Inmitten von Schnaps, von Likören, von Cognac, von Whisky, von Rum und Klosterlikör, da steht Doktor Kochan. In der Immanuelkirchstraße 4 im Prenzlauer Berg (Tel.: 030-34 62 40 76, www.schnapskultur.de). Wo die Weinladendichte so hoch ist, wie nirgendwo. Wein, pah. Doktor. Kochan gibt sich nicht so leicht zufrieden. Wein, sagt er, nein, ich liebe Spirituosen. Und er kennt sich aus.
Dr. Kochan hat nämlich promoviert. Der Ethnologe Kochan schrieb eine wundervolle Doktorarbeit über die Kulturgeschichte des Alkohols in der DDR. So wurde er zu Doktor Kochan. Im Aufbau-Verlag ist die unter dem Titel „Blauer Würger“ als Buch veröffentlicht worden.
An der Immanuelkirchstraße betreibt Doktor Kochan sein Geschäft „Dr. Kochan Schnapskultur“ und mit seinem Freund Theo Lighart organisiert er in der Markthalle Neun vom 3. bis zum 5. April 2014 Berlins erstes Schnaps-Festival, auf dem ausschließlich natürlich und handwerklich Hergestelltes vorgestellt wird. Es heißt „Destille 2014 – Craft Spirits Festival.“ (Alle Informationen unter www.destilleberlin.de)
Ihn kennen sie alle hier
Wir sitzen vor seinem Laden auf der kleinen, weißen Bank. Immer wenn einer vorbei geht, winkt Doc Kochan. „Hallo.“ –„Hallo.“ – „Hallo.“ – „Hallo.“ Den Doc kennen sie hier alle. Ist ja eine kleine Straße. Der Postbote bringt irgendwo Pakete hin. Schnauft, als er aus dem Haus mit den fünf Stockwerken rauskommt. Pakete von Weinversandhäusern nimmt der Doktor nicht an, aus Solidarität mit den Händlern in seiner Straße. „Warum sollte denn Wein im Internet bestellen, wenn ich ihn hier kaufen kann?“ Kochan ist einer von denen, die an das Ladengeschäft glauben. Seine Auswahl gibt ihm Recht.
Vor etwas mehr als drei Jahren eröffnete er sein Geschäft. Weil es in Berlin nichts zu trinken gab. Also keine guten Spirituosen. sagt er. Durch seine Promotion merkt Kochan erst, wie sehr er Spirituosen schätzt, wie sehr er vor allen Dingen das Handwerk dahinter verstehen will. Wenn Kochan von der Ährigen Edelraute spricht (Artemisia genipi) oder von der Scharfgarbe (Achillea), dann ist das wie in alten Erzählungen aus dem Orient. Im Dunkel der Nacht, an einem Feuer sitzend. Irgendwo ist der Morgenstern, und einer trägt einen Turban und hat smaragdfarbene Augen, und er erzählt, er habe den Stein der Weisen gefunden.
Kein Turban und kein Gewand
Aber wir sitzen ja in der Immanuelkirchstraße. Und der Doktor Kochan trägt keinen Turban und auch kein weites Gewand, und es ist taghell. Weise ist er schon. Aber eben nicht aus dem Morgenland. Sein Hemd ist kariert, Jeans, Chelsea-Boots, die groben mit Gummi-Sohle. Er trägt eine Brille und hat sich vielleicht einen Tag nicht rasiert. So schaut jemand aus, der sich mit Schnaps auskennt, es aber geschafft hat, sich eher wissenschaftlich und kaufmännisch damit auseinander zu setzen.
Wenn Kochan trinkt, dann nicht wie Dostojewksi, nicht wie E.T.A. Hoffmann, nicht wie Bukowski. Kochan sucht im Trinken keinen Rausch, Er sucht im Nebel nicht die vermeintliche Klarheit. „Ich trinke meist nur ein Glas. Freitagabend auch mal ein zweites. Aber mit Rausch habe ich nichts zu tun.“ Kochan sucht die Trinität des Trinkens.
