Sie sind der Rekordhalter. Niemand hat mehr „Tatort“-Fälle gelöst als Udo Wachtveitl und Miroslav Nemec. Mit der Jubiläums-Doppelfolge „ In der Familie “, die am 29. November und am 6. Dezember ausgestrahlt wird, kommen die Münchner Kommissare auf 86 Folgen. Und gleich nach Ulrike Folkerts sind sie am längsten dabei, seit 1991 ihre erste Folge gesendet wurde. Von den 50 Jahren „Tatort“, die jetzt gefeiert werden, haben sie also drei Fünftel miterlebt. Wir haben bei Udo Wachtveitl einmal nachgefragt, was das mit einem macht.

Der „Tatort“ wird 50 – wie fühlt sich das für Sie an?

Udo Wachtveitl: Für mich als Leitmayr sind es nicht 50, sondern erst 30 Jahre. Ich habe da eigentlich keine andere Perspektive als die meisten Zuschauer: Man ist damit groß geworden. Der „Tatort“ ist das Journal, das Bilderbuch der Republik. Manchmal hat man ja Gelegenheit, alte Folgen zu sehen, und es ist doch interessant, was sich da an Männer- und Frauenbildern, aber auch in der Mode, bei Autos und vor allem in der Filmtechnik geändert hat. Ich glaube, neben dem Unterhaltungswert, den eine gute Folge hat, wird der „Tatort“ später auch mal für Geschichtswissenschaftler interessant sein.

Sind Sie denn auch mit der Reihe aufgewachsen? Durften Sie die ersten Folgen schon gucken?

Naja, heimlich oder wenn ich ausnahmsweise mal länger aufbleiben durfte. Ich kann mich nicht mehr erinnern, welche Folge ich als erste gesehen habe, aber ich kann mich noch an meine Haltung erinnern: Ich lag auf dem Teppich vor unserem Schwarzweißgerät, hatte das Kinn in beide Hände gestützt und wollte der Handlung so nah wie möglich sein.

Von Anfang an sehr ähnlich: Miroslav Nemec (l.) und Udo Wachtveitl in ihrer ersten „Tatort“-Folge „Animals“, die 1991 ausgestrahlt wurde.
Von Anfang an sehr ähnlich: Miroslav Nemec (l.) und Udo Wachtveitl in ihrer ersten „Tatort“-Folge „Animals“, die 1991 ausgestrahlt wurde. © picture alliance / united archives | United Archives / kpa

Sie halten mit Miroslav Nemec den Rekord. Niemand hat mehr „Tatort“-Folgen gedreht als Sie. Und Sie sind, neben Ulrike Folkerts, auch am längsten bei der Reihe dabei. Fühlt man sich da schon als Veteran der Reihe?

Das wird eher von außen an einen herangetragen. Ich stecke gerade wieder in Vorbereitung für eine neue Folge, in Diskussionen um das Drehbuch. Und da habe ich wieder mal erfahren, dass unsere Herangehensweise eher als sehr engagiert denn behäbig wahrgenommen wird. Manchmal kämpfen wir wirklich um Nebensätze. Der „Tatort“ steht in der Wahrnehmung so im Vordergrund, dass die Leute manchmal denken, wir machen nur das. Für mich sieht es anders aus: Der „Tatort“ beschäftigt mich gut drei Monate im Jahr. Die sind sehr intensiv und arbeitsreich. Sagen wir vier mit Vorbereitung und Nachsynchronisation. Aber es bleiben noch acht Monate. Der „Tatort“ ist also ein konstanter Teil in meinem Leben, aber ich bin damit nicht so verschmolzen wie, sagen wir, ein Verwaltungsdirektor mit seinem Amt.

Es gibt Leute, die sagen, Herr Nemec und Sie werden sich im Laufe der Jahre immer ähnlicher. Ist das wie in einer guten Ehe?

Ich bestreite das, Herr Zander! ( lacht ) Zum einen haben sich unsere Lebensstile eher in entgegengesetzte Richtungen entwickelt. Und dann weiß ich noch, wie bei unserem allerersten „Tatort“-Drehtag die Redakteurin und der Produzent, als wir aus der Maske kamen, ganz unsicher waren, ob wir beide die richtige Wahl waren. Aber die Verträge waren ja schon gemacht. Die haben dann beschlossen, dass einer sich noch mal die Haare schneiden lassen muss, damit man uns unterscheiden kann. Sollte es also je eine Grundlage für die Behauptung in Ihrer Frage gegeben haben, dann war das schon von Anfang an so.

Auch in der Jubiläums-Doppelfolge „In der Familie“ ermitteln die Münchner Kommissare - zusammen mit den Dortmunder Kollegen.
Auch in der Jubiläums-Doppelfolge „In der Familie“ ermitteln die Münchner Kommissare - zusammen mit den Dortmunder Kollegen. © ARD

Wie eng, darf ich das fragen, sind Sie und Herr Nemec denn persönlich, wenn man 30 Jahre lang zusammenarbeitet?

