Kommentar

Am Tod von Mohamed und Elias ist nur der Täter schuld

| Lesedauer: 4 Minuten
Diana Zinkler
Menschen haben für Mohamed am Lageso Kerzen angezündet

Menschen haben für Mohamed am Lageso Kerzen angezündet

Foto: Sean Gallup / Getty Images

Die Morde von Silvio S. sind unfassbar. Man darf sie nicht instrumentalisieren, meint Diana Zinkler.

Die Suche nach Mohamed hat Berlin in Atem gehalten. Die Mitarbeiter am Lageso, die Ehrenamtlichen, die den Flüchtlingen helfen, die Polizisten, die in Sonderschichten Moabits Straßen, Häuser und Keller durchsuchten, aber auch diejenigen, die nicht unmittelbar an der Suche beteiligt waren, sind schwer betroffen. Halten Mahnwachen, legen Blumen vor der Berliner Erstaufnahmestelle ab, dort, wo Mohamed verschleppt wurde. Zünden Kerzen an, wollen für die Familie des Kindes spenden. Drücken ihre Trauer und Mitgefühl in den sozialen Netzwerken aus.

Auch als am 8. Juli Elias in Potsdam verschwand, halfen Tausende Menschen bei der Suche. Nicht nur Polizisten, auch Nachbarn und Ehrenamtliche durchkämmten die Stadt, Vororte, Wälder und Felder.

Ganz Deutschland litt und fieberte Wochen und bei Elias Monate mit. Und hoffte, je länger beide Suchen dauerten, noch irgendwie auf ein gutes Ende. Oder zumindest darauf, dass Mohamed und Elias irgendwie überlebt hätten.

Und jetzt stockt uns der Atem. Der Mann mit dem Bart und der Brille, nach dem die Polizei – dank der Aufnahmen der Überwachungskameras – fahnden konnte, hat diese beiden Kinder umgebracht. Auf widerwärtigste Weise. Selbst der friedvollste Mensch kann Hass fühlen, wenn er sich auf die Details der Tat einlässt.

Die Suche nach Erklärungen

Es ist der Albtraum, der nicht nur Eltern nicht einschlafen lässt, der sich in unserer unmittelbaren Nähe verwirklicht hat. Ein Mann verschleppt Kinder und tötet sie. Dass es böse Menschen gibt, versuchen wir unseren Kindern klar zu machen. Wir versuchen sie zu warnen und sagen: Geh niemals mit Fremden mit! Aber wie soll man ihnen diese Tat erklären?

Wir wissen noch zu wenig über den Fall. Aber den Täter wird zum Schutz der Allgemeinheit wahrscheinlich eine lebenslange Sicherungsverwahrung erwarten. Soweit sich das bisher beurteilen lässt.

Trotzdem bleibt ein leeres Gefühl. Wenn etwas so Schreckliches passiert, suchen wir nach Erklärungen, nach noch mehr Schuldigen. Wie zum Beispiel die Berliner Grünen-Landesparteivorsitzende Bettina Jarasch, die mit Blick auf den Berliner Senat sagte: „Was mich zugleich umtreibt, ist die Sorge, dass es die chaotischen Zustände am Lageso waren, die dem Täter eine Entführung so leicht gemacht haben.“

Armseliges Instrumentalisieren des Falls

Auch der Türkische Bund in Berlin-Brandenburg sieht die Landesregierung in der Mitverantwortung: „Der Berliner Senat trägt mit seiner unendlich verlangsamten Reaktion auf die seit Monaten bemängelten chaotischen Verhältnisse vor dem Lageso eine Mitschuld daran, dass dieses grausame Verbrechen begangen werden konnte“, sagte Ayse Demir, Vorstandssprecherin des TBB. Das sind armselige Versuche, dieses Verbrechen für die eigenen Absichten und Forderungen zu instrumentalisieren.

Nicht der Senat ist schuld daran, dass ein Mann ein Kind anlockt und entführt. Es ist der Täter, der wahrscheinlich allein gehandelt hat. Der auch vorher schon Elias aus Potsdam von einem Spielplatz verschleppte, der unmittelbar in der Nähe von Elias Elternhaus liegt.

Der Täter hat weder als ehrenamtlicher Helfer beim Lageso gearbeitet, noch für die Behörden, noch hat er Kinder betreut. Er lebte bei seinen Eltern. Eher unauffällig und ängstlich. Silvio S. wurde gestoppt und wird hoffentlich nie wieder Gelegenheit bekommen, sich einem Kind zu nähern.

Was neben der Fassungslosigkeit bleibt sind die Gedanken an die Eltern der beiden Jungs. Sie wissen nun mit schrecklicher Gewissheit, was ihren Kindern passiert ist.

Und der Gedanke an die Mutter des Täters.

Sie tat am Ende das Schwerste, was eine Mutter tun muss. Sie verriet ihr eigenes Kind und meldete es der Polizei. Jedenfalls tat sie das Richtige.