Die dritte Dimension des Trinkens
Zwei Dimensionen, die wollen die meisten vereint wissen. „Spirituosen, die nur gut riechen und gut schmecken, da fehlt mir die dritte Dimension.“ Die dritte Dimension, das ist für Kochan das Handwerk. Wie wird produziert? Kochan ist Purist. Nur natürliche Zutaten. Nur von Hand. Keine Fabrik.
Dr. Kochan verkauft Produkte, die man im Supermarkt nicht finden wird. Kochans Schnäpse kommen aus Handwerksbetrieben. Aus dem Mairatal in Italien zum Beispiel. Das liegt in den Cottischen Alpen und ist direkt an der Grenze zu Frankreich. Dort wohnt Matteo Laugero mit seinen Söhnen und sie machen die besten Liköre. Genepy und Amaro sind seine Wunderwerke.
Sein Genepy ist ein ganz feiner Kräuterlikör. „Palent Genepy“ heißt der. 0,5 Liter für 27,90 Euro bei 38 Volumenprozent Alkohol. Auf 1600 Metern Höhe ist also der alte Matteo. Matteo ist Jahrgang 1931 und er liebt diesen Likör, er liebt diese Pflanze. Ährige Edelraute. Das ist seine Pflanze. Die wächst nur dort bei ihnen im Tal.
Entdeckung beim Wandern
Doktor Kochan war dort wandern. Rucksack. Wanderschuhe. Durch die Berge laufen. Und da lief er also bei dem Matteo vorbei. „Ich hab ihn aus dem Mittagsschlaf geklingelt. Und ich kann ja kein Wort Italienisch. Aber bei der Verkostung in der Küche haben wir uns wunderbar verstanden.“ Sie haben sich schließlich auf Französisch als Sprache geeinigt. Geht ja, wegen der Grenznähe. Und der Matteo und seine Söhne, die legen die Kräuter noch von Hand in den Alkohol dort. Keine Kräuteressenzen, richtige Kräuter. Die ziehen ihre Ährige Edelraute selber. Sie sammeln die Samen für den nächsten Anbau von den eigenen Pflanzen ein. Den Palent Genepy kriegt man nur beim Matteo auf dem Hof. In Turin verwenden einige Sternerestaurants seine Liköre zum Kochen. Doktor Kochan ist der Einzige weit und breit, der so was anbietet. Und da ist er stolz drauf.
Doktor Kochan wird in der DDR geboren. In Cottbus. Sein Großvater hat jeden Sonntagnachmittag immer einen Cognac getrunken. Natürlich war das gar kein Cognac, sondern ein Weinbrand. Seine Eltern waren eher Asketen. 1989 zieht Kochan nach Berlin. Die Mauer steht noch. Wer nach Berlin will, der muss, damit er eine Wohnung dort kriegt, eine Arbeit haben. Wer aber eine Arbeit in Ost-Berlin haben will, der muss eine Wohnung haben. Kochan verdingt sich auf dem Bau. Als Estrichleger. Er wohnt in Marzahn und schafft in Hellersdorf. Zwei Monate nach seiner Ankunft fällt die Mauer.
„Glück nach Juhnke?“
Kochan zieht in die Prenzlauer Allee 36. Er geht da einfach hin. Weil eine Wohnung leer steht. Ein Freund hat ihm das gesagt. „Zweites Hinterhaus, abgeschrabbelt und oll, aber mit Toilette in der Wohnung.“ Kochan geht zur Wohnungsbaugesellschaft Friedrichshain. 50 Mark pro Monat zahlt er Miete. Dann wird er vorgeladen, weil es ja nicht seine Wohnung ist. Der Justiziar meint, er müsse 150 Mark Strafe zahlen. Mit dem Strafbescheid geht er zur Abteilung Wohnraumlenkung. Zeigt den Bescheid. So wurde die Prenzlauer Allee 36 seine eigene Wohnung mit Mietvertrag.
Am Anfang wollte er ja gar nicht studieren, nur einfach raus aus Cottbus, arbeiten. Der Job auf dem Bau, das war eine Notlösung, um nach Berlin zu kommen. 1990 beginnt er zu studieren. Bibliothekswissenschaften. Er macht ein Diplom. Dann noch Geschichte und Ethnologie. Kochan arbeitet in Museen in Bibliotheken, ehe er promoviert. Dann kommt der Schnaps, und er macht seinen Laden auf.
