Immer sonntags, 20.15 Uhr, erschallt die berühmte Melodie von Klaus Doldinger. Und auf den deutschen Bildschirmen flimmern böse Augen, die in ein Fadenkreuz geraten, und ein Mann, der im Dunkeln davonrennt. Dann beginnt eine neue Folge „Tatort“. Bis vor kurzem, als sie noch nicht gleich danach in der Mediathek stand, war das noch ein sakrosankter Termin, es war geradezu unhöflich, zu dieser Zeit anzurufen. Denn die ganze Nation versammelte und versammelt sich auch heute noch vor dem Fernseher.

Der jüngste Rekord war vergangenen Sonntag die Folge „Limbus“ des Münsteraner Duos Axel Prahl und Jan Josef Liefers 12,94 Millionen Zuschauern. Und einem Marktanteil von sage und schreibe 34,9 Prozent. Sowas schafft sonst höchstens ein Fußballspiel. In einer Zeit, da keiner mehr den Überblick über all die Privatkanäle und nun auch noch all die Streaming-Plattformen hat, ist der „Tatort“ wirklich das letzte Lagerfeuer der Nation.

Nie nur ein Krimi, immer auch ein Spiegel der Gesellschaft

Einig frönt man dort der bei den Deutschen offensichtlich unstillbaren Lust am Krimi. Delektiert sich daran, wie sich Boerne und Thiel foppen oder die Kölner Kollegen an der Wurstbraterei stehen. Oder diskutiert heiß mit bei Shitstorms, wenn eine Folge mal wieder zu gewagt, zu experimentell geraten ist. Was die Zuschauer dabei vielleicht nicht vergegenwärtigen, ist, dass sie dabei immer auch in einen Spiegel gucken. Weil die Krimireihe sich noch nie damit begnügt hat, nur einen Mörder zu finden. Sie bildet immer auch die Republik ab.

Blick in deutsche Stuben: Ein früher Fall aus den 70er-Jahren mit Gustl Bayrhammer (M.) und Helmut Fischer (r.):
Blick in deutsche Stuben: Ein früher Fall aus den 70er-Jahren mit Gustl Bayrhammer (M.) und Helmut Fischer (r.): © picture-alliance / KPA Copyright

Und so wird der „Tatort“ irgendwann auch mal ein Fall für die Historiker werden. Wer je eine Moralgeschichte der Bundesrepublik, ein Sittenbild deutscher Befindlichkeiten erstellen möchte, der bräuchte eigentlich nur diese längste Dauerwurst der deutschen Fernseh-Geschichte studieren. Praktischerweise sind sämtliche Folgen längst archiviert, stehen abrufbereit in der Mediathek der Deutschen Kinemathek in Berlin.

Wandel der Mode und der Fernsehästhetik

Am 29. November, auf den Tag genau 50 Jahre nach dem allerersten Fall, wird die 1146. Folge ausgestrahlt. 148 Kommissare haben über ein halbes Jahrhundert in 33 deutschen, drei Schweizer Städten und einer Stadt in Österreich ermittelt.

Und spätestens, wenn mal wirklich eine alte Folge wiederholt wird – was nur noch selten passiert, weil das 4:3-Format bei den modernen Breitwandfernsehen hässliche Leere am Bilderrand klafft – , wenn das doch mal passiert, dann staunt man, wie die Zeiten sich geändert haben. Und wie es früher einmal war, zu einer Zeit, die man durchaus schon miterlebt hat, aber so nicht unbedingt erinnern würde.

Die erste Kommissarin im „Tatort“: Nicole Heesters brach 1978 das Männer-Derivat auf.
Die erste Kommissarin im „Tatort“: Nicole Heesters brach 1978 das Männer-Derivat auf. © picture-alliance / dpa

Der „Tatort“ ist immer ein Blick in die deutsche Stube. Wie spießig, wie altbacken kommen einem diese Interieurs zuweilen vor, in denen man früher doch, seien wir ehrlich, selbst gelebt hat. Auch den Wandel der Mode kann man in dieser Reihe bestens verfolgen: bis wann wurde noch im Zwirn, ab wann in Jeans ermittelt. Wie übrigens auch die Entwicklung und Verfeinerung der Fernsehdramaturgie und der immer aufwändigeren Bildgestaltung. Vor allem aber erzählt der „Tatort“ ganz viel über Umgangsformen, soziale Milieus und den Wandel von Männer- und Frauenbildern.

Erst nach acht Jahren ermittelte eine Frau

Nehmen wir nur die frühesten Folgen der 70er-Jahre: Was wurde da noch geraucht auf den Kommissariaten. Und auch ungeniert mal ein Schnäpschen im Büro genossen. Schon damals hat man nicht bloß ein Verbrechen aufgeklärt, gleich der erste Fall „Taxi nach Leipzig“ war eine grenzüberschreitende Geschichte – und damit auch eine Reflexion auf die deutsch-deutsche Teilung. Der Fokus lag anfangs allerdings noch ganz auf dem Umfeld des Täters. Der Kommissar kam oft erst spät zum Einsatz. Und hat dann auch nur seine Arbeit getan. Einblicke in sein Privatleben gab es kaum. Selbst wenn die Kommissare verheiratet waren, sah man die Gattinnen höchstens mal im Halbdunkeln grummeln, wenn der Herr Ermittler mitten in der Nacht aus dem Bett geklingelt wurde.

