Das ganze Jahr über nimmt die Berlinerin München modisch gesehen nicht weiter wahr. Bis auf wenige Wochen im Spätsommer, wenn das Oktoberfest näher rückt und – für den Abstecher nach München oder für einen Berliner Ableger – ein Dirndl her muss. Immer wieder, erzählt Modemacher Gregor Marvel, hätten Freundinnen ihn um einen Tipp oder, besser noch, ein Kleid gebeten. Bis er sich irgendwann im Südafrika-Urlaub hinsetzte und einen Entwurf in sein Notizheft zeichnete.
Jetzt gibt es also ein Berlin-Dirndl. Mit weitem Rock und Mieder, wie beim bayerischen Gegenstück. Aber ohne Schürze und Schnürung, dafür mit Stretch, etwas entspannter eben. Genau wie das Geschäft, in dem Gregor Marvel seine Entwürfe verkauft: Ein „Mode-Kunst-Kultursalon“ ist die „Friendly Society“ in Mitte. Verkauft werden Kunst und Mode, Kaffee und Kuchen gibt es auch und eine Plauderstunde mit dem Inhaber gratis dazu.
Seit 2006 sind Gregor Marvel und Christian Heinrich mit der „Friendly Society“ in der Griebenowstraße. Die Räume in der Gipsstraße, in denen sie 2003 angefangen hatten, waren zu teuer geworden. Eher zufällig seien sie hier, direkt neben der Kastanienallee, gelandet, sagt Gregor Marvel: „Eigentlich hatten wir schon einen anderen Laden an der Friedrichstraße gefunden. Der wurde aber nicht rechtzeitig fertig, nur deshalb haben wir uns die Räume hier angesehen.“ Und sich sofort dafür entschieden: „Alles passte: Man kommt rein, rechts gibt es Mode, links Kunst.“
Nur wenige Kleider und T-Shirts hängen in dem Teil des großen Raums rechts der Tür, in dem auch das Café mit seinen drei, vier Tischen Platz findet. Auf der anderen Seite zeigt die „Friendly Society“ wechselnde Ausstellungen. In den hinteren Räumen und im Untergeschoss geht es mit mehr Mode, Accessoires und Kunst weiter.
Blüten-Kopfschmuck
Bilder und Skulpturen von etwa 30 Künstlern werden verkauft, darunter Werke von Miteigentümer Christian Heinrich. Die Mode stammt von 25 Designern. Neben Gregor Marvels eigenen Entwürfen gibt es die von den 20er- bis 60er-Jahren inspirierte Mode von „Frozen Hibiscus“, avantgardistische Stücke von Exit, den großformatigen Blüten-Kopfschmuck von JasminTheStrange. Oder die japanisch inspirierten Jacken von Sakolowski, die Krawatten von Natasa Saric. Oktoberfesttauglich können sich auch Männer ausstatten: Die Berliner Jeans-Variante der Lederhose von „oipnglügg“ führt der Chef für unser Foto persönlich vor.
Besonders und auffällig sollen die Stücke sein, die bei Gregor Marvel an der Stange hängen. „Die Basics kauft man woanders“, sagt der gebürtige Frankfurter, „aber der typische Berlin-Look entsteht dann bei uns.“
Der typische Berlin-Look sei die Kombination. Alt und neu, schlicht und exaltiert, oder „CountryGlam und Cocktail-Couture“, so der Titel, unter den Marvel seine Damen- und Herrenlinie stellt. „Ein Mix aus beidem: Das ist Berlin. In der Architektur trifft Altbau auf Glas, in der Mode klassisch auf crazy. Wenn man es gut macht, passt alles zusammen.“
Offenbar machen die Berliner es so gut, dass Modeketten ihre Trendscouts auf der Suche nach Inspiration durch die kleineren Modegeschäfte von Mitte bis Neukölln schicken. „Und dann hängen ganz ähnliche Entwürfe in den Kaufhäusern“, stellt Gregor Marvel fest. „Wenn ich sehe, wie jemand mal wieder einen Entwurf mit dem Handy fotografiert, sage ich immer: Kauf wenigstens das Stück.“ Eines seiner Kleider habe er nach zwei Wochen „sehr, sehr ähnlich“ bei einer großen Modekette wiedergefunden. Und war „vor allem erstaunt, wie unglaublich schnell das geht“.
In Ruhe anprobieren
Nicht nachmachen können die Modeketten das Einkaufsgefühl, das Gregor Marvel und Christian Heinrich ihren Kunden bieten wollen. Die „Friendly Society“ ist deshalb nur sonnabends und sonntags geöffnet, dienstags bis freitags nur nach Terminvereinbarung. „Ich brauche Zeit, um meine Stücke zu produzieren“, sagt Gregor Marvel, der selbst an der Nähmaschine sitzt.
Außerdem geht es am Wochenende vielleicht ein bisschen entspannter zu. Die Kunden können in Ruhe anprobieren, sich in der Galerie umsehen – oder einen Kaffee trinken. Abends werden einmal im Monat die Tische an die Seite geräumt, 40 Stühle aufgestellt, und dann kommt die „Rollbühne“, wie Gregor Marvel sie nennt: ein roter, ausrollbarer Teppich für die Band. Die Society lädt zu einem Salonkonzert. Ultrakuschelig sei es, „mit Gästen von Pankow bis Zehlendorf, von Anfang 20 bis Mitte 70“.
Im Moment allerdings halten sich die beiden Society-Macher mit Veranstaltungen etwas zurück. Sie haben Außergewöhnliches vorzubereiten: Ende September präsentieren sie bei einer Ausstellung im „National Arts Club“ in New York ihre Kunst. Christian Heinrich zeigt Installationen, Gregor Marvel seine Mode – natürlich auch das Berliner Dirndl.
Friendly Society, Griebenowstraße 23, Mitte, Tel. 28 04 61 90, Sbd., So. 14–19 Uhr, Di.–Fr. nach Absprache




