50 Jahre Tatort

Berlin – ein hartes Pflaster für den „Tatort“

Serie, Teil 4: Berlin stand Pate bei der „Tatort“-Idee. Doch lange Zeit schien die Stadt nicht der richtige Ort für die Krimiserie.

Sie ermitteln seit 2015 beim Berliner „Tatort“: Meret Becker als Kommissarin Nina Rubin und Mark Waschke als Kollege Karow.

Sie ermitteln seit 2015 beim Berliner „Tatort“: Meret Becker als Kommissarin Nina Rubin und Mark Waschke als Kollege Karow.

Foto: Annette Riedl / dpa

Berlin hatte lange kein Glück mit dem „Tatort“. Die Stadt stand zwar Pate bei der erfolgreichsten und langlebigsten deutschen Fernsehserie: Als Gunther Witte sich vor 50 Jahren eine Krimireihe überlegen sollte, die alle ARD-Sendeanstalten einbinden sollte, erinnerte sich der WDR-Redakteur, der in Ost-Berlin aufgewachsen war, an die Rias-Serie „Es geschah in Berlin“ mit ihren realistischen und ortsbezogenen Krimis. Dieses Format hat Witte dann quasi auf die ganze Bundesrepublik übertragen. Doch ausgerechnet die Berliner Folgen wollten anfangs nicht recht zünden.

Die ersten Berlin-Kommissare, sie hatten alle nur kurze Auftritte (siehe Infokasten). Der Erste, Paul Esser, der am Schiller-Theater gespielt und dann 1963 ein eigenes Haus, das Hansa-Theater gegründet hat, war zwar ein knurriges Original, und sein Kommissar Kasulke ermittelte an Orten, wo man sonst gerne wegschaute: in Spelunken, auf dem Straßenstrich, selbst auf der Müllhalde.

Das war viel Milljöh, Esser quasi der Zille des „Tatorts“. Doch heute ist er eher aus den „Pippi Langstrumpf“-Filmen als Ganove neben Hans Clarin bekannt. Den „Tatort“ warf er nach nur zwei Fällen hin. Weil die Drehbücher nicht seinen Vorstellungen entsprachen. Und wohl auch, weil er sich um sein Theater kümmern musste.

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Erst große Bühnenmimen, dann Filmstars als Ermittler

Sein Nachfolger, Martin Hirthe, kam ebenfalls vom Schiller-Theater. Und gab aus ähnlichen Gründen nach nur drei Folgen auf. Hans Peter Korff wiederum, der erst Jahre später mit „Diese Drombuschs“ richtig populär werden sollte, drehte gleichzeitig für die Konkurrenz vom ZDF die Kinderserie „Neues aus Uhlenbusch“. Und spielte lieber dort den Postboten Onkel Heini.

In jenen Tagen war der „Tatort“ zwar ein Straßenfeger. Bei damals nur zwei Fernsehprogrammen gab es Traumquoten von bis zu 60 Prozent. Aber gerade gestandene Theatermimen nahmen das Fernsehen oft nicht ganz ernst. Ein bisschen schwang wohl auch die Angst mit, in einer Schublade zu landen: einmal Kommissar, immer Kommissar. Wie Fritz Wepper, der ewige Assistent in der ZDF-Serie „Derrick“, dem Jahre lang „Hol schon mal den Wagen, Harry“ nachgerufen wurde – auch wenn der Satz so in der Serie nie gefallen ist.

Viele Kommissare kamen aus dem Schiller Theater

1980 war der Sender Freies Berlin das ewige Hin und Her beim „Tatort“ leid. Volker Brandt, ebenfalls vom Schiller Theater kommend, ließ sich für einen längeren Zeitraum verpflichten. Es war die Zeit, wo Kommissare auch nicht mehr nur ermittelten, sondern mehr an Kontur und Hintergrund gewannen. Brandt war da eine Frischzellenkur: jünger als Esser und Hirthe, auch großstädtischer. Brandt hatte Michael Douglas seine Stimme für „Die Straßen von San Francisco“ geliehen, jetzt ermittelte er selbst in den Straßen einer Metropole.

Sein Kommissar war ruppiger, auch mal aufbrausend, mit nicht unproblematischem Privatleben. Brandt hat seine Figur auch, schon ein Jahr vor Schimanskis legendärem Parka, mit einem schmuddeligeren Regenmantel versehen. Er war damit unter den „Tatort“-Kommissaren quasi der Columbo. Und ließ sich den Vergleich gern gefallen. Aber auch er wechselte dann lieber in den Arztkittel der „Schwarzwaldklinik“.

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Danach sollten hochkarätige Stars für Quoten sorgen. Mit Heinz Drache gewann man 1985 einen Star der beliebten Edgar-Wallace-Filme und der Durbrige-Straßenfeger. Aber als Kommissar Bülow ermittelte er genauso soigniert, ein Gentleman-Kommissar mit der Pfeife aus den Wallace-Streifen. Und gern in den großbürgerlicheren Ecken der Stadt. Damit wurde er quasi zum „Derrick“ des Tatorts: Wie Horst Tappert vor allem in Grünwald ermittelte, verschlug es Drache in den Grunewald. Das war schon damals nicht mehr ganz zeitgemäß. Und so kam auch Drache, wie Vorgänger Brandt, nur auf sechs Folgen.

