Sie lehnt sich weit aus dem Fenster. Zu ihrem „Tatort“-Einstand heute wollten wir Margaria Broich ja eigentlich persönlich treffen. Aber die Berlinerin dreht derzeit schon wieder in Frankfurt. Und zwar bereits die dritte „Tatort“-Folge. Sie sitzt dort gerade im Hotel, der Empfang ist aber schlecht. Deshalb lehnt sie sich über die Brüstung – was nicht ganz ohne Risiko ist im 19. Stock. Von dort aus redet die 55-Jährige frank und frei über alles. Mit einer Ausnahme: Über die unselige Diskussion, als sie für ihre Kommissarin den Namen einer deportierten Jüdin vorgeschlagen hat, will sie sich nicht mehr äußern.
Berliner Morgenpost: Gratulation, Frau Broich. Sie sind die neue Nina Kunzendorf.
Margarita Broich: (lacht) Das haben Sie gesagt! Ich kenne Nina, neulich haben wir uns auch über die Staffelübergabe unterhalten. Was soll ich sagen? Neues Spiel, neues Glück. Was Nina hinterließ, kann man nicht wiederherstellen oder gar toppen. Die beiden waren einfach klasse. Das muss man sich aber auch von den Schultern streifen. Anders kann man gar nicht arbeiten. Wir drehen schon die dritte Folge. Wenn jetzt die erste Folge startet, reden hier also über längst vergangene Zeiten.
Ist der „Tatort“ sowas wie die Champions League des deutschen Fernsehens?
Champions League? Ich guck ja gern Fußball, aber der Vergleich macht mir etwas Angst. Das sind schon irritierende Zahlen. Den „Arturo Ui“ am Berliner Ensemble haben wir vielleicht 450 Mal gespielt, das haben dann in all den Jahren weniger Leute gesehen als ein „Tatort“ an einem Abend. Aber diese Zahlen bleiben letztlich abstrakt. Im Theater spürt man, wie viele Zuschauer am Abend da sind. Aber im Fernsehen ist man bei all diesen Menschen im Wohnzimmer, während man selbst gerade unter der Dusche steht.
Zum ersten Mal werden Sie an der Quote gemessen. Fürchtet man sich ein wenig davor?
Viel mehr fürchte ich mich davor, dass mich alle danach fragen. Der „Tatort“ hat einfach eine enorme Aufmerksamkeit. Aber wenn man dreht, schaut man nur, dass man den Dialog richtig spricht. Solche Gedanken hat man mal, die bringen einen aber auch nicht weiter, das muss man dann auch verdrängen können. Was aber ein bisschen beruhigt, ist die Einsicht, dass man es sowieso nie allen recht machen kann. Manchmal finde ich einen Tatort ganz toll, und am nächsten Morgen schimpfen alle nur darüber. Diese Divergenz, das ist ein Phänomen für sich.
Die Chemie zwischen Ihnen und Ihrem „Tatort“-Kollegen Wolfram Koch stimmt schon mal. Sie wirken sehr vertraut. Dabei haben Sie noch nie groß zusammengearbeitet?
Ich kenne den Wolfram seit 30 Jahren. Wir haben uns immer in ähnlichen Umfeldern aufgehalten, auch im Theater. Wir hatten die selben Regisseure, haben aber nie zusammen auf der Bühne gestanden. Letztes Jahr haben wir den Kinderfilm „Quatsch“ zusammen gedreht, der jetzt auch für den Deutschen Filmpreis nominiert ist, da hatten wir aber keine einzige gemeinsame Szene. Zuletzt haben wir mit Maria Schrader und Samuel Finzi mit „Gott des Gemetzels“ gemeinsame Lesungen gemacht. Da haben wir ein Paar gesprochen. Wir sind uns also schon lange vertraut.
Die „Bild“-Zeitung will schon wissen, dass Ihre beiden Kommissare ein Paar werden könnten. Dürfen Sie uns da etwas verraten, ist da schon was passiert bis Folge Drei?
(lacht) Das ist das erste Mal, dass ich das höre. Muss ich sofort nachfragen. Bis jetzt hatten wir jedenfalls noch keine gemeinsame Liebesszene.
Eigentlich sollten Sie die Partnerin von Joachim Król werden, als Nachfolge von Nina Kunzendorf. Waren Sie überrumpelt, als er ausstieg?
Ich kenne Joachim Król lange und fand es schade. Man hat mir dann aber einen neuen Prinzen gesucht. Und als man dann den Wolfram vorschlug, habe ich mich sehr gefreut. Es ist einfach gut für die Arbeit, wenn man weiß, dass da jemand ist, der die gleiche Sprache spricht und über die selben Witze lacht.
Wissen sie, warum Joachim Król hinwarf?
Nein. Ich glaube, das war aber nicht nur ein Grund, der ihn dazu bewog. Da spielten wohl mehrere Sachen hinein.
Es ist ja verrückt. Gerade hat Ihr Mann Martin Wuttke seinen letzten Leipziger „Tatort“ absolviert, jetzt starten Sie mit dem ersten Frankfurter „Tatort“.
Ja, das ist wirklich merkwürdig.
Wäre es noch merkwürdiger, wenn er noch dabei wäre? Sie wären das erste Paar gewesen, das gleichzeitig beim „Tatort“ spielt.
