Boykottkampagne

Dessous nur noch von Frau zu Frau

In der Öffentlichkeit haben sich Frauen in Saudi Arabien zwar von Kopf bis Fuß schwarz zu verhüllen. Was sie aber zu Hause und erst recht im Schlafzimmer anhaben, geht niemanden etwas an. Deshalb boykottieren jetzt viele Saudi-Araberinnen Wäschegeschäfte mit männlichem Personal.

Foto: AP

Die Dessous für ihre Hochzeitsnacht kaufte Huda Batterjee voriges Jahr im Ausland. Die junge Frau aus Saudi-Arabien war viel zu schamhaft, um bei der Auswahl intimster Wäschestücke von einem Mann bedient zu werden. Verkäuferinnen aber gibt es in ihrem Land so gut wie keine. Jetzt hat eine Gruppe von Geschlechtsgenossinnen genug davon, sich beim Kauf von Büstenhaltern und Schlüpfern, Negligés und Strings mit Männern auseinandersetzen zu müssen: Sie starteten eine Boykottkampagne gegen Wäschegeschäfte, die keine Frauen beschäftigen.

Das Problem ist eine absurde Folge der strikten Geschlechtertrennung im sittenstrengen Königreich: Im Verkauf sind nur Männer angestellt, damit keine Frau mit männlichen Kunden umgehen oder mit männlichen Kollegen zusammenarbeiten muss. Das führt dann dazu, dass im Wäschegeschäft eben Männer die Kundinnen beim Kauf von BHs und Tangas beraten und sie von oben bis unten taxieren, um ihre Größe zu schätzen. Ungeheuer peinlich für alle Beteiligten – Verkäufer, Kundinnen und selbst die männlichen Anverwandten, die die Frau beim Einkauf begleiten. Man fühle sich fast schon missbraucht, klagt Batterjee über die abschätzenden Blicke: „Was schaut der mich so an?!“

Anprobe verboten

„Ich gehe in den Laden, nehme dies, das und jenes und gehe schleunigst wieder“, bekennt die Geschäftsfrau Heba al Akki. „Es ist, als ob ich etwas Illegales kaufe.“ Für die Männer hinter der Ladentheke ist es aber auch nicht leicht. Die Verkäufer in einer Boutique in Riad erröten, wenn man sie darauf anspricht, und befürworten ebenfalls die Kampagne für weibliches Personal. „Selbst in so freizügigen Gegenden wie den USA und Europa verkaufen Männer Frauen keine Unterwäsche“, sagt Geschäftsführer Hussam al Mutajim. Bei den Frauen seiner Familie lasse er das auch nicht zu. „Das ist doch viel zu peinlich!“

In der Öffentlichkeit haben sich Saudi-Araberinnen zwar von Kopf bis Fuß schwarz zu verhüllen. Was sie aber zu Hause und erst recht im Schlafzimmer anhaben, geht niemanden etwas an. Sexy Dessous werden da sehr gern getragen. Sie zu erwerben ist das Problem. Kabinen zur Anprobe sind verboten – unvorstellbar allein der Gedanke, Frauen könnten sich an einem öffentlichen Ort entkleiden, wo Männer in der Nähe sind. Also lässt sich erst daheim feststellen, ob etwas passt. „Ich habe BHs in drei verschiedenen Größen, weil ich sie nie anprobieren kann“, ärgert sich Hudas Schwester Modie Batterjee, die den Boykott mit organisiert.

Peinlich auch für den Ehemann

Die Peinlichkeit macht auch vor den Ehemännern oder Brüdern nicht halt, die zum Shopping mitkommen, um ganz sicher zu gehen, dass Verkäufer den gebührenden Respekt wahren. So flüchtete Modies Gatte eilig aus dem Geschäft, weil er nicht mit anhören mochte, wie sie dem Verkäufer ihren Wunsch nach einem hoch geschnittenen Miederslip gegen das von der Geburt der Tochter erschlaffte Bäuchlein erläuterte.

Mit der Kampagne dringen sie und die anderen Frauen nun auf die Verwirklichung eines bereits seit 2006 existierenden Gesetzes, dass die Beschäftigung ausschließlich weiblichen Personals in Damenbekleidungsgeschäften erlaubt. Die Umsetzung wurde bislang hauptsächlich von religiösen Hardlinern blockiert. Es gibt nur einige wenige Wäschegeschäfte ausschließlich für Frauen. Sie liegen abseits der Einkaufszentren mit ihrem gemischten Publikum oder in getrennten Frauen-Abteilungen und haben keine Fenster, damit zufällig vorbeikommende Männer auf gar keinen Fall hineinsehen können.