Silvio S.

„Er hat uns das hinterlassen, wir müssen damit leben“

Silvio S. hat die Morde an Mohamed und Elias gestanden. Die Menschen in seinem Wohnort Kaltenborn sind fassungslos.

Die Dorfstraße im Niedergörsdorfer Ortsteil Kaltenborn liegt am Freitag im Nebel. Hier hat der Tatverdächtige Silvio S. bei seinen Eltern gelebt

Die Dorfstraße im Niedergörsdorfer Ortsteil Kaltenborn liegt am Freitag im Nebel. Hier hat der Tatverdächtige Silvio S. bei seinen Eltern gelebt

Foto: Steffen Pletl

Am Tor der Lagerhalle lehnt Armin Stark. Sein Blick ist unruhig, immer wieder schweift er in die Ferne, bleibt an den schier unendlichen Feldern hängen, über denen ein diesiger Film liegt. Stark schüttelt den Kopf, aber er kann die schlechten Gedanken nicht vertreiben. „Der Berti“, sagt er, „nie im Leben, der Bengel. Ich hätte ihm noch nicht mal zugetraut, dass er den Weg nach Moabit findet.“

„Berti“, so nennen sie Silvio S. in seinem Heimatdorf Kaltenborn im südlichen Nirgendwo von Brandenburg. Den Grund kennt keiner mehr genau, vielleicht fand einer mal, dass er aussieht wie der Bert aus der Sesamstraße. Ein anderer Spitzname: „Öh“. Weil er so maulfaul sein soll. „Man musste immer ziemlich bohren, um etwas aus ihm herauszubekommen“, sagt Stark, der seit 52 Jahren in Kaltenborn lebt, im Ort eine Gerüstbaufirma betreibt und eigentlich gar nicht mit den Medien sprechen wollte. Der jetzt aber doch spricht, viel sogar, als müsse er sich den Schock von der Seele reden.

„Ich habe noch mit ihm gesprochen“

Berti, der unauffällige, ruhige Berti, der jeden Morgen mit seinem Hund spazieren ging, der fünf Meter zurückwich, wenn man ihn zu laut ansprach, der nicht als die hellste Kerze im Leuchter galt, dieser Berti also soll ein Kindermörder sein?

Nicht weit von Starks Lagerhalle entfernt liegt noch die Asche von der letzten Feier. Zweimal im Jahr kommen sie in Kaltenborn zusammen, zum Osterfeuer und zum Herbstfeuer. „Gesellige Feiern“ sind das, heißt es auf der Webseite des 84-Seelen-Dorfes. Das letzte Mal am Sonnabend vor einer Woche. Auch Silvio S. war dort. „Ich habe noch mit ihm gesprochen“, erinnert sich Stark.

S. habe ihm von seinem Job berichtet, dass er inzwischen 1200 Euro im Monat bei einer Wachschutzfirma in Teltow verdiene. Alles wie immer. Anderswo ist zu hören, dass der nicht allzu gesellige S. mehr Alkohol als gewöhnlich getrunken haben soll. Insgesamt aber nicht anders als sonst. Und doch ist jetzt alles anders.

Im Haus der Familie sind wieder die Ermittler im Einsatz

Das Haus der Familie S. ist eines der letzten im Ort, dahinter tritt die Landstraße wieder ihren einsamen Weg in die Pampa an. Ein Gemäuer in schmutzigem Braun, zweistöckig und etwas heruntergekommen. „Werbung“ steht in blauer Schrift auf dem Briefkasten und darunter „Danke“. Auf das plattgetretene Stückchen Wiese an der Einfahrt hat jemand eine Kerze und eine weiße Rose abgelegt. Hier lebt Silvio S. mit seinen Eltern. Dieter S. war früher Schäfer. Auch seine Frau und Silvios Mutter ging diesem Beruf lange nach. Inzwischen soll sie als Leiterin eines Getränkemarkts in Luckenwalde arbeiten. Eine jüngere Schwester, die Mutter von zwei Kindern ist, lebt nicht mehr dort.

Jetzt sind im Haus die Ermittler der Kriminalpolizei zugange, draußen stehen Polizeiwagen. Ein Beamter im weißen Schutzanzug überquert die Straße. Und dazwischen: Journalisten, Kamerateams. Sie klappern die Häuser ab auf der Jagd nach Details aus dem Leben des Silvio S. Öffnet sich eine Tür, wird der Schlüssel vorab meist mehrfach umgedreht. Die meisten kannten S. – zumindest vom Sehen.