Wir verstehen uns gut. Ich merke das vor allem, wenn ich mal wieder einen anderen Film drehe, wie viel hinderlicher Schotter bei uns schon aus dem Weg geräumt ist nach all den Jahren. Das betrifft Verständnisfragen, Timing, Humor. Es gibt eine gute und eine schlechte Routine. Die gute erlaubt einem, all das, was störend im Weg liegt, wegzufegen und sich auf das zu konzentrieren, worauf es ankommt. Schlechte Routine bedeutet, dass man alles wieder so macht, wie man es immer schon gemacht hat. Wir kennen die Schmerz- und Druckpunkte des anderen und haben sie miteinander abgeglichen. Privat sehen wir uns nicht so oft wie früher, unsere Lebensstile sind verschieden. Aber da wir uns beim Drehen ein Wohnmobil teilen, sehen wir uns im Jahr mehr als mit anderen Freunden.

Sind Sie selbst ein „Tatort“-Gucker? Gehören Sie zu denen, denen der Sonntagabend heilig ist, wo keiner anrufen darf?

Ich gehe am Sonntagabend gern aus, weil da nicht so viel los ist. Damit ist Ihre Frage schon beantwortet, es gibt da also bei mir kein heiliges „Tatort“-Ritual. Manchmal passiert es mir, dass ich nach der „Tagesschau“ hängen bleibe. Aber es gibt ja jetzt die Segnungen der Mediathek, so dass der feste Sonntagabendtermin nicht mehr sakrosankt ist. Meine eigenen Folgen aber schaue ich nie. Die archiviere ich. Ich habe eine Kiste voller DVDs, da ist quasi mein Lebenswerk drin. Irgendwann, wenn ich mich mal traue, greif’ ich da rein. Aber noch gucke ich die nicht, ich mag mich einfach nicht sehen. Ich würde mir nur immer zurufen: Nein, anders, schneller, früher. Warum guckst du so blöd? Wie siehst du denn aus? Das geht mir so wie den meisten Leuten, wenn sie ihre Stimme auf dem Anrufbeantworter hören.

Zwei „Tatort“-Kommissare auf anderen Gefilden: mit Maria Furtwängler im TV-Film „Mr. and Mrs. Right" (2005).
Zwei „Tatort“-Kommissare auf anderen Gefilden: mit Maria Furtwängler im TV-Film „Mr. and Mrs. Right" (2005).© picture-alliance/ dpa | Stephan Görlich

Gibt es eigentlich so etwas wie eine „Tatort“-Familie? Fühlt man sich verbunden mit anderen Darstellern? Ist man gar im Austausch? Oder empfindet man sich womöglich auch als Konkurrenz?

Es gibt eine „Tatort“-Familie, aber nicht alle Familien sind sehr miteinander verbunden. Ich weiß nicht, wie oft Sie sich mit entfernten Nichten und Neffen treffen. Bei der Teamdichte wird die Familie ja auch immer unübersichtlicher, und dann ist sie noch über die ganze Republik verstreut. Es gibt die Familie eher im genealogischen Sinn, aber man darf sich nicht vorstellen, dass wir auch noch Weihnachten zusammen feiern. Als wir jetzt die beiden Jubiläums-Folgen mit dem Dortmunder Team gedreht haben, hatten wir allerdings ein schönes Erlebnis: Wir waren in einem Kölner Hotel untergebracht. Und just zu der Zeit arbeiteten nicht nur die Kölner an einer neuen Folge, sondern auch die Münsteraner, die ihre Büroszenen ebenfalls immer in Köln drehen. Vier „Tatort“­Teams zur selben Zeit im selben Hotel. Dietmar Bär hat dann eine selfie-freie Zone versprochen in einem Lokal, das er gut kennt. Aber das war weniger ein Familienfest, eher eine spontane Party wie mit Zufallsbekanntschaften im Urlaub.

Wie sehr hat sich die Reihe im Laufe der Jahre verändert? In den 90er-Jahren steckte der „Tatort“ mal in einer Krise, heute schauen manchmal über zehn Millionen zu.

„Tatort“ ist nicht alles: Wachtveitl 2018 „Eine Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens“ in Regensburg.
„Tatort“ ist nicht alles: Wachtveitl 2018 „Eine Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens“ in Regensburg. © picture alliance / Jens Niering | Jens Niering

Ob der Film beim Publikum ankommen wird oder nicht, merkt man beim Drehen nicht. Was man aber merkt, ist, dass sich der Dreh wesentlich professionalisiert hat. Man hört noch aus den Anfangstagen, dass man 30 oder gar 32 Drehtage hatte. Heute sind es 23. Das Filmhandwerk ist wesentlich anspruchsvoller geworden, auch weil die Endgeräte viel kinoähnlicher geworden sind. Man muss aufwändiger drehen, um den internationalen Standard zu erfüllen. Die Aufgabe des Schauspielers bleibt aber immer die gleiche: Sei wahrhaftig. Spiel so, dass du dir selbst glaubst. Und behalte deinen Text. Das gilt für eine experimentelle Theaterproduktion genauso wie für einen populären „Tatort“. Als jemand, der in diesem Land lebt, finde ich es aber gut und wertvoll, dass es den „Tatort“ gibt. Ich freue mich auch über diesen Hype, oder nennen wir es positiver: Lagerfeuergefühl. Es ist immer gut, wenn sich eine Gesellschaft auf Gemeinsamkeiten verständigt, dass man gemeinsam etwas anschaut, das Themen setzt.

