Leben auf der Straße

Polen hilft Berlin bei obdachlosen Osteuropäern

Sozialarbeiter aus Polen sollen sich um gestrandete Menschen kümmern. CDU-Generalsekretär fordert von Ost-Staaten mehr Engagement.

Obdachloser auf einer Parkbank am Halleschen Tor in Kreuzberg (Archiv)

Obdachloser auf einer Parkbank am Halleschen Tor in Kreuzberg (Archiv)

Foto: Rolf Kremming / imago/Rolf Kremming

Berlin. Polens Regierung will dem Berliner Senat bei der Versorgung in Berlin gestrandeter Obdachloser unter die Arme greifen. „Ab Februar 2018 werden mithilfe polnischer Gelder Sozialarbeiter in Berlin Polen in Not aufsuchen und sie beraten“, sagte Dariusz Pawlos, der Presseattaché der polnischen Botschaft, am Donnerstag der Berliner Morgenpost. „Die Sozialarbeiter sollen mit den Obdachlosen reden und Hilfen oder die Heimfahrt vermitteln.“

Spätestens mit dem Hilferuf von Mittes Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel (Grüne) Anfang Oktober war bekannt geworden, dass Bezirke und Senat mit der steigenden Zahl an Obdachlosen zunehmend überfordert sind. Man nehme an, so Pawlos, dass in Berlin allein etwa 2000 polnische Obdachlose leben. Er sagte, der polnische Senat habe den Etat für Polen, die im Ausland leben, auf hundert Millionen Zloty – umgerechnet etwa 23,6 Millionen Euro – erhöht und auch für Sozialprogramme geöffnet.

Polnische Sozialarbeiter kommen im Februar 2018

„Polnische Nichtregierungsorganisationen können jetzt Geld für Hilfsprojekte im Ausland beantragen“, sagte Pawlos. Bis Ende des Jahres werde der polnische Senat über einen Antrag der polnischen Barka-Stiftung entscheiden.

Barka könnte in Berlin mit Vereinen wie KLIK und Gangway kooperieren, die sich in der Stadt um obdachlose Menschen kümmern. „Es ist geplant, fünf oder sechs Sozialarbeiter einzusetzen, die explizit für Obdachlose zuständig sind.“ Er sprach ausdrücklich davon, dass sich der polnische Konsul Marcin Jakubowski wegen des Themas an den Berliner Senat wenden werde.

„Es gibt einfach mehr Obdachlose, weil die Mieten steigen“

Einen Tag zuvor, 19 Uhr, Bahnhof Zoo, es nieselt, stürmt. Berliner November. CDU-Generalsekretär Stefan Evers und der ehemalige Obdachlose Dieter stehen unweit der Bahnhofsmission. Dieter ist einer der Stadtführer des Vereins „querstadtein“, der Berlin unter anderem aus der Perspektive von Obdachlosen zeigen will. Er erklärt, was „englisches Einkaufen“ (klauen) ist und warum lange Parkbänke nachts den Nacken schonen. Zwischendurch erzählt er Evers und einigen Interessierten auch, wie sich die Situation auf Berlins Straßen in den letzten Jahren verändert hat: „Es gibt einfach mehr Obdachlose, weil die Mieten steigen, weil die Stadt voller wird.“

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30 Prozent, sagt er, seien aus dem europäischen Ausland: Rumänien, Bulgaren, Polen, Russen. 12.000 seien insgesamt obdachlos, schätzt Dieter, der sich heute ehrenamtlich in der Obdachlosenhilfe engagiert. Später, gegen Ende der zweistündigen Tour, wird Evers sagen: „Die Obdachlosigkeit ist kein reines Berliner Problem, sondern muss staatsübergreifend gelöst werden.“ Die Erklärung des polnischen Presseattaché am nächsten Morgen sollte dem CDU-General recht geben.

Evers begrüßt Schritt Polens

Am Donnerstag sagte Evers auf Anfrage der Morgenpost, dass er den polnischen Schritt sehr begrüße: „Der Senat sollte nun auch aktiv auf die anderen Länder zugehen, aus denen die Obdachlosen kommen, wie Rumänien und Bulgarien.“ Die europäische Ebene des Obdachlosenproblems sei zu lange verschwiegen worden.

Alexander Fischer, Staatssekretär in der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales, teilte derweil mit: „Wir begrüßen das Hilfsangebot und sind gespannt auf die Gespräche.“ Auf der Basis der Berliner Grundsätze der Wohnungslosenhilfe, bei denen Unterstützung und Beratung im Vordergrund stünden, sei jeder Beitrag willkommen. Man werde, so Fischer, die Vertreter der betroffenen Länder, wie Polen, zu einer Strategiekonferenz zum Thema Obdachlosigkeit Anfang des kommenden Jahres einladen.

Die Betreuung muss viel früher einsetzen

Witold Kaminski vom polnischen Sozialrat rät zu einem umfassenden Ansatz bei der Betreuung der Obdachlosen. Der private Verein berät in Kreuzberg seit über drei Jahrzehnten Polen in Berlin. Kaminski sagt: „Sobald die Leute wirklich auf der Straße landen, ist es sehr aufwendig, ihnen einen Weg zurück in ein geregeltes Leben zu weisen.“ Die Betreuung müsse sehr viel früher ansetzen. Und: Man müsse verstehen, dass es sich bei den Obdachlosen nicht um eine homogene Gruppe handele.

Viele ziehe es aus Großbritannien oder anderen europäischen Ländern nach Deutschland, nachdem sie dort gescheitert seien. Andere kämen mit unrealistischen Vorstellungen aus Polen, träumten vom schnellen Weg zum lukrativen Job. „Dann merken sie, das geht ja doch nicht so einfach hier. Für viele ist das ein schleichender Weg in die Obdachlosigkeit.“

Kaminski meint: Wenn diese Leute aufgeben, wenn sie im Park leben, sich mit Flaschenpfand von einem Weinkarton zum nächsten hangeln, ist es fast schon zu spät. „Man muss sie vorher auffangen, ihnen einen Weg zurück in die Gesellschaft aufzeigen.“ Und Rückführungen nach Polen? „Völliger Quatsch“, sagt Kaminski. Denn in Polen gäbe es keine Unterstützung für Obdachlose. „Die kommen sofort wieder. Alleine schon, weil es in Polen kein Flaschenpfand gibt.“

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