Berliner Perlen

Hier gehen Sie auf Tuchfühlung mit Königin Luise

Wer den Charlottenburger Laden „Spitze“ betritt, spürt gleich: Hier wird nicht nur verkauft. Nostalgiker finden hier Textilien, die ebenso an Königin Luise erinnern, wie an das Berlin der 20er-Jahre.

Foto: Massimo Rodari

Wer Antiquitäten sucht, wird irgendwann an der Suarezstraße landen. Stühle, Tische, Lampen, Geschirr – fast jedes Geschäft hat davon einiges im Sortiment. Aber nur bei Herbert Mayr und Axel Noltekuhlmann finden Liebhaber antiker Dinge auch die passenden Kleidungsstücke. In ihrem Laden "Spitze" bieten sie Textilien von 1860 und 1960.

Manches Stück ist sogar noch ein paar Jahrzehnte älter. Die schweren Paisley-Tücher zum Beispiel, die Mayr auf Anfrage aus dem obersten Fach der Vitrine holt. Immerhin sind sie einige Hundert Euro wert und wurden teilweise schon zu Zeiten Königin Luises getragen. 18 Stück dieser Paisleys soll sie besessen haben, sagt Mayr und kommt gleich ins Erzählen über die Mode von damals: Als die Kleider so ausgestellt waren, dass kein Mantel mehr darüber gepasst hätte und sich die Damen lieber mit schweren Schals gegen die Kälte schützten.

Die Paisley-Tücher zählt der 61-Jährige zu seinen Lieblingsstücken. Sein vier Jahre älterer Partner mag vor allem die Mode aus den 20er-Jahren, auch wenn davon inzwischen immer weniger Kleidung im Umlauf ist. Dafür liegt die Mode dieser Zeit schon zu lange im Trend. Und Kleidung hat im Gegensatz zu anderen Antiquitäten nur eine begrenzte Haltbarkeit.

Aber es gibt auch viele andere Modestile, die Mayr und Noltekuhlmann in ihrem Geschäft anbieten. Wer regelmäßig die Straße entlangläuft, sieht das schon an den immer wieder anders gekleideten Schaufensterpuppen. Mal stecken sie in einem Brautkleid aus Spitze, mal in einer Ballrobe um die Jahrhundertwende, mal in einem strengen 50er-Jahre-Kostüm. Auch die Puppen selbst sind historisch. Eine stammt noch aus dem alten Wertheim-Kaufhaus am Potsdamer Platz.

Bei Vivienne Westwoods Studenten

Die Schaufensterdeko ist Mayrs Passion, immerhin ist er ausgebildeter Schaufensterdekorateur. Gelernt hat er das in den 60er-Jahren in einem Modehaus seiner Heimatstadt Augsburg. Vor 40 Jahren kam er nach Berlin, arbeitete bei einem Antiquitätenhändler und lernte Axel Noltekuhlmann kennen. Schnell entwickelten sie ein Faible für alte Dinge und vor allem für historische Kleidung, die sie selbst gern getragen haben.

Aus ihrem Hobby haben sie vor knapp 30 Jahren einen Beruf gemacht. Ihren ersten Laden mit historischen Textilien eröffneten die beiden 1985, seit sechs Jahren sind sie in der Suarezstraße. Hier verkaufen sie Kleider, Hüte, Schuhe, Schmuck, Handtaschen und andere Accessoires. Mehr für Frauen, als für Männer. "Da gibt es einfach eine größere Auswahl", sagt Mayr. Außerdem findet man Allerlei aus Spitze, woher auch der Name des Geschäfts rührt.

Wer den Laden betritt, spürt aber gleich: Hier wird nicht nur verkauft. Zu Mayr und Noltekuhlmann kommen viele Menschen, die einfach mal Abtauchen wollen in alte Zeiten und die beim Anblick der vielen ausgefallen Textilien ins Erzählen kommen. Es ist ein Ort der Erinnerung und auch Entschleunigung.

Mayr selbst nimmt sich Zeit, um den Kunden die Herkunft eines Kleidungs- oder Schmuckstücks zu erklären. Woher er das alles weiß? "Erfahrung", erklärt er. Wer so oft wie er seine Hände über Stoffe gleiten lässt, wer so viele Modegeschichten gehört und gelesen hat, braucht irgendwann nur noch einen Blick, um ein Kleidungsstück einer Epoche zuzuordnen. Seine Kenntnisse hat er auch schon Studenten an der Universität der Künste vermittelt, in den Jahren, als Vivienne Westwood hier lehrte.

Auch als eine junge Frau das Geschäft betritt, um Mayr ein altes Brautkleid zu zeigen und seinen Rat einzuholen, ob das noch für ihre eigene Hochzeit zu gebrauchen sei, sieht er gleich, aus welcher Zeit Stoff und Schnitt sind. Und natürlich sei das Kleid zu retten, sagt er mit weichem schwäbischen Akzent. Etwas einfach zu entsorgen, tut ihm weh.

Kostüme für Tom Cruise

Daher sind viele besonders wertvolle und empfindliche Kleider auch gar nicht im Verkaufsraum ausgestellt, sondern hängen in den Hinterzimmern. Nicht jeder darf dort hinein. Bei Kostümbildnern macht er eine Ausnahme, die machen die Hauptkundschaft aus. Bei "Spitze" wurde für Filme wie "Das weiße Band", Tom Cuises "Operation Walküre", den "Wolkenatlas" und "Der Vorleser" eingekauft. Oft kommen auch Modedesigner, um sich Anregungen zu holen. Und es zieht auch Privatleute hierher, die die richtige Garderobe für eine Motto-Party brauchen oder die einfach Nostalgiker sind.

"Spitze" ist nicht nur bei Kunden in ganz Berlin bekannt. Mayr und Noltekuhlmann haben sich längst einen Namen bei Nachlassverwaltern gemacht. Aber die beiden begeben sich auch selbst gern auf die Suche nach historischen Kleidern. "Wenn wir verreisen, schauen wir zuerst, wo der nächste Flohmarkt ist", sagt Mayr. Und manchmal findet er dabei sogar ein weiteres Paisley-Tuch. Das wandert dann erst einmal ganz oben in die Vitrine. Trennen wird er sich davon nur schweren Herzens.

Spitze, Suarezstraße 53, Charlottenburg, Tel. 313 10 68, Di.–Fr. 14–18.30 Uhr, Sbd. 11–14 Uhr, während der Antikmeile am 7. September 12–20 Uhr, mehr unter www.historische-textilien.de

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