Dass immer mehr junge Menschen aus Deutschland und der weiten Welt in Berlin studieren möchten, ist ein grandioser Erfolg für die Stadt. Sie bereichern das urbane Leben, und zwar kulturell und finanziell, weil jeder zusätzliche Einwohner Geld aus dem Länderfinanzausgleich bedeutet.
Viel wichtiger wird jedoch, was sie nach ihrer Ausbildung tun. Viele gründen Unternehmen. Absolventen von Berliner Hochschulen speisen einen großen Teil des anhaltenden Start-Up-Booms, den wohl wichtigsten Treiber der positiven Wirtschaftsentwicklung Berlins.
Für etablierte Firmen bieten die vielen Akademiker einen Talentpool, der die Suche nach Fachkräften aussichtsreicher erscheinen lässt als an den meisten anderen Orten Deutschlands und der Welt. Auch deswegen siedeln so viele große Firmen ihre Labors und Innovationszentren in Berlin an.
Kreativität und Selbstorganisation
Die staatlichen Universitäten und Hochschulen der Stadt stoßen jedoch an ihre Grenzen. Wenn bis zu 100 Studierende sich einen Professor teilen müssen, kann man von optimaler Betreuung und hochwertiger Begleitung kaum sprechen. Viele Studierende kennen ihre Professoren kaum, umgekehrt dürfte das eher die Regel als die Ausnahme sein. Dass so viele Studierende erfolgreich ihre Bachelor- und Masterstudien bewältigen, liegt eher an der Kreativität und Selbstorganisation der jungen Menschen als an den Bedingungen, die die Hochschulen vielerorts bieten.
Gerade die großen drei unter Berlins Universitäten – die Humboldt-Universität, die Freie und die Technische Universität – haben lange ihren Lehrkörper radikal gestutzt und Stellen von Professoren und wissenschaftlichen Mitarbeitern abgebaut. Dazu passte ein politischer Zungenschlag, bei dem Berliner Politiker gerne darauf hinwiesen, dass die finanziell klamme Hauptstadt die Ausbildung bayerischer Abiturienten übernähme, die dann als Ingenieure schwäbische Maschinenbauer stark machten. Inzwischen wird wieder eingestellt, die Hochschulen gelten nicht länger als Kostenfaktor, sondern als Kern einer neuen Berliner Ökonomie jenseits von Tourismus und Dienstleistungen.
Für Elite-Universitäten ein unwürdiges Bild
Wie so oft bei Wachstumsprozessen sind Verzerrungen zu beobachten. Studierende auf Hörsaaltreppen, die monatelang auf ein Gespräch mit dem Hochschullehrer warten müssen – das ist für Elite-Universitäten ein unwürdiges Bild. Dass es andernorts in Deutschlands Universitäten nicht viel besser aussieht, ist nur ein schwacher Trost. Wer jedoch die Bedingungen in ausländischen Elite-Schmieden mit denen hierzulande vergleicht, muss sich nicht wundern, wenn gerade junge Menschen mit Potenzial und dem nötigen finanziellen Hintergrund lieber tausende Euro Studiengebühren bezahlen, als sich die staatliche deutsche Universität anzutun.
Berlin hat das klassische Dilemma nicht geklärt. Sollen die Universitäten Lern- und Forschungsstätten für eine leistungsstarke Elite der Besten sein oder Ausbildungsbetriebe für den Großteil eines Jahrgangs, der inzwischen die Hochschulreife vorweisen kann? Die Technische Universität fährt die Strategie, in den meisten Fächern auf einen Numerus Clausus zu verzichten. In der Folge leiden die Charlottenburger unter der schlechtesten Betreuungsrelation aller Berliner Hochschulen.
Qualität durch Andrang nicht verlieren
Noch drängen die Studienanwärter nicht nur wegen der vielen Partys nach Berlin, sondern auch wegen der guten Qualität der Ausbildung in vielen Fächern. Die Hochschulen und der Berliner Senat müssen darauf achten, dass diese nicht durch den Andrang verloren geht. Dafür wird mittelfristig auch mehr Geld für Lehrpersonal nötig sein. Auch die Studierenden müssen umdenken, wenn sie Wert legen auf persönliche Ansprache. Viele Fachhochschulen sind in Betreuung und Praxisbezug den Universitäten überlegen. Und in Greifswald oder in Frankfurt/Oder bekommt man seinen Professor sicher eher zu Gesicht als an einer Berliner Massen-Universität.