Verstieß gegen alle Regeln und wurde so der populärste „Tatort“-Kommissar: Götz George als Schimanski.
Verstieß gegen alle Regeln und wurde so der populärste „Tatort“-Kommissar: Götz George als Schimanski. © dpa

Fast revolutionär dann, als Hannsjörg Felmy als Essener Kommissar Haferkamp seine Fälle ab 1974 mit einer Frau besprach. Und nicht mit seiner angetrauten, sondern seiner geschiedenen. Das war fast ein Skandälchen – Scheidungen galten damals noch als peinlich –, aber auch hochaktuell: In den 70-ern explodierte die Scheidungsrate.

Neue Rollenmodelle in den 80er-Jahren

Es brauchte ganze acht Jahre (und 83 Folgen), bis 1978 Nicole Heesters als erste Kommissarin das Männer-Derviat aufbrach. Sie benutzte dabei keine Dienstwaffe, hat eher Kaffee gekocht. Und manche Ermittlungsschlüsse kamen ihr beim Bügeln. So fraulich musste das damals schon sein. Die Kritiken waren teils hämisch, so dass Heesters nach nur drei Folgen hinwarf.

Bildeten die 70er-Jahre noch das deutsche Spießertum ab, wagte die ARD ab den 80-ern neue Rollenmodelle. Unvergessen Götz George, der ab 1981 (und Folge 126) als Schimanski in seinem Schmuddelparka ermittelte, dabei immerzu Türen eintrat und permanent fluchte, so dass die „Bild“-Zeitung bald mitzählte, wie oft das Wort „Scheiße“ fiel. In Zeiten, da Ina Deter davon sang, dass das Land neue Männer brauche, war dieses Macho-Relikt eine echte Zumutung. Zunächst war das Publikum entsetzt. Es hagelte wütende Zuschauerbriefe. Doch der „Tatort“ hat damit auch politisch korrekte Rollenbilder eingetreten. Schon bald war Schimmi Quotengarant und Kult, und bis heute gilt er als populärster Kommissar des „Tatort“. Und hat auch als einziger eine eigene Reihe erhalten.

Ulrike Folkerts 1989 (r.) in ihrem ersten Fall als „Die Neue“:
Ulrike Folkerts 1989 (r.) in ihrem ersten Fall als „Die Neue“: © picture-alliance / dpa

Am Ende des Jahrzehnts, 1989, trat dann mit Ulrike Folkerts als Lena Odenthal auch eine blutjunge, burschikose und emanzipierte Beamtin ihren Dienst an (Folge 224). Sie wurde ein Vorbild - und obwohl nach Karin Anselm erst die dritte Kommissarin, sorgte diese Figur geradezu für einen Auftrieb an weiblichen Ermittler-Figuren. Bald gab es im „Tatort“ mehr Kommissarinnen, als wohl je bei Polizei gearbeitet haben.

Risse in der Gesellschaft und bei den Ermittlern

Spätestens nach der Wiedervereinigung nutzte die Reihe seine erweiterte Reichweite auch dafür, dem größer gewordenen Land mit seinen nicht kleiner werdenden Problemen einen Spiegel vorzuhalten. Gentleman-Kommissare wie Heinz Drache wurden bald ausgemustert und durch gebrochene Figuren wie Günter Lamprechts Kommissar Markowitz (Folge 243) ersetzt. Immer öfter ging es auch um Reizthemen wie Fremdenhass und Neonazis, um Risse in der Gesellschaft. Auch die Ermittler selbst nahmen immer mehr Raum ein, wurden auch immer gebrochener und zerrissener. Das Viererteam im aktuellen Dortmunder „Tatort“ etwa ist (seit Folge 844) so hochgradig mit sich selbst beschäftigt, dass es schon an ein Wunder grenzt, dass sie dabei auch noch Fälle lösen.

Seit 2019 ein Team: Martina Furtwängler und Florence Kasumba als Kommissarinnen Charlotte Lindholm) und Anais Schmitz.
Seit 2019 ein Team: Martina Furtwängler und Florence Kasumba als Kommissarinnen Charlotte Lindholm) und Anais Schmitz.© NDR/Christine Schroeder

Dass aber macht bis heute den Reiz des „Tatorts“ aus: was alles innerhalb der Reihe möglich ist. Und was so nebenbei über unsere Rollenbilder und überhaupt über diese Gesellschaft erzählt wird. Die Ermittler werden dabei immer jünger, auch aufmüpfiger gegen alte Autoritäten. Immer mehr öffnet sich das Format auch der Komödie, nicht nur in Münster, auch in Dresden oder Wiesbaden.

Wie wir sind - und wie wir sein möchten

Das Personal wird auch immer diverser: Mehmet Kurtulus war 2008 der erste türkischstämmige „Tatort“-Kommissar (Folge 709), Meret Becker spielt seit 2015 die erste jüdische Kommissarin (Folge 940), ihr Kollege im Berliner „Tatort“, Mark Waschke, hatte als erster Ermittler (in Folge 989) schwulen Sex. Und Florence Kasumba kam 2019 (Folge 1083) als erste schwarze Ermittlerin in die Reihe. Der „Tatort“ zeigt damit zweierlei auf. Zum einen ein Abbild der Gesellschaft, wie wir sind. Zum anderen ein Wunschbild, wie wir gern wären: aufgeschlossen, tolerant, divers. Und uns auch ein bisschen einiger. Nicht nur, was die Sonntagabendgestaltung betrifft.