„Einverstanden, Herr Doktor Kochan, mit der Definition von Glück nach Harald Juhnke?“ „Glück nach Juhnke?“ „Leicht einen sitzen und keine Termine.“ „Klingt gut. Aber ich trinke ja nicht so viel. Sie wissen doch. Und tagsüber schon gar nicht. Es muss alles getan sein. Die Spülmaschine ausgeräumt und dann kann ich ein Glas trinken.“
Es ist erstaunlich, aber der Doktor Kochan trinkt wirklich nur für den Geschmack, den Geruch und das Wissen um die Herstellung. Da reicht ihm wirklich ein Glas. Viel lieber als von Partys, als vom Berliner Nachtleben, erzählt er vom Bruder Erwin. Der Bruder Erwin ist so einer wie der Matteo. Nur, dass er eben aus St. Ottilien kommt. Das ist ein Waldheiligtum im Breisgau. Bruder Erwin ist der Kellermeister und der verkauft nur an der Pforte. Zum Glück wohnt Doktor Kochans Schwiegervater in der Nähe. Der klingelt dann ab und an an der Pforte und kauft für Doktor Kochan ein.
Die Beck’s-Zeiten sind vorbei
Noch ist Kochans Geschäft ein Nischenmarkt. Aber es tut sich was. Die Beck’s-Zeiten, die so schön in Sven Regeners „Herr Lehmann“ beschrieben werden, die sind vorbei. Wer dieser Tage, was auf sich hält, der geht gute Drinks trinken. Der geht zu Becketts Kopf in die Pappelallee, der geht ins Butcher's an die Torstraße, ins Mandy's in die Reichenberger. Da mixen sie Drinks, die mal was kosten. Über zehn manchmal. Da gibt es keine Happy hour. Aber die Drinks machen glücklich.
Cocktails, das waren ja für die Achtziger-Generation bunte, süße Getränke, die es beim Inder für ein paar Mark gab. Süß, knutschblau wie so ein Hopper-Pool. Und es musste auf jeden Fall eine Ananas irgendwo dran kleben. Das war der Miami-Vice-Versuch. In den Neunzigern kam dann der Sex-And-The-City-Cocktail. Es musste über Sex gekichert werden, und jeder wollte einen Cosmopolitan wie Sarah Jessica Parker trinken. Und Gott sei Dank ist dann irgendwann Mad Men angelaufen. In Mad Men trinken sie Old Fashioned, sie trinken Mint Juleps, echte Getränke, die den Alkohol nicht kaschieren, sondern seine verschiedenen Geschmäcker und Aromen herausarbeiten. Der Purismus im Trinken kommt wieder.
Es wird gebraut und gebrannt in Berlin
In der Esskultur ist das für die Besserverdienenden schon selbstverständlich. Also das Brot aus Brandenburg, handgemacht. Der Käse von Bauern. Die Wurst vom kleinen Metzger. Nur besoffen werden wollen sie alle noch billig. Im Freundeskreis der Dreißigjährigen wird man immer noch komisch angeschaut, wenn man eine Flasche Wein für mehr als zwanzig Euro oder einen Schnaps für über 30 Euro mitbringt. Aber 30 Euro für vier Bier und den schlechten Abend im Club, das zahlen sie.
Zum Glück tut sich da auch was. In Berlin fangen sie wieder an, zu brauen und zu brennen. Craft-Beer und Craft-Liquors nennen sie das. Nach dem englischen Wort für Handwerk. Craft. Kleinserien. Wie Rollberg Bier. Oder den harten Stoff aus der Preussischen Spirituosen Manufaktur. Und der Doktor Kochan verkauft den Schnaps dann. Und Freitagabend, Sie wissen schon, wenn der Geschirrspüler ausgeräumt ist, wenn nichts mehr zu tun ist, wenn’s draußen dunkel wird, dann trinkt er auch ein Gläschen. Aber wirklich nur eins.



