Endlich sind sie wieder da: Die kleinen schmalen Gläser, die man erst mit leuchtenden Flüssigkeiten füllen und dann sanft schwenken darf. Erst wird genippt, später langsam getrunken. Zum Schluss leckt man sich die Lippen, damit einem ja nichts von dieser süßen Köstlichkeit namens Likör entgeht.
Vor allem aromastarke Produkte von kleineren Erzeugern wie der „Preussischen Spirituosen Manufaktur“ im Wedding oder der „Feinbrennerei Sasse“ in Münster sind gefragt. Auch internationale Klassiker wie der gelbe italienische Kräuterlikör „Galliano“ oder der französische Holunderlikör „St. Germain“ werden zunehmend beliebter.
Doch sie haben nichts gemein mit dem Image eines Likörchens: Einen mit seiner gemeinen Süße geradezu zu erschlagen und nur ein eher pappiges Aroma zu hinterlassen.
Genau genommen waren Liköre niemals aus den Bars und den Wohnzimmerschränken verschwunden. Eine wichtige Cocktail-Zutat für Drinks wie den Cosmopolitan sind Orangenliköre wie Grand Marnier. Auf den Barkarten laufen sie allerdings meist unter der Bezeichnung „Triple Sec“. Campari, Aperol, Ramazotti und Cointreau fallen ebenfalls unter die Gattung der stark zuckerhaltigen Spirituosen. Dennoch verdrehten viele die Augen, wenn sie das Wort Likör auch nur hörten. Es wirkte so hoffnungslos gestrig, wie Nierentische und Karottenhosen zusammen.
Steigende Nachfrage
„Die Nachfrage nach Likör ist in den letzten Jahren gestiegen. Unsere Kunden fragen uns häufig danach“, sagt Sebastian Weichbrodt, der mit seinem Kompagnon Sven Nemitz die Manufaktur „Genussstreich“ betreibt. Spezialisiert sind der Koch und der Patissier auf Fruchtaufstriche, Marmeladen und Eingemachtes. Vor Kurzem haben sie ein Ladengeschäft mit Café in Wilmersdorf eröffnet. In diesem Jahr noch möchten sie einen Kaffeelikör und Fruchtliköre auf den Markt bringen.
Derzeit wird bereits für das Oster-Geschäft fleißig Eierlikör produziert, der von den Stammkunden seit Wochen sehnsüchtig erwartet wird und ebenfalls ein Comeback erlebte. Verwendet werden in der Manufaktur nur frische Zutaten und Vanilleschoten. Den Unterschied zu Massenprodukten die mit Flüssigei und Aromastoffen hergestellt werden, schmeckt man deutlich.
„Eierlikör lässt sich leicht zu Hause selbst herstellen“, sagt Sebastian Weichbrodt. „Man kann ruhig ein wenig mit Aromen experimentieren und außer mit Vanille auch mit etwas Zimt und Zitronenzesten abschmecken. Allerdings darf man es dabei nicht übertreiben, sonst verliert er sein typisches Aroma.“ Eine Woche sollte ein Eierlikör ruhen dürfen, damit sich der Geschmack voll entfaltet.
Tausendsassa Eierlikör
Dann aber ist er vielfältig zu verwenden. Er schmeckt pur, aber auch als Soße zum Eis, oder aber er verfeinert süße ebenso wie deftige Speisen – ideal auch für die Ostertafel. In den kommenden Wochen begleitet er auch Spargelgerichte. Für einen Spargelsalat kocht man Eier hart, streicht das Eidotter durch ein feines Sieb und rührt es mit mittelscharfem Senf, Mayonaise, süßer Sahne, Essig, Zitronensaft, dem selbstgemachten Eierlikör, Weißwein und Magerjoghurt glatt. Abgeschmeckt wird mit Salz und weißem Pfeffer.
Anschließend werden große Tomaten geschält, entkernt und in feine Würfel geschnitten. Schnittlauch so fein wie möglich schneiden und mit den Tomaten in die Soße geben, zuletzt noch geschlagene Sahne unterheben.
Nun noch den rohen Spargel schälen, in feine Scheiben schneiden und mit Zitronensaft beträufeln. Beim Anrichten den Spargel mit der Eierlikörsoße überziehen, mit gehacktem Eiweiß bestreuen und mit etwas Petersilie garnieren. Likör ist eben alles andere als ein verstaubtes Getränk, sondern sehr aktuell...










