Bildband

Bar 25 - Ein verflossener Hippie-Traum mitten in Berlin

Carolin Saage war die Einzige, die das nächtliche Treiben der legendären Bar 25 am Ufer der Spree fotografierte. Eine sehr subjektive Liebeserklärung an die Vergangenheit in Friedrichshain.

Nach dem Film kommt jetzt das Buch. Der Bar 25, dem ehemaligen Club an der Spree, der inzwischen fast von der Mystik eines Wallfahrtsort wie Lourdes lebt, nur ohne Marienerscheinung eben, wird innerhalb von dreizehn Monaten schon das zweite Denkmal gesetzt. Die Fotografin Carolin Saage veröffentlicht mit "25 / 7" einen quasi-dokumentarischen Bildband über die sieben Jahre Lebensdauer der Bar.

Schon beim Film "Bar 25 – Tage außerhalb der Zeit" musste der Betrachter aufpassen. Eine Dokumentation war das nämlich nicht. Die Regisseure Britta Mischer und Nana Yuriko waren Teil der Gemeinschaft, die sich auf einer Brachfläche in Friedrichshain eine Spielwiese anlegten, auf der Konfetti- und Champagner-Tulpen blühten.

Das Wetterleuchten kam von den Scheinwerfern, der Donner aus den Boxen. Ihr Film über die Bar 25 war ein naturalistischer Hippie-Traum inmitten der Großstadt, ein Werther ohne Selbstmord. Und auch Carolin Saage wahrt nicht die Distanz einer Dokumentarfotografin.

Feiern, fotografieren, leben

Sechsundzwanzig ist sie, als sie von den Machern der Bar 25 gebeten wird, die Wahrwerdung ihrer Träume zu fotografieren. Zehn Jahre ist das jetzt her. Zu diesem Zeitpunkt ist sie schon gelernte Fotografin. Geboren im Muldental in Sachsen, vor der Wende mit den Eltern noch in den Western rüber.

Über Kiel kommt sie nach Berlin, um Mode zu fotografieren, geht mit den richtigen Leuten aus, den Leuten, die eben jene Bar eröffnen, von der man heute in der New York Times, auf der ganzen Welt berichtet. Von Anfang an durfte niemand in der Bar fotografieren, niemand außer Carolin. Über sieben Jahre hat sie das gemacht.

Zunächst einmal darf man der Fotografin die fehlende Distanz gar nicht übel nehmen. Den Bildern tut das zweifelsohne gut.

In einem Raum, in dem man fast alles darf, braucht es einen gewissermaßen ausgewiesenen Chronisten, jedenfalls um die Würde der Gäste und auch der Betreiber zu wahren. Sicherlich, es hätte unschöne Bilder geben können. Von Exzessen, von Menschen, die es gehörig übertrieben haben. Aber am Ende zeigt "25 / 7" reine Ästhetik.

Auf der Terrasse des Kater Holzig sitzend, dem Nachfolger der Bar, erklärt Carolin Saage ihren Blick. "Wenn ich eine Situation fotografiert habe, die nicht so schön war, ist die bei mir immer schön rausgekommen." Ihr Gegenüber spiegelt sich in einer Sonnenbrille. Es ist wirklich hell an diesem Nachmittag und heiß. Darauf eine Apfelschorle. "Prost", sagt sie mit einer angerauten Stimme, die etwas erlebt hat.

"Die Bar 25 war nicht das Studio 54"

In ihrem Bildband sehen wir Frauen auf weißem Pelz sitzend Zigaretten rauchen, wir sehen unperfekt perfekte Pos in Halterlosen, Geldscheine in Netzen aus dem Pool, Typen in orangefarbenen Anzügen, Totenkopfgeschminkte, Konfettibadegäste, Schlammtaucher und Nackedeis an letzten Sommerabenden.

"Die Bar 25 war nicht das Studio 54", sagt sie, auf den berühmten New Yorker Club anspielend. Tatsächlich – und das ist merkwürdig, weil die Paradiesvögel in der Bar natürlich gesehen werden wollten, wenn auch unter ihresgleichen und mit einer Art von freakiger Anerkennung – ist ihre Arbeit nicht als Gesehen-und-Gesehen-werden-Fibel zu verstehen.

Natürlich haut der Musiker Bonaparte auf seine Gitarre, der Tänzer Eike von Stuckenbrok krallt sich nackt wie ein Greifvogel auf dem Kopf einer Puppe fest. Aber das sind Schnappschüsse. Trotzdem muss man sich fragen: Ist das inszeniert? Beziehungsweise: Kann man denn überhaupt etwas Echtes an einem durch und durch inszenierten Zufluchtsort, in diesem utopischen Spielplatz für Erwachsene finden? Das verhuschte Porträt von Sascha Ring zum Beispiel zeigt es.

Der Musiker – damals war er noch nicht so weltbekannt unter seinem Namen Apparat – schaut links am Betrachter vorbei in die Ferne. Gerade hat er realisiert, dass die Technik nicht so will, wie er will. Ein großer Moment der Unsicherheit, festgehalten durch die Kleinbildkamera mit der festen Brennweite.

So war Berlin am Anfang des neuen Jahrtausends

Den nachfolgenden Generationen wird dieser Bildband zeigen, wie Berlin am Anfang des neuen Jahrtausends war. Zumindest ein Teil der Stadt. Nach Noise kam Techno, danach der neue Techno. Bauten die Einstürzenden Neubauten aus den Trümmern der Hauptstadt einen nihilistischen Lärm auf, die DJs aus den übrig gebliebenen Stücken der Mauer einen Love-Soundtrack der Endorphine, so hat die nachfolgende Generation der Bar-Betreiber die Brachflächen durch gemeinsame Anstrengung in blühende Landschaften verwandelt.

Zwei Dinge lässt Carolin Saage dabei außen vor. Zum einen die harte Arbeit, die dahinter steckt. Die Betreiber, die vielen Freunde, die das möglich gemacht haben, sieht man meist als Teil der Party. Und zum anderen der Treibstoff, der die Bar 25 befeuert hat. Denn mit Karotten-Ingwer-Suppe aus biologischem Anbau allein kann niemand drei Tage am Stück durchfeiern. So ist "25 / 7" ein kurzweiliges Bilderbuch von einem rauschenden Fest.

Eine Liebeserklärung an die Vergangenheit. Mal in laut schreiendem Neon der Nacht und mal in unterkühlter Nacktheit. Dokumentarisch ist es nicht.

Contributed, Strausberger Platz 16, Friedrichshain. Di-Fr, 14-19 Uhr, Sa 12-16 Uhr. Bis 27. August.

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