Den weißen Dacia Lodgy kannte hier jeder

In Orten wie Kaltenborn ist es unmöglich, sich aus dem Weg zu gehen. Hat jemand ein neues Auto, macht das schnell die Runde. Den weißen Dacia Lodgy, in dessen Kofferraum die Leiche von Mohamed lag, kannte hier jeder. Von den wenigen, die etwas über den 32-Jährigen sagen wollen, bekommen die Reporter am Freitag immer das gleiche zu hören: Ruhig. Unauffällig. Zurückhaltend. In keiner Weise aggressiv oder bösartig. „Ich war überzeugt, dass der keiner Fliege was zuleide tun kann“, sagt eine Nachbarin.

Auch deshalb verwarf Armin Stark sofort den Gedanken, der ihn überkam, als er in der Zeitung die Fahndungsfoto sah, die die Polizei auf der Suche nach Mohamed veröffentlicht hatte. „Ich habe zu meiner Frau gesagt: Der sieht doch aus wie Berti“, sagt Stark und muss lachen, weil der Gedanke, dass da Silvio S. auf den Bildern zu sehen war, heute wie damals immer noch absurd erscheint. Trotzdem macht sich Stark, der einen Sohn im Alter von S. hat, jetzt Vorwürfe. Hätte er reagieren müssen? Und er sorgt sich darum, was die Ereignisse mit dem Ort machen werden.

Vom nächstgelegenen Bahnhof in Niedergörsdorf fährt der Bus nur ein paar Mal am Tag nach Kaltenborn . Meist ist er leer. „Ach du Scheiße“, sagt ein junges Mädchen mit Piercing in der Nase, als es nach dem Weg nach Kaltenborn gefragt wird. Ihr Gesichtsausdruck lässt schließen: Kaltenborn ist kein Ort, der es wert ist, dass man ihn besucht. Im Dorf gibt es ein paar Handwerksbetriebe, aber keinen Supermarkt. Einmal täglich kommen ein Bäcker und ein Fleischer vorbei. „Ich brauche drei Sekunden bis zum Tor. Und du?“, warnt ein Schild an einer Hauswand potenzielle Einbrecher vor dem Wachhund.

Kaltenborn, was „kalter Brunnen“ bedeutet, wurde 1225 zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Einer Legende nach soll zwischen Kaltenborn und Niedergörsdorf ein Schatz liegen. Nur sieben Mann mit Namen Hans sollen in der Lage gewesen sein, ihn zu bergen. Unter der Bedingung, dass sie keinen Laut von sich geben. Als der Schatz zum Greifen nah war, rief einer „gleich geschafft“ und der Schatz war dahin.

„Kaltenborn ist ein Ort, der funktioniert“

In der Küche von Christian Laiblin ist es gemütlich. Der pensionierte Tierarzt wohnt in einem alten Bauernhaus, seine Frau kommt bald aus dem Urlaub zurück. Laiblin hat sich warme Worte zurechtgelegt für den Ort, in dem er mit großer Mehrheit zum Ortsvorsteher gewählt wurde. „Kaltenborn ist ein Ort, der funktioniert“, sagt der 68-Jährige, „jeder ist integriert, die Leute halten zusammen“. Laiblin, der einst aus Berlin nach Kaltenborn gezogen war und dessen eigene Kinder früher mit Silvio S. aufgewachsen sind, will keine Informationen über ihn preisgeben. Aus Respekt vor den Opfern, den Eltern der Opfer, den Eltern des Täters, wie er sagt.

Laiblin weiß aber auch, dass er sich des Themas annehmen muss. Man habe sich bereits kurzgeschlossen, bald soll eine Versammlung einberufen werden. Denn sicher ist: Es wird noch mehr Leute geben wie Armin Stark. Die sich jetzt Vorwürfe machen, weil sie die Fotos von S. gesehen und nichts unternommen haben.

Laiblin will auch dafür sorgen, dass die Eltern von S. den nötigen Schutz und Respekt erfahren. Er will nicht, dass man sie beschuldigt. „Niemand kann komplett in einen Menschen hineinsehen, auch nicht die Eltern“. Und Laiblin will deutlich machen, dass die Kaltenborner nicht mehr von den Verbrechen betroffen sind als andere, die darin involviert oder interessiert sind.

Doch der Ortsvorsteher wird aufpassen müssen, dass sich nicht Argwohn und Panik ausbreiten. Eine junge Mutter, die vier Häuser neben der Familie S. wohnt und ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will, ist beunruhigt. „Man weiß ja noch nicht, ob man seine Kinder allein auf die Straße gehen lassen soll.“ Und dass jeder die Morde jetzt irgendwie mit sich selbst ausmachen müsse. Wie genau, das wisse sie noch nicht, es werde mit der Zeit hoffentlich von selbst passieren.

Armin Stark weiß, dass sich die Zeit nicht zurückdrehen lässt. „Berti hat uns das hinterlassen“, sagt er, „und wir müssen damit leben.“