Schon schrecklich, was die Schüler an diesem Vormittag im Berliner Tierpark entdecken. Sie stehen vor dem Gehege der Pekaris. Der Name stammt aus der Sprache der brasilianischen Tupi-Indianer, er bedeutet „Tier, das viele Wege durch den Wald macht“. Es sind borstige Nabelschweine mit sehr starken Kiefern. Paarhufer. Allesfresser. In diesem Fall: Leichenfresser.

„Das Dorf der Mörder“ beginnt mit einem gezielten Schock unter dem ewig grauem Himmel der Hauptstadt. Die Polizistin Sanela Beara trifft zuerst am Tatort ein. Der Tote ist nicht mehr zu identifizieren. Nur an einem herumliegenden Schuh erkennt man, dass es ein Mann gewesen sein muss.

Gespenster aus vergangenen Jahrzehnten

Während man den Tieren unter Betäubung die Mägen öffnet, schickt Bearas selbstherrlicher Vorgesetzter Gehring, wunderbar gespielt von Jürgen Tarrach, die junge Kollegin zum Kaffeeholen. Sie lernt die Tierpflegerin Charlie kennen und wird auf dem Rückweg mit einem Spaten niedergeschlagen. Als sie im Krankenhaus erwacht, erzählt man ihr, die Pflegerin sei auch die Mörderin gewesen: Sie habe den Mann den hungrigen Tieren zum Fraß vorgeworfen.

Niki Steins Film beruht auf Motiven des gleichnamigen, 2013 erschienenen Romans von Elisabeth Herrmann, die seit Jahren erfolgreich Kriminalromane schreibt und dafür verschiedene Preise erhielt. Wer die Thriller der Bestsellerautorin kennt, der weiß, dass darin gern Gespenster aus vergangenen Jahrzehnten spuken.

Sie soll die Mörderin sein. Die Ermittlerin mit der Tierpflegerin Charlie Rubin (Anna Loos, l.).
Sie soll die Mörderin sein. Die Ermittlerin mit der Tierpflegerin Charlie Rubin (Anna Loos, l.).© ZDF und JULIA TERJUNG | JULIA TERJUNG

In „Das Kindermädchen“, erschienen 2007, war es eine dunkle Geschichte aus der Zeit des Nationalsozialismus, die den Hintergrund lieferte. „Zeugin der Toten“ erzählte 2011 von einer Tatort-Reinigerin, die von ihrer Kindheit in der DDR eingeholt wurde. Beide Geschichten brachten es in Adaptionen auch auf die Fernsehschirme.

Auch Sanela Beara, Kroatin und selbst gepeinigt von frühen Erinnerungen aus der Zeit des Jugoslawienkrieges, steigt hinab in die Vergangenheit. Ihr schmieriger Vorgesetzter will den Fall schnell zu den Akten legen, zumal die Tierpflegerin geständig ist. Aber die Polizistin mag nicht daran glauben.

Die Darstellerinnen heben den Film über den Durchschnitt

Sie stellt fest, dass der Mord im Tierpark mit Charlies Kindheit zusammenhängt. So findet sie sich bald im brandenburgischen Wendisch Bruch wieder, einem verlassenen Nest in der Nähe von Jüterbog. Hier gibt es nur noch ein paar alte Menschen, alle anderen sind entweder gestorben oder vor ein paar Jahren auf seltsame Weise ums Leben gekommen.

Es sind die gut besetzten Frauenfiguren, die diesen Film über den Durchschnitt heben. Alina Levshin als Polizistin und Anna Loos als Tierpflegerin sind komplexe, abgründige Charaktere, die beide ein Geheimnis hüten. Charlie zeigt der Polizistin die Tierfutteraufzucht des Tierparks – jene gern versteckte Einrichtung in Zoos, in denen Küken und anderes Getier aufgezogen werden, um größere Tiere damit zu ernähren. Es ist eine verstörende Szene.

Die Schauspielerinnen Anna Brüggemann und Alina Levshin am 14.10.2015 vor der Premiere des Films im Kino Filmkunst 66 in Berlin
Die Schauspielerinnen Anna Brüggemann und Alina Levshin am 14.10.2015 vor der Premiere des Films im Kino Filmkunst 66 in Berlin © dpa | Gregor Fischer

In einer Nebenrolle sehen wir Anna Brüggemann als Schwester der angeblichen Mörderin. Sie ist als Kind zur Adoption freigegeben und so zu Wohlstand gekommen und stürzt sich mit dem Polizeipsychologen prompt in eine Affäre. Aber auch sie ist, wie alle Frauen hier, seltsam hart und verschlossen.

Sie bewegen sich durch eine Welt, der Kameramann Arthur W. Ahrweiler gekonnt klaustrophobische Züge gibt. Alles hier ist unwirtlich und schäbig: die verfallenen Häuser Brandenburgs, die hoffnungslosen Herbergsräume, die dreckige Armaturen und draußen ein Herbst ohne Farben und Sonne, in dem sich die Menschen eingesperrt fühlen müssen wie in einem Tiergehege. Sanela Beara erfährt, dass Charlie und ihre Schwester ihre Eltern früh verloren. Sie trifft auf Menschen, denen das Verschweigen und Vertuschen zur Natur geworden ist.

Ein weiterer Fall für die Ermittlerin wäre zu wünschen

Ein Werbefilm für die verborgenen Schönheiten Brandenburgs ist dabei sicher nicht herausgekommen – dafür ein sehenswerter Thriller, wenn auch kein erstklassiger. Denn dafür hätte die Auflösung nicht derart weit über das Ziel hinausschießen dürfen. Am Ende stehen wir vor einem derart finsteren Abgrund aus Elend und Gewalt, dass uns ein wenig der Glauben daran abhanden kommt.

Vor allem aber hätten alle Handlungsfäden bis zum Ende verfolgt werden müssen: die kroatische Vorgeschichte der Ermittlerin, das kindliche Trauma in den Wirren eines Bürgerkriegs bleibt ein blindes Motiv in dieser Geschichte. Auch deshalb wäre Sanela Beara ein weiterer Fall zu wünschen.

„Das Dorf der Mörder“. ZDF, 26. Oktober, 20.15 Uhr.