Hochschulen

30 neue IT-Professuren für Berlins digitale Zukunft

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Andreas Abel
Blick über das Zentrum von Berlin Ost mit Fernsehturm, Rathausstraße (l) und Karl-Liebknecht-Straße (r)

Blick über das Zentrum von Berlin Ost mit Fernsehturm, Rathausstraße (l) und Karl-Liebknecht-Straße (r)

Foto: dpa Picture-Alliance / Jean Claude Castor / picture alliance / zb

Forscher sollen 2017 ihre Arbeit aufnehmen. Berlins Unis bekommen damit eine Schlüssenrolle bei der wirtschaftlichen Entwicklung der Stadt

Berlin bekommt 30 zusätzliche IT-Professuren. Das ist einer der zentralen Punkte der zehnteiligen Agenda, die der Kreis für Digitalisierung Anfang Dezember vorgestellt hat und die Berlin den Weg zur digitalen Hauptstadt weisen soll. Nun wurden erste Details zu den Professuren mitgeteilt.

Eine gute Nachricht zuerst: Es könnten auch bis zu 40 Professorenstellen werden. Deren Finanzierung wird jeweils zu einem Drittel vom Land Berlin übernommen, zwei Drittel tragen Unternehmen oder außeruniversitäre Forschungseinrichtungen. Darüber seien bislang knapp 30 Professuren gesichert, sagte der Präsident der Technischen Universität (TU), Christian Thomsen, am Dienstag der Berlin Morgenpost. Es gebe aber Anfragen weiterer Unternehmen, die sich an dem Projekt beteiligen möchten.

Thomsen hatte gemeinsam mit dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) den Berliner Kreis für Digitalisierung initiiert. Dort entwickelten und verabredeten Vertreter aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik gemeinsame Digitalisierungsprojekte.

Das Land Berlin hat sich mit dem neuen Doppelhaushalt verpflichtet, zu jedem Euro von privaten Geldgebern für eine IT-Professur 50 Cent dazuzugeben. Die Forschungsergebnisse stehen dann nicht nur diesem einen Unternehmen zur Verfügung, sondern sind allgemein zugänglich.

Fragen der Datensicherheit sind wichtig

Da die Gespräche mit den Unternehmen andauern, wird das Spektrum der Fachgebiete laufend weiterentwickelt. Daher kann die exakte Verteilung der Professuren auf die einzelnen Berliner Hochschulen noch nicht festgelegt werden. Klar ist aber, dass die Mehrzahl an der TU angesiedelt sein wird. So werden zum Beispiel die technisch ausgerichteten Professuren in der Informatik, zu den Themen Smart Cities und Industrie 4.0, Big Data-Optimierung, Daten-Cloud, Mobilfunktechnologien, Smart Mobility oder 3-D-Technologien eher der TU zugeordnet.

Die geistes-, sozial- und rechtswissenschaftlichen Fachgebiete etwa zur Sicherheit der Cloud, zur Teilhabe an politischen Prozessen durch Digitalisierung oder zur Digitalisierung in der Schule kommen voraussichtlich zur Freien und zur Humboldt-Universität. Professuren zu Themen der Medizin und Gesundheit („Digital Health“) sollen ebenfalls eher an FU und HU und natürlich an der Charité angesiedelt werden.

Für mathematisch-naturwissenschaftliche Fachgebiete böte sich die Anbindung an die drei großen Universitäten gleichermaßen an, heißt es in der Zehn-Punkte-Agenda. Die Universität der Künste (UdK) bringe ihre Kompetenzen in den Gebieten Design, Mensch-Computer-Interaktion und Kommunikationstechnologie ein, die Fachhochschulen ihre Erfahrungen in der anwendungsbezogenen Lehre und Forschung, zum Beispiel für Technik und Wirtschaft.

Ein Schwerpunkt ist der Mobilfunkstandard 5G

Die Finanzierung der Professuren erfolgt formal über das Einstein-Zentrum „Digitale Zukunft“. Dieses Zentrum soll ein deutschlandweit einmaliger hochschulübergreifender Kern für die Digitalisierung werden. Dafür werden laut TU-Präsident Thomsen die beteiligten Hochschulen voraussichtlich im Februar einen Antrag bei der Einstein-Stiftung einreichen.

Die Prüfung des Antrags werde wohl im Sommer abgeschlossen, nach der Bewilligung könnten die Stellen ausgeschrieben werden. Im Herbst oder Winter kommenden Jahres, so Thomsen, könnten sie schließlich besetzt werden. Das Gros wird dann vermutlich zum Sommersemester 2017 die Arbeit aufnehmen, schließlich sind nicht alle Wissenschaftler sofort verfügbar.

Die Finanzierung läuft über fünf Jahre, bei Juniorprofessuren, die den Löwenanteil der neuen Stellen ausmachen werden, über sechs Jahre. Zu den Unternehmen, die sich daran beteiligen, gehören unter anderem die Telekom, die Bundesdruckerei, Google, Zalando, die Degewo und die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG).

Eine Professur zum Beispiel soll sich mit dem künftigen Mobilfunkstandard 5G beschäftigen. Datenmengen, die über das Netz verschickt werden, werden in Zukunft gewaltige Umfänge in Anspruch nehmen. Wenn etwa führerlose Autos im Straßenverkehr unterwegs sind, müssen Informationen über Unfallgefahren in Echtzeit, also binnen Millisekunden, verarbeitet werden. Andererseits empfängt das Fahrzeug nicht nur Daten, sondern sendet auch welche, etwa über den Straßenzustand. An „5G“ werden also hohe Anforderungen an Dienstgüte, Robustheit und Zuverlässigkeit gestellt, die erforscht und weiterentwickelt werden müssen.

Viele Forschungsgebiete im Bereich Gesundheit

Auf dem Gebiet „Digital Health“, also IT-gestützter Medizin, könnten sogar mehrere Professoren berufen werden. Wissenschaftler im Bereich der Gesundheitsinformatik generieren IT-Lösung für die klinische Forschung ebenso wie für Prozesse im Gesundheits- und Krankenhausmanagement. Ein Forschungsgebiet könnte etwa sein, Patientendaten zu sichern und im Notfall, etwa in Rettungswagen, bereitzustellen. Ein anderes, aus großen Datensätzen anonymisiert Krankheitssymptome herauszufiltern, um zum Beispiel neue Informationen zur Entstehung von Tumoren zu gewinnen. Weitere Schwerpunkte liegen in der medizinischen Bild- und Biosignalanalyse, der virtuellen Mikroskopie sowie der telemedizinischen Technik und Notfallhilfe.

Auf dem Gebiet der Smart Cities mangelt es etwa noch an einer Kommunikationsplattform zur Kopplung aller städtischen Dienste. Eine solche Plattform würde es zum Beispiel ermöglichen, den öffentlichen und den individuellen Straßenverkehr zu messen und intelligent zu koordinieren. So könnte die notwendige Länge und Taktung von U-Bahnzügen oder Straßenbahnen je nach Fahrgastaufkommen wesentlich präziser gesteuert werden als heute.

„Den Berliner Hochschulen kommt eine Schlüsselrolle bei der wirtschaftlichen Entwicklung unserer Stadt zu. Das wird gerade bei diesem Prozess der Digitalisierung deutlich“, sagte Wissenschaftssenatorin Sandra Scheeres (SPD). Auch für den Wissenschaftsstandort Berlin habe die Stärkung des IT-Bereichs herausragende Bedeutung. Sie werde „auch ein Pfund sein, mit dem wir bei der Exzellenzinitiative wuchern können“, so Scheeres.