Leitartikel

Obdachlose in Berlin - Nur reden hilft den Menschen nicht

| Lesedauer: 4 Minuten
Uta Keseling
Obdachlos In Berlin - Spielball der Politik

Räumung und Abschiebung - wie Berlin mit Obdachlosen umgeht

Nur kurz nach der Räumung im Tiergarten sind die Obdachlosen wieder zurück. Das zeigt: Zelte abbauen zu lassen ist keine Lösung.

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6000 Menschen leben in Berlin auf der Straße. Nur darüber zu reden, genügt nicht, sagt Uta Keseling.

Berlin. „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr“ – das bekannte Rilke-Gedicht beschreibt unser aktuelles Herbstgefühl in Berlin ziemlich gut. Ja, es ist ungemütlich draußen, es wird wahrscheinlich bald frieren. Umso dankbarer ist man für gemütliche Nachmittage im Warmen. Wer dieser Tage allerdings mit Rilke durch die Alleen läuft – „unruhig wandern, wenn die Blätter treiben“ – dem fällt auf: Es gibt immer mehr Menschen, die tatsächlich kein Obdach mehr haben.

Sie sitzen am Kurfürstendamm vor den teuren Geschäften, liegen in U-Bahnhöfen, sie lagern unter Brücken und an Bushaltestellen. Zwar stehen im Tiergarten keine Zelte mehr. Doch die Matratzen und Decken im Müllcontainer erzählen davon, dass die letzte Räumungsaktion nicht lange her ist.

Der Dichter Rainer Maria Rilke hat vor gut 100 Jahren zwar nicht Obdachlose gemeint, als er sein Herbstgedicht schrieb. Aber eben doch dieses Gefühl, diese Ahnung: Dass wohl nicht alle den Winter so gut überstehen werden wie wir. Ja, die Kältehilfe ist gut angelaufen, wenn auch mit weniger Plätzen als geplant. Am Ende sollen dafür mehr Bedürftige als je zuvor ein nächtliches Dach über dem Kopf haben: 1000 Plätze sind angestrebt. Erstmals gibt es auch eine Kältehilfe-App, über die Betroffene und Helfer per Smartphone Adressen finden.

Reicht das? In den vergangenen Wochen ist viel über Obdachlose gestritten worden. Über die Tiergarten- „Task-Force“ des Innensenators An­dreas Geisel (SPD). Über die Abschiebung von aggressiven EU-Bürgern, die der Bürgermeister von Mitte forderte. Über Behördenversagen und ganz konkret darum, wer im Tiergarten saubermachen muss.

Mindestens 6000 Menschen leben in Berlin auf der Straße, ein großer Teil stammt aus Osteuropa, viele sind psychisch krank, ihnen zu helfen ist kompliziert. Immerhin hat die Debatte erreicht, dass dies inzwischen allgemein bekannt ist. Reicht das?

Wer dieser Tage einen Herbstspaziergang im Tiergarten macht, kommt am Gedenkort für Susanne F. vorbei, die hier im September getötet wurde. Ihr Leichnam wurde erst drei Tage später gefunden, hier, im Müll in einem zugewucherten Gebüsch zwischen Bahn und Schleusenkrug. Der mutmaßliche Täter, ein 18-jähriger Tschetschene, hätte nicht mehr im Land sein sollen. Am Fundort stehen Blumen und Schilder. Drumherum Gebüsch und Müll wie eh und je.

Mittendrin steht eine Frau, sie ist mit dem Fahrrad aus Tempelhof gekommen, um den Müll aufzupicken. Sie trägt teure Lederhandschuhe, benutzt eine große Zange, die vollen Mülltüten klemmen auf dem Gepäckträger. Ihre Aktion sei auch symbolisch, sagt sie. „Damit endlich jemand hinguckt.“ Wochenlang habe sie beim Bezirk nachgefragt, warum sich keiner kümmert. „Dann hab’ ich mir gesagt, ich mach’s halt selbst.“

Kann das eine Lösung sein? Dass Bürger anpacken, wo der Staat versagt? Einerseits: nein. Daseinsfürsorge und Sicherheit sind mit gutem Grund staatliche Aufgaben. Andererseits: doch, ja. Die Botschaft der Bürgerin mit der Müllzange: Bitte mit anpacken, auch wenn es schlimm ist. Die Politik muss Probleme lösen, nicht wegdiskutieren, und zwar bevor es kalt und zu spät ist. Lösungen für den Tiergarten sind überfällig, es braucht einen Umgang mit den Osteuropäern ebenso wie die Schlafplätze im Flughafenhangar Tempelhof.

Wir anderen können auch etwas tun. Spenden, ehrenamtlich helfen – und nicht wegschauen. Nicht bei der Politik. Und nicht auf der Straße. Denn Wärme, um bei Rilke zu bleiben, ist auch ein Gefühl. Zum Beispiel das, als Obdachloser nicht übersehen zu werden.

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