„Es gibt noch andere Dinge, die mir Spaß machen“: Udo Wachtveitl mit Freundin Lila Schulz bei der Eröffnung der Bayreuther Festspiele.
„Es gibt noch andere Dinge, die mir Spaß machen“: Udo Wachtveitl mit Freundin Lila Schulz bei der Eröffnung der Bayreuther Festspiele.© picture alliance / | Eventpress Golejewski

In letzter Zeit haben Sie nur noch wenig andere Filme neben dem „Tatort“ gedreht. Kommen keine Angebote mehr? Steckt man als Kommissar noch in einer Schublade?

Es gibt durchaus noch anderes. Aber ich bin in einer wirtschaftlichen Situation, die es mir erlaubt, nicht alles tun zu müssen. Das soll jetzt auch nicht so klingen, als kämen jeden Tag vier, fünf tolle Angebote, die ich alle ablehne. Ich habe gut zu tun. Ich mache, was vielleicht nicht so auf dem Radar ist, auch viele Lesungen. Und noch andere Dinge, die mir Spaß machen, die Sie und Ihre Leser aber nicht unbedingt erfahren müssen.

Sie haben auch drei Mal selbst Regie geführt, 1998 und 2000 und 2013 bei „16 x Deutschland“ auch den Film über Bayern gedreht. Reizt Sie Regie heute nicht mehr?

Das Mütchen, das unbedingt mal gemacht zu haben, ist gekühlt. Ich habe den Wandel des Regieberufs in meinen über 40 Berufsjahren ja auch beobachten können. Heute sind das oft keine künstlerischen Leiter mehr, die müssen eher Logistikfachleute sein. Das ist sehr anstrengend, und dafür auch nicht üppig bezahlt. Doch, doch, ich mache auch wieder Regie, für ein eigenes Projekt. Es ist auch was in der Pipeline. Und dann gibt es auch noch Ideen in, ich sag mal vorsichtig: einer anderen Kunstform.

Haben Sie je mit dem Gedanken gespielt, auch mal einen „Tatort“ zu inszenieren?

Das müsste schon ein besonderes Drehbuch sein. Und es dürfte kein Bayern-„Tatort“ sein, Ich würde mich auf keinen Fall dem Vorwurf aussetzen wollen, mich selbst als Leitmayr zu bevorzugen. Dazu müsste ich den Miro aber besser ins Bild setzen, und daran kann ich erst recht kein Interesse haben!

Nach 30 Jahren kennt man sich. Rangeln tut man sich nur ironisch für die Fotografen: Udo Wachtveitl  und Miroslav Nemec (l.).
Nach 30 Jahren kennt man sich. Rangeln tut man sich nur ironisch für die Fotografen: Udo Wachtveitl und Miroslav Nemec (l.).© picture alliance / Markus Scholz/dpa | Markus Scholz

Jetzt wird 50 Jahre „Tatort“ gefeiert. Und bald steht schon das nächste Jubiläum an: Ihr 30-Jähriges. Wird das auch zelebriert?

Das wird ungefähr so gefeiert wie die 50 Jahre bei unserer Doppelfolge. Am letzten Drehtag hatte irgendwer eine Flasche Sekt dabei, der wurde dann aus Pappbechern getrunken. Unser Jubiläum ist auch insofern schwierig, weil man da keinen klaren Termin hat. Wir haben ja schon 1989 unseren ersten „Tatort“ abgedreht. Es hat aber anderthalb Jahre gedauert, bis der gesendet wurde. Bei uns zerfasert dieses Jubiläum also etwas.

Und was meinen Sie, wie lange wollen Sie noch beim „Tatort“ ermitteln?

Diese Frage hat man uns immer wieder gestellt. Nach 20, nach 25 Jahren. Und schon damals hatten wir keine Antwort darauf. Also wenn wir einen Schutzmann fragen müssen, ob er uns bei einer Verfolgungsjagd über die Straße hilft, dann wäre es jedenfalls zu spät. Im Ernst: Wir haben keinen Rahmenvertrag, weder der Bayerische Rundfunk noch wir sind daran gebunden, für eine feste Zeit weiter machen zu müssen. In Bayern nennt man das ein „g’schlamperts Verhältnis“. Aber so ein Verhältnis ist ja manchmal sehr stabil.