Auf Augenhöhe mit Schimanski

Richtig spannend wurde der Berliner „Tatort“ erst durch die Wiedervereinigung: durch die größer gewordene Stadt, die Narben der Geschichte und die sozialen Probleme, die sich daraus ergaben. Dafür konnte der SFB Günter Lamprecht gewinnen: der Franz Biberkopf aus Fassbinders „Berlin Alexanderplatz“ , ein Ur-Berliner, der seine Figur Franz Markowitz gleich mitgestaltete, mit altmodischem Hut, Trenchcoat, Hang zu Jazzmusik – und eigenen Narben und Traumata.

Eine tragische Figur, die oft nicht weniger verzweifelt war als die Täter. Eigentlich eher eine amerikanische, eine Philip-Marlow-Figur auf dem Berliner Pflaster, nur ohne Zynismus. Markowitz-Krimis waren Kult. Und noch heute gilt Lamprecht als einer der stärksten Darsteller der Reihe, nach Götz George alias Schimanski.

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Auf Lamprecht folgte Winfried Glatzeder, der Paul aus dem Defa-Kultfilm „Paul und Paula“. Und einer, der aus Protest die DDR verließ und viel zu erzählen gehabt hätte über die deutsch-deutschen Verhältnisse. Doch seine Ära, wiewohl verstärkt um Robinson Reichel als Kommissar Zorowski, blieb glücklos. Zwar wurden, durch die Konkurrenz privater TV-Kanäle, seit Mitte der 90er-Jahre mehr „Tatort“-Folgen produziert, nicht mehr nur einer pro Monat, sondern zwei bis drei.

Das Duo Raacke-Aljinovic hält den einsamen Berliner Rekord

So kam das erste Berliner Ermittler-Duo auf immerhin zwölf Fälle in nur drei Jahren. Doch wegen der Konkurrenz der Privaten wurde drastisch gespart, der Berliner „Tatort“ per Video gedreht. Das war billiger, sah aber auch so aus. Billig war auch der Name von Glatzeders Kommissar: Ernst Roiter – wie der Ex-Bürgermeister, aber mit oi. Auch die Zusammenarbeit mit der Redaktion des Senders soll eher kontraproduktiv gewesen sein. So war auch bei Glatzeder nach drei Jahren Schluss.

Die nächste Pleite schien sich abzuzeichnen, als bei dem nächsten Kommissars-Duo Stefan Jürgens, ein Star der legendären „RTL Samstag Nacht“, nach nur sechs Folgen hinwarf. Warum, bleibt bis heute ein Geheimnis. Dominic Raacke stand plötzlich alleine da. Bis man ihm Boris Aljinovic an die Seite stellte. Die beiden wirkten wie Pat und Patachon, und sie kabbelten sich wohl nicht nur vor der Kamera, wurden jedenfalls keine Freunde.

Doch mochte auch die Chemie nicht gestimmt haben, der Zuschauer profitierte davon. Bis heute halten die beiden den einsamen Berlin-Rekord: Raacke mit 15 Jahren und 36 Folgen, Aljinovic mit 13 Jahren und 31 Folgen. Die letzte musste Aljinovic 2014 allerdings alleine drehen. Weil der RBB dann doch einmal Veränderung wollte und die Verträge einfach nicht verlängerte, Raacke dann aber auch keine Abschiedsfolge mehr drehen wollte.

2015 haben dann Meret Becker und Mark Waschke übernommen. Die eine ein Paradiesvogel der Kleinkunstbühnen und ein Star aus Filmen wie „Rossini“ und „Comedian Harmonists“. Der andere ein Star der Schaubühne, den Heinrich Breloer mit „Buddenbrooks“ fürs Kino entdeckte. Und seither spielt Berlin, spät genug, auch wirklich eine zentrale Rolle, die dritte Hauptrolle quasi.

Eine vibrierende Hauptstadt, was sich auch in der deutlich an US-Serien angelegte, ruppige und schnell geschnittene Ästhetik niederschlägt. In den ersten Folgen hat man zudem, wie bei der Serienkonkurrenz in Streaming-Plattformen, auch horizontal erzählt, also Erzählstränge über mehrere Folgen hinweg.

Meret Becker will „weiterziehen“

Davon ist man inzwischen abgekommen. Aber langweilig sind diese „Tatorte“ nie. Nina Rubin war nach 45 Jahren die erste Frau im Berliner „Tatort“ und ist die erste jüdische Kommissarin der gesamten Reihe, Kollege Robert Karow hatte als erster „Tatort“-Kommissar auch mal schwulen Sex.

Den Raacke-Aljinovic-Rekord aber wird dieses Duo nicht einstellen. Meret Becker hat bereits im März 2019 verkündet, dass sie aus dem „Tatort“ aussteigen will. Aus finanzieller Sicht sei das zwar „dusselig“, gab sie zu. Aber sie sei „eher ein Nomade, der dann auch mal weiterzieht.“ 2021 soll nach dann sieben Jahren Schluss sein. Mark Waschke will aber weitermachen. Und bekommt hochkarätigen Ersatz: Corinna Harfouch soll ab 2022 übernehmen.

Alle Berliner „Tatort“-Kommissare auf einen Blick:

Paul Esser: 1971/72 (2 Folgen)

Martin Hirthe: 1975–1977 (3)

Hans-Peter Korff: 1978/1979 (2)

Volker Brandt 1980–1985 (6)

Heinz Drache: 1985–1989 (6)

Günther Lamprecht: 1991–1995 (8)

Winfried Glatzeder und Robinson Reichel: 1996–1998 (12)

Dominic Raacke und Boris Aljinovic: 1999/2001–2014 (36/31)

Meret Becker und Mark Waschke: seit 2015 (bisher 12 Fälle)