50 Jahre Tatort

50 Jahre „Tatort“: Alles begann mit einer Mogelpackung

| Lesedauer: 7 Minuten
Peter Zander
50 Jahre Tatort

50 Jahre Tatort

Am 29. November 2020 feiert 50. Geburtstag. 1146 Folgen aus 37 Städten in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die Krimiserie zeigt nicht nur den Umgang mit dem Verbrechen, sondern zeichnet auch ein Bild der deutschen Gesellschaft und ihres Wandels

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Serie, Teil 1: Erst wollte keiner die neue Krimireihe „Tatort“ haben. Dann aber musste alles ganz schnell gehen.

Es ist das letzte Lagerfeuer der Nation. Der eine heilige Termin in der Woche, der noch immer generationenübergreifend gilt. Und auch in Zeiten, da alle nur noch streamen, der Garant für Quoten, die gern um zehn Millionen kreisen. Eine Erfolgsgeschichte, und das nun schon seit einem halben Jahrhundert. Am 29. Nobember ist es auf den Tag genau 50 Jahre her, dass der „Tatort“ gestartet wurde. Der Vater der Reihe, ein Berliner, kann das Jubiläum nicht mehr mitfeiern: Gunther Witte ist im August 2018 gestorben. Und als er den „Tatort“ erfand, stießt die Idee erst mal nicht auf Begeisterung.

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Schuld war das ZDF, das die ARD an Publikumsgunst überholte. Schuld war auch „Der Kommissar“, der Freitagskrimi mit Erik Ode, der seit 1969 lief. Horst Jaedicke, der ARD-Fernsehspiel-Koordinator, forderte deshalb 1970 die „Restaurierung des Sonntagabendprogramms“, das laut ihm schon lange „Kummerplatz der Programmgestalter und des Publikums war“.

Wer sollte das bezahlen? Die ganze ARD!

Und Günter Rohrbach, seinerzeit Abteilungsleiter des WDR, berief seine Redakteure Peter Märtesheimer und Gunther Witte zu einem legendär gewordenen Spaziergang im Kölner Stadtwald. Märtesheimer sollte eine Familienserie konzipieren, Witte eine Krimireihe.

Ersterer entwickelte daraus Fassbinders „Acht Stunden sind kein Tag“, das TV-Geschichte schrieb. Witte aber, der später 20 Jahre lang Fernsehspielchef des WDR sein sollte und auch „Lindenstraße“ auf den Weg brachte, war erst mal erschüttert. Mit Krimis hatte er nie was am Hut. „Heben Sie mir den ,Kommissar’ aus dem Sattel!“, war aber die klare Ansage.

Die Senderchefs waren nicht begeistert

Und wer sollte das alles bezahlen? Hätte der WDR beides gestemmt, wäre das Budget eines ganzen Jahres weg gewesen. So kam Witte auf die Idee, das föderale Prinzip der ARD zu nutzen und alle Landessender einzubinden. Dabei erinnerte sich Witte, in Riga geboren, aber in Berlin aufgewachsen, wie er früher gern die Rias-Serie „Es geschah in Berlin“ gehört hatte. Realistische, ortsbezogene Krimis. Sowas stellte er sich für jedes Bundesland vor: „Tatort Hamburg“, „Tatort Köln“. „Tatort“ allein war am Ende so stark, dass man es dabei beließ.

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Rohrbach war begeistert. Und stellte die Idee gleich auf der nächsten Koordinationssitzung vor, bei der sich alle ARD-Senderchefs treffen. Dort stieß er allerdings auf Granit. Die konnten damit überhaupt nichts anfangen. Rohrbach brachte die Idee bei der nächsten Sitzung aber einfach noch mal vor. Und plötzlich waren alle begeistert.

Verlegenheitslösungen aus der Schublade

Das Schlimme nur: Jetzt wollten sie es gleich! So eine Reihe braucht eigentlich anderthalb Jahre, um entwickelt zu werden. Aber nein, es sollte sofort losgehen. Also musste Witte auf Projekte zurückgreifen, die schon in der Schublade lagen. Der WDR hatte da nur ein Projekt mit einem Zollfahnder namens Kressin. Ein Playboy, eine Art deutscher Bond. Das passte gar nicht in die Reihe. Wurde aber trotzdem integriert.

