Noch am Vorabend war Michael Kempf ahnungslos. Der 36-Jährige konnte noch ruhig schlafen, bevor am Donnerstagmorgen das Telefon klingelte. Er möge doch zur Präsentation des neuen „Guide Michelin“ kommen, wurde er gebeten. „Da habe ich mir schon so meine Gedanken gemacht“ sagt der Spitzenkoch aus dem Restaurant Facil. Nur zwei Stunden nach dem Anruf hat er die Gewissheit: Er gehört zu den Zwei-Sterne-Köchen, von denen es jetzt fünf in Berlin gibt. Neun Lokale haben einen Stern. Ein Drei-Sterne-Haus fehlt noch.

Der zweite Stern sei sein erklärtes Ziel gewesen, sagt Michael Kempf. Es habe ihn schon überrascht, dass es jetzt geklappt habe. Das mache 2013 für ihn zu einem ganz besonderen Jahr. Erst habe er geheiratet, dann den zweiten Stern – das mache seine Glück perfekt. Seit zehn Jahren ist er im Facil als Koch angestellt. Das erste Mal am Herd stand er allerdings, als er 16 Jahre alt war. Weil er mit dem Lehrer des Technik-Kurses nicht zurecht kam, wechselte er in den Hauswirtschaftskurs. „Vielleicht auch ein bisschen wegen der Ladies“, sagt Kempf. In dem Kurs sei es üblich gewesen, die einfachen Gerichte in Schüsseln zu präsentieren. Schon dort habe er damit angefangen, die Gerichte auf vorgewärmten Tellern zu servieren, erzählt er.

Zuhause kocht seine Frau

Michael Kempf wohnt in Kreuzberg und lässt zu Hause seine Frau kochen. „Da bin ich ganz entspannt“, sagt er. Im Restaurant steht bei ihm Geschmack vor Design. Wert legt er auf alte Gemüsesorten, wie Wildkräuter und Rote Bete, aber auch auf seine eigenen Gewürzmischungen. Auf Sättigungsbeilagen, also Kohlenhydrate, verzichtet er gern.

Mit dem zweiten Stern für das Restaurant Facil soll sich für die Gäste nichts ändern. „Wir haben viele Stammgäste, die wegen unserer Küche kommen“, sagt Kempf. Also werde er daran jetzt auch nichts ändern. Er wolle weitermachen, wie bisher und jeden Tag beste Qualität abliefern. Seit 1900 gibt es den Guide Michelin, 1910 erschien er das erste Mal in Deutschland. Ursprünglich sollte er Autofahrern praktische Tipps für den Reifenwechsel, den Benzinkauf, Restaurants und Hotels geben. 1926 wurden die erste Sterne vergeben.

Jedes Jahr sind bis zu 500 Mitarbeiter für den Hotel- und Restaurantführer im Einsatz. Die Tester probieren und bewerten im Laufe eines Jahres im Schnitt 200 bis 250 Gerichte. Sie kommen immer unangemeldet und zahlen wie jeder andere Gast ihre Rechnung. Oft bleibt ihr Besuch von den Köchen unbemerkt. Die Inspektoren beobachten aber auch die aktuellen Trends. In Berlin haben sie festgestellt, dass sich die Stadt mit ihrem „multikulturellen Charakter mehr und mehr zu einem kulinarischen Zentrum in Europa“ entwickelt. Vor allem ziehe die Stadt Küchenchefs aus dem Ausland an. In der Ausgabe 2014 für Deutschland sind insgesamt 274 Sterne-Adressen verzeichnet. Zum Vergleich: 2009 waren es 216 Lokale, die mindestens einen Stern vorweisen konnten.