Seit vielen Wochen versuchen Sozialsenator Mario Czaja und Flüchtlingsstaatssekretär Dieter Glietsch bei der Unterbringung von Asylsuchenden „vor die Lage“ zu kommen. Das bedeutet, man möchte Notlagen vermeiden, in denen innerhalb von zwei Stunden Turnhallen requiriert und rudimentär ausgestattet werden, um Obdachlosigkeit zu vermeiden.

Und die beiden haben die ruhigeren Tage über Weihnachten und den Jahreswechsel genutzt, um 6000 zusätzliche Unterbringungsplätze in Betrieb zu nehmen. Eine solche Reserve in neuen und vergrößerten Unterkünften könnte in Verbindung mit gesunkenen Ankunftszahlen tatsächlich für eine gewisse Entspannung sorgen. Es zahlt sich offenbar aus, endlich die Immobilienkompetenz des Landes zu bündeln und koordiniert vorzugehen.

Keine Zeit, sich zurückzulehnen

Wenn es zudem gelingt, die hässlichen Szenen frierender Menschen vor dem berüchtigten Lageso-Gelände an der Turmstraße zu vermeiden, dann hätte die Hauptstadt einen Sprung nach vorn gemacht, auch wenn die Bilder des Behörden- und Politik-Versagens lange im Gedächtnis bleiben werden.

Zeit, sich zurückzulehnen, bleibt jedoch keine, weder für den angeschlagenen Sozialsenator Czaja noch für seine Mitarbeiter. Denn auch wenn niemand mehr auf der Straße schlafen müsste oder in Turnhallen eingewiesen würde: Dass Zehntausende Menschen über viele Monate hinweg in Gewerbehallen, Sportanlagen oder Flugzeughangars leben müssen, ist keine Lösung.

So leben die Flüchtlinge im Flugfhafen Tempelhof

Blick in einen der Hangars am ehemaligen Flughafen Tempelhof. Mehr als 2200 Flüchtlinge leben hier in abgetrennten Buchten unter schwierigen hygienischen Verhältnissen.
Blick in einen der Hangars am ehemaligen Flughafen Tempelhof. Mehr als 2200 Flüchtlinge leben hier in abgetrennten Buchten unter schwierigen hygienischen Verhältnissen.© REUTERS | FABRIZIO BENSCH
Mehr als 70 Zelte, die zuvor in einer Kaserne in Spandau standen, wurden in den Flugzeugenhallen aufgebaut.
Mehr als 70 Zelte, die zuvor in einer Kaserne in Spandau standen, wurden in den Flugzeugenhallen aufgebaut.© REUTERS | FABRIZIO BENSCH
Doppelstockbetten stehen auf engstem Raum. Privatsphäre gibt es kaum.
Doppelstockbetten stehen auf engstem Raum. Privatsphäre gibt es kaum.© dpa | Bernd Von Jutrczenka
Ein kleines Mädchen steht verloren zwischen den Zelten. Gut ein Drittel der Bewohner sind Kinder.
Ein kleines Mädchen steht verloren zwischen den Zelten. Gut ein Drittel der Bewohner sind Kinder. © dpa | Bernd von Jutrczenka
Die Geborgenheit eines Zuhauses gibt es hier für sie nicht.
Die Geborgenheit eines Zuhauses gibt es hier für sie nicht.© dpa | Bernd von Jutrczenka
Ein wenig Spaß mit dem Kinderzirkus: Freiwillige Helfer versuchen, den Kindern Beschäftigung zu bieten.
Ein wenig Spaß mit dem Kinderzirkus: Freiwillige Helfer versuchen, den Kindern Beschäftigung zu bieten.© REUTERS | FABRIZIO BENSCH
Die Kinder können spielen und die schwierigen Lebensumstände für einen Moment vergessen.
Die Kinder können spielen und die schwierigen Lebensumstände für einen Moment vergessen.© dpa | Bernd von Jutrczenka
An einer der wenigen Steckdosen laden die Erwachsenen ihre Mobiltelefone auf. Das Handy ist oft die einzige Verbindung zu den Familien in ihren Heimatländern.
An einer der wenigen Steckdosen laden die Erwachsenen ihre Mobiltelefone auf. Das Handy ist oft die einzige Verbindung zu den Familien in ihren Heimatländern.© dpa | Bernd von Jutrczenka
Die hygienische Infrastruktur in den Hangars ist schlecht. Es gibt nur Mobil-Toiletten und Waschbecken in Containern. Zum Duschen müssen die Menschen in Bäder gefahren werden.
Die hygienische Infrastruktur in den Hangars ist schlecht. Es gibt nur Mobil-Toiletten und Waschbecken in Containern. Zum Duschen müssen die Menschen in Bäder gefahren werden.© dpa | Bernd von Jutrczenka
Noch nicht fertiggestellte Dusch- und Toilettenkabinen stehen in einem Hangar. Der Betreiber der Notunterkunft will die sanitären Verhältnisse dringend verbessern.
Noch nicht fertiggestellte Dusch- und Toilettenkabinen stehen in einem Hangar. Der Betreiber der Notunterkunft will die sanitären Verhältnisse dringend verbessern.© dpa | Bernd von Jutrczenka
Tausende Menschen müssen täglich mit Lebensmitteln versorgt werden.
Tausende Menschen müssen täglich mit Lebensmitteln versorgt werden.© dpa | dpa
Privatsphäre und Geborgenheit gibt es für die Menschen, die hier leben, kaum.
Privatsphäre und Geborgenheit gibt es für die Menschen, die hier leben, kaum.© REUTERS | FABRIZIO BENSCH
Zur Ungewissheit, was die Zukunft bringt, kommt die Langeweile. Es gibt in der Notunterkunft nur wenig zu tun.
Zur Ungewissheit, was die Zukunft bringt, kommt die Langeweile. Es gibt in der Notunterkunft nur wenig zu tun.© dpa | Bernd von Jutrczenka

Die Flüchtlinge brauchen eine Perspektive

Berlin hat in der Vergangenheit viel zu wenige ordentliche Gemeinschaftsunterkünfte mit Sozialräumen, Privatsphäre und Kochgelegenheiten eröffnet. Es rächt sich, dass das Lageso monatelang wie gelähmt war – nach den Vorwürfen von Mauschelei und Vetternwirtschaft bei der Vergabe von Betreiberverträgen für Flüchtlingsunterkünfte.

Als nächstes braucht man einen Fahrplan, wie Turnhallen so zügig wie möglich freigezogen werden können. Diese Perspektive benötigen die Schüler und Sportler, die die Hallen hergeben mussten. Vor allem aber brauchen die Flüchtlinge eine Perspektive, aus den Massenquartieren, wo schnell Konflikte entstehen können, herauszukommen.