch Me Not“ hat zunächst einen Silbernen Bären für den besten Erstlingsfilm bekommen. Damit hätte es gut sein können. Aber dann gab es zum Schluss auch noch den Hauptpreis, den Goldenen Bären. Und die 38-jährige Pintilie durfte gleich noch mal auf die Bühne. Was bei nicht wenigen im Saal sichtliches Befremden auslöste.

Durfte gleich zwei Preise entgegennehmen: die rumänische Filmemacherin Adina Pintilie
Durfte gleich zwei Preise entgegennehmen: die rumänische Filmemacherin Adina Pintilie © dpa | dpa

Zum sechsten Mal geht damit der Hauptpreis der Berlinale an eine Frau – nach Ildikó Enyedi im Vorjahr für „Körper und Seele“. Und der Große Preis der Jury geht an „Twarz“ von Malgorzata Szumowska: noch eine Regisseurin. Das immerhin ist ein wirklich starkes Signal, gerade in der aktuellen Diskussion um eine Frauenquote, erst recht in einem Jahr, das von der #MeToo-Debatte bestimmt wurde.

Dass vier der 19 Wettbewerbsfilme von Frauen stammen, ist allein schon ein guter Schnitt, wenn man das mit den anderen großen Festivals vergleicht. Dass die Hälfte davon die beiden wichtigsten Preise des Festivals einheimsen, ist eine eindeutige und wirklich schöne Botschaft.

2015 bekam sie hier den Regie-Preis, 2016 saß sie in der Jury, diesmal bekam sie den Großen Preis der Jury: Malgorzata Szumowska
2015 bekam sie hier den Regie-Preis, 2016 saß sie in der Jury, diesmal bekam sie den Großen Preis der Jury: Malgorzata Szumowska © Reuters | Reuters

Dass mit dem Albert-Bauer-Preis und dem Silbernen Bär für die Beste Schauspielerin gleich zwei Auszeichnungen an „Las Herededas“ (Die Er­binnen) aus Paraguay gehen, rundet diesen Eindruck ab: ein leises Drama um ein älteres lesbisches Paar, von denen die eine Frau noch mal einen sachten dritten Frühling erlebt. Das kommt ganz ohne Männer aus. Das immerhin war der dritte große Schwerpunkt, der sich durch den Wettbewerb zog, und den hat die Jury wirklich erkannt und gepriesen: starke Frauen, die sich nicht von Männern diktieren lassen, sondern ihre eigene Wege gehen.

Am Ende des Festivals bleibt ein großes Befremden

Und doch bleibt eine große Ratlosigkeit am Ende dieser Berlinale. Auch ein Befremden über Tykwers Jury. Kein einziger Bär für irgendeine deutsche Leistung, wo es hier so viele starke gab wie selten. Das werden die heimischen Kollegen dem Jury-Präsidenten wohl nicht zu Unrecht krummnehmen. Ein Bär für Kostüm und Set-Design für Alexey German Jr.s virtuos komponiertes Künstlerporträt „Dovlatov“, aber keiner für seine ausgefeilte Regie oder seinen prägnanten Hauptdarsteller, das schaut doch wie ein Trostpreis aus.

Der Regie-Preis geht stattdessen an Wes Anderson. Der hat erst für seinen letzten Berlinale-Film „Grand Budapest Hotel“ vor drei Jahren schon den Großen Preis der Jury mit nach Hause nehmen dürfen. Und „Isle of Dogs“ ist nicht sein bestes Werk. Damit immerhin wird auch der Animationsfilm als Genre bedacht. Und der in liebevoller Stop-Motion-Technik entwickelte Film lässt ja auch allerhand politische Interpretation zu. In einem Jahr aber, in dem es so viele herausragende Regieleistungen gab, scheint auch dies eine merkwürdige, eine einsame Entscheidung.

Festivalchef Dieter Kosslick (r.) und Jury-Präsident  Tom Tykwer applaudieren  den Preisträgern
Festivalchef Dieter Kosslick (r.) und Jury-Präsident Tom Tykwer applaudieren den Preisträgern© Getty Images | Getty Images

Tom Tykwer hatte sich zu Beginn der Berlinale „wilde und sperrige“ Filme gewünscht. Es scheint, als ob er sie mit seiner Jury konsequent gesucht hätte. Sie wollten, so begründet der Präsident die Entscheidungen der Jury – und es klingt fast wie eine Entschuldigung –, nicht nur auszeichnen, „was Kino kann, sondern auch, wo es hingehen kann.“ Da hat die Jury etwas nicht ganz verstanden: Für Innovationen, für neue Perspektiven hat man doch eigens den Alfred-Bauer-Preis eingeführt. Aber alle Bären als Nachwuchs- und Experimentalpreis? Da darf man sich nicht wundern, wenn arrivierte Filmemacher eher nicht mehr vorbeischauen. Einmal mehr endet eine mittelgute Berlinale mit wenig nachvollziehbaren Preisen, was den Gesamteindruck noch ein bisschen trüber macht.

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Video: Der längste Film der Berlinale

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