Kommentar

Flüchtlinge brauchen eine Perspektive - und keine Turnhallen

Das Chaos um die Flüchtlinge in Berlin hat sich zuletzt gelegt. Dennoch sollte man keine Zeit verlieren, kommentiert Joachim Fahrun.

Seit vielen Wochen versuchen Sozialsenator Mario Czaja und Flüchtlingsstaatssekretär Dieter Glietsch bei der Unterbringung von Asylsuchenden „vor die Lage“ zu kommen. Das bedeutet, man möchte Notlagen vermeiden, in denen innerhalb von zwei Stunden Turnhallen requiriert und rudimentär ausgestattet werden, um Obdachlosigkeit zu vermeiden.

Und die beiden haben die ruhigeren Tage über Weihnachten und den Jahreswechsel genutzt, um 6000 zusätzliche Unterbringungsplätze in Betrieb zu nehmen. Eine solche Reserve in neuen und vergrößerten Unterkünften könnte in Verbindung mit gesunkenen Ankunftszahlen tatsächlich für eine gewisse Entspannung sorgen. Es zahlt sich offenbar aus, endlich die Immobilienkompetenz des Landes zu bündeln und koordiniert vorzugehen.

Keine Zeit, sich zurückzulehnen

Wenn es zudem gelingt, die hässlichen Szenen frierender Menschen vor dem berüchtigten Lageso-Gelände an der Turmstraße zu vermeiden, dann hätte die Hauptstadt einen Sprung nach vorn gemacht, auch wenn die Bilder des Behörden- und Politik-Versagens lange im Gedächtnis bleiben werden.

Zeit, sich zurückzulehnen, bleibt jedoch keine, weder für den angeschlagenen Sozialsenator Czaja noch für seine Mitarbeiter. Denn auch wenn niemand mehr auf der Straße schlafen müsste oder in Turnhallen eingewiesen würde: Dass Zehntausende Menschen über viele Monate hinweg in Gewerbehallen, Sportanlagen oder Flugzeughangars leben müssen, ist keine Lösung.

Die Flüchtlinge brauchen eine Perspektive

Berlin hat in der Vergangenheit viel zu wenige ordentliche Gemeinschaftsunterkünfte mit Sozialräumen, Privatsphäre und Kochgelegenheiten eröffnet. Es rächt sich, dass das Lageso monatelang wie gelähmt war – nach den Vorwürfen von Mauschelei und Vetternwirtschaft bei der Vergabe von Betreiberverträgen für Flüchtlingsunterkünfte.

Als nächstes braucht man einen Fahrplan, wie Turnhallen so zügig wie möglich freigezogen werden können. Diese Perspektive benötigen die Schüler und Sportler, die die Hallen hergeben mussten. Vor allem aber brauchen die Flüchtlinge eine Perspektive, aus den Massenquartieren, wo schnell Konflikte entstehen können, herauszukommen.