Hochprozentiges

600 Buddeln Rum - So genießen Sie in Berlin karibisches Flair

Mit seinem Spezialgeschäft „Rum Depot“ will Dirk Becker auch den karibischen Lebensstil weitergeben. Kosten kann man die erlesenen Spirituosen zu Käse oder Schokolade.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Wer durch die Ladentür an der Apostel-Paulus-Straße 35 tritt, lässt nicht nur die Straße hinter sich. Er verlässt gewissermaßen Zeit und Raum, steigt aus aus der modernen Welt: Hier bestimmen gedrechseltes Mahagoni und Wurzelfurnier die Atmosphäre, Seekisten und Holzfässer, man wird umfangen von einer Aura gediegener Gelassenheit, die man zwar nicht kaufen kann, die aber zum Produkt zu gehören scheint. Es ist klar: Hier wird nicht nur ein Konsumartikel angeboten. Hier geht es um einen Lebensstil.

Dirk Becker scheint diese Frage überflüssig zu finden. Natürlich, sagt der Inhaber des Rum Depots, gehe es um Genuss. „Und dafür muss ich Zeit haben. Das ist nicht die Wurst an der Ecke.“ Wahrscheinlich ergibt sich dieser Ansatz zwangsläufig, wenn man, wie Becker, sein Hobby zum Beruf macht. Im früheren Leben war der 47-Jährige Goldschmied, lernte Kaufmann, arbeitete im Restaurant und hinter der Bar.

Obwohl ihm Bier oder Whisky nie schmeckten. „Irgendwann habe ich mal im Urlaub in Miami in einem Liquor-Store etwas gesucht, was ich mit Cola trinken konnte.“ Zuerst testete er den Rum, den er erstanden hatte, pur – und eine Leidenschaft war geboren. Jahrelang probierte er sich durch diverse Rum-Sorten, Freunde brachten besondere Geschmackssorten aus Übersee mit.

Kein Männergetränk

Rund 1600 Sorten Rum, schätzt Becker, hat er im Laufe der Jahre gekostet. In seiner privaten Wohnung findet sich heute allerdings keine der so verschiedenartig geformten Flasche mehr. Dafür füllen um die 600 Labels des Melasse-Destilats aus aller Welt die Kolonialstilmöbel im Rum Depot in Schöneberg.

2010 hat er das Geschäft gegründet. Dass er in Berlin als Liebhaber der noch wenig prominenten Spirituose nicht allein dasteht, hatte er bereits festgestellt, bei Rum-Tastings, die er im Zigarrenladen eines Freundes veranstaltete. Inzwischen lädt er zu Verköstigungen in eine Bar hinter seinem Laden. Mit männlichen wie weiblichen Gästen: „Es ist ein Irrglaube, dass Rum ein reines Männergetränk ist“, so Becker. Rum mit Schokolade, Rum zum Käse: Anfängern, sagt er, munden oft vor allem die leichteren Geschmacksvarianten des alkoholischen Getränks. „Aber je mehr man probiert, desto eher mag man die Sachen mit Ecken und Kanten.“

Sehr viele Rum-Hersteller hat Becker persönlich kennengelernt, viele Destillerien besucht. Wie den Familienbetrieb „Hampden Estate“ in Jamaica mit der Traditionsmarke „Rum Fire“. Telefonisch hatte sich Becker angemeldet. Er solle an einer bestimmten Ausfahrt unter der Brücke warten, hieß es, er werde abgeholt. „Als ich aufgelegt hatte, wurde ich stutzig, aber dann dachte ich, was soll’s“, erzählt Becker. Mit etwas flauem Gefühl stand er also ziemlich einsam unter der Brücke. Kaum zwei Minuten, dann hielt eine Polizeikontrolle. Kurze Zeit später stoppte ein Pick-Up-Wagen „mit vier kräftigen Jungs auf der Laderampe“.

Einer der Männer kam breitschultrig herüber, stellte sich als Andrew vor und sagte, er werde den Weg zeigen. Eine scheinbar endlose Zeit ging es über Schlaglochpisten, „und lange, bevor ich etwas sehen konnte, war die Luft Rum-geschwängert“, so Becker. Das Firmengelände war heruntergekommen, dafür kam gleich die alte Mutter und brachte selbst gekochtes Essen. „Die hatten die Destillerie erst übernommen und mussten sanieren“, sagt sich Becker.

Bei Tastings ebenso wie bei den Treffen seines Rumclubs „Speak Easy“ (Anmeldung telefonisch) erzählt Becker, längst Experte für Historie und Produktion der Spirituose, gern solche Anekdoten. Verzichtbares, aber kurzweiliges Hintergrundwissen, wie die Geschichte von dem Österreicher und den beiden Holländern, die in einer Mischung aus Abenteuerlust und Wohltätigkeit mit einem Hochseesegler in die Karibik fahren, Hilfsgüter zu Bedürftigen bringen und dabei benachteiligten Jugendlichen an Deck eine Ausbildung ermöglichen.

In der Dominikanischen Republik stießen sie auf eine Destillerie, in der sie die inzwischen vierte Edition des eigenen Rums produzieren ließen. Nur rund 8000 Flaschen gibt es pro Jahr, in Berlin ist „Tres Hombres“ außer im Rum Depot schwerlich zu bekommen.

Aus der Schrumpfkopf-Flasche

Grundsätzlich kann man bei Dirk Becker die Rums kosten. Fast alle, ausgenommen vielleicht Sonderabfüllungen wie den mexikanischen „Dead Head Rum“ in einer Schrumpfkopf-Flasche oder einen 80 Jahre alten Appleton. Wert: 3800 Euro die Flasche. Becker: „An sich sind 150 Euro für einen Rum schon relativ viel.“ Anders als bei Whisky kommt es auch gar nicht so sehr auf das Alter an.

Gelegenheit, sich auf dem Markt umzutun, bietet auch das von Becker organisierte „German Rum Festival“ im Oktober am Gleisdreieck. Dort wird er auch Juroren aus dem International Rum Expert Paneel treffen, 39 Experten, die herausragende Rumsorten prämieren. Dirk Becker ist einer von ihnen.

Rum Depot, Apostel-Paulus-Straße 35, Berlin-Schöneberg, Tel. (030) 77008811, geöffnet Dienstag bis Freitag 12–19, Sonnabend 12–16 Uhr, www.rum-depot.com