Und als allererste Folge wurde ein Krimi gezeigt, der bereits fertiggestellt war und einfach in die „Tatort“-Reihe integriert wurde. „Taxi nach Leipzig“ mit Walter Richter als Kommissar Paul Trimmel. Den bärbeißigen Ermittler hatte der Krimiautor Friedhelm Werremeier ersonnen. Ein erster Trimmel-Krimi, „Exklusiv!“, war bereits 1969 von der AR verfilmt worden. Und wurde 1971 noch mal, und gar nicht exklusiv, als Folge Neun im „Tatort“ wiederholt. Ein Auftakt also mit gleich mehreren Mogelpackungen.

Und noch ein Unikum: Obwohl man sämtliche westdeutschen ARD-Sender in die Reihe einspannte, spielte die erste Folge zu großen Teilen – in der DDR. Und die erste Obrigkeit, die man zu sehen kriegt, ist ein Grenzsoldat der DDR, gespielt von Günter Lamprecht, der 21 Jahre später selbst als Berliner „Tatort“-Kommissar ermitteln sollte.

Heute staunt man, wie es damals zuging

„Taxi nach Leipzig“ handelt von einem westdeutschen Kind, das tot an einer ostdeutschen Autobahn aufgefunden wird. Der Hamburger Kommissar Trimmel, der überhaupt nicht zuständig ist, wittert dennoch, dass da was nicht stimmt. Und ermittelt auf eigene Faust im Osten. Wo er sich gleich mit der Stasi anlegt.

Sieht man sich die erste Folge heute, 50 Jahre danach, noch einmal an, kommt man aus dem Staunen nicht heraus. Ein Kommissar, der eine Zigarre nach der anderen qualmt, der sich im Büro ein Schnäpschen gönnt, Verdächtige schon mal „Kotzbrocken“ nennt und auch schon mal zuhaut – das wirkt wie aus der Zeit gefallen. Und zeigt auch einen Reiz am „Tatort“: Anhand der bislang 1142 Folgen der Reihe könnte man so etwas wie eine Sitten- und Moralgeschichte der Bundesrepublik festmachen.

Bei der Kritik kamen die ersten Folgen noch gar nicht gut weg. Die Zeitschrift „Fernsehen und Film“ monierte etwa, das mit der Reihe „niemals jene heimelige Medien-Intimität entstehen kann, wie sie ,Der Kommissar’ verbreitet“. „Bild am Sonntag“ lästerte sogar, dass „die scharfen Schüsse auf Kommissar Ode nach hinten losgehen“.

Folge Eins hatte eine Quote von 61 Prozent

Wie man sich täuschen kann. In Zeiten, da es nur zwei TV-Sender gab, gab es noch Traumquoten. „Taxi nach Leipzig“ kam auf 61 Prozent Marktanteil. Und während die Macher anfangs nicht wussten, wie sie das erste Jahr bestücken sollten, wurde das zweite von den Gremien ganz schnell abgenickt. Und ab dem dritten Jahr wurde gar nicht mehr darüber diskutiert.

Heute ist das alles Geschichte. Und „Tatort“ die längste Dauerwurst des deutschen Fernsehens. Die 1000. Folge übrigens, im November 2016 ausgestrahlt, bei der Kommissarin Lindholm aus Hannover gemeinsam mit Kommissar Borowski aus Kiel ermittelte, hieß wieder „Taxi nach Leipzig“. Noch lebende Darsteller der allerersten Folge hatten dabei Gastauftritte. Und nicht nur die hiesigen Fernsehmacher haben aus dieser Folge gelernt. In Schweden ist das Drehbuch dieser Folge im Lehrbuch „tyska für gymnasie skolan“ abgedruckt: als Lernstoff für den Deutschunterricht.

Zum Jubiläum gibt es einen „Tatort“-Zweiteiler „In der Familie“ mit dem Dortmunder und dem Münchner Team: 29. November und 6. Dezember, 20.15 Uhr.