Es ist sogar noch merkwürdiger. Wir haben gerade in einem Wiesbadener „Tatort“ mit Ulrich Tukur gespielt, da trete ich als Frankfurter Kollegin auf und Martin als einstiger Kommissar aus Leipzig.
Das ist ja reiner „Tatort“-Inzest!
Nennen wir es lieber Gipfeltreffen.
Bei Ihnen im Haus wohnt noch ein weiterer „Tatort“-Kommissar, Dietmar Baer, der in den Kölner Folgen spielt.
Es sind halt einfach viele Kollegen inzwischen. Jan Josef Liefers kenne ich seit ich weiß nicht wie lange. Dietmar war schon mit Martin auf der Schauspielschule. Mit Klaus Behrendt habe ich „Rote Erde“ gedreht. Mit Dagmar Manzel „Hamlet“ gespielt. Und mit Axel Prahl war ich schon verheiratet. Das ist schon irgendwie ein ganz schöner Klüngel.
Die erste Reaktion, als man Ihnen die „Tatort“-Offerte gemacht hatte, war: „Die haben doch nicht alle Tassen im Schrank“...
„Aber das passt ja ganz gut zu mir“, hab ich auch gesagt. Ich fand das einfach mutig vom Hessischen Rundfunk. Man hätte doch auch mit einem großen Namen auf Nummer Sicher gehen können.
In Frankfurt ermitteln ist ein Heimspiel für Sie. Sie haben da ihre „wildesten“ Jahre verbracht, wie Sie selber bekundet haben. Sie haben dort Theater gespielt, Martin Wuttke kennengelernt, Ihren Sohn geboren.
Das freut einen natürlich, wenn man ein Angebot bekommt, wo man an etwas anknüpfen kann. Dass man nicht in eine ganz fremde Stadt transplantiert wird mit der man erst mal so gar nichts zu tun hat. Da schließen sich ganz viele Kreise. Wenn wir hier spielen, habe ich oft Déjà-Vu-Momente, wo ich denke: Freud lässt grüßen. Neulich haben wir in der Nähe von dem Krankenhaus gedreht, in dem mein Sohn geboren wurde. Da kamen plötzlich vehemente Gefühle, die ganz lange her waren. Da seh’ ich mich mit meinem dicken Bauch über die Straße laufen, weil alle sagten, wenn ich viel laufe, kommt das Kind schneller. Kam aber nicht. Und ich bin sehr viel gelaufen. Wenn ich den Eisernen Steg sehe, fange ich sofort an zu schaukeln.
Ihre Kommissarin fotografiert auch. Das ist Ihre Zweitberufung. Wie viel Einfluss, wie viel Mitbestimmung hatten Sie auf die Figur?
Das ist erst mal das einzige persönliche Merkmal. Wir wollten die Charaktere nicht von Anfang an überladen. Die Fotografie, das kam einfach vom Schießen. Beim „Tatort“ muss geschossen werden. Aber das einzige, was ich mit Schießen verbinde, ist halt die Fotografie. Ich hab so einen fotografischen Blick. Und dachte, auch ein Kommissar könnte da noch mal mit einem anderen Blick rangehen.
Berühmt sind ja die Fotos, die Sie von Schauspielern nach der Bühnenvorstellung, noch in Maske und Kostüm, geschossen haben. Wird es in fünf Jahren auch eine Ausstellung „Nach dem Tatort“ geben?
(lacht) Das überleg ich mir mal. Fotografie ist ja mein erster Beruf. Und mit dem Fotografieren begleite ich quasi meinen zweiten Beruf. Ich hab das nie forciert, ich hab einfach immer mal gefragt „Darf ich ein Bild machen?“. Meistens hatte ich beim Fotografieren selber noch mein Kostüm an.
Was hätte wohl Ihr früherer Lebensgefährte Heiner Müller zum „Tatort“ gesagt?
Pause. Lange Pause. Was hätte er dazu gesagt? Was er gesagt hätte, weiß ich nicht, aber er war ein leidenschaftlicher Krimileser. Sicher sind diese Krimikonstruktionen für Schriftsteller interessant. Shakespeare hätte wahrscheinlich auch gerne Tatort gekuckt.
Das Spannende ist ja, dass Theaterschauspieler bei Fernsehen oft die Nase gerümpft haben, bei Serien sowieso. Da scheint sich ein Paradigmenwechsel ereignet zu haben.
Ja, das hat sich wirklich dramatisch geändert. Als ich auf der Schauspielschule war, war das undenkbar. Das Berufsziel war natürlich die Bühne. Und die Ausbildung hat auch nichts mitgegeben, was man fürs Fernsehen hätte gebrauchen können. Die Stimmausbildung, das Fechten, das war alles auf Shakespeare ausgerichtet. Andererseits gab es ja früher ganz wenig Sender. Was hätte man da spielen soll, das war ja alles von Inge Meysel belegt. Da gab es noch gar nicht das Aufgabenfeld. Das ist auch ein pekuniärer Grund. Wenn man zwei Kinder zuhause hat, die auch versorgt sein wollen, kann man derzeit mit Theater allein nicht bestehen. Der Unterschied ist schon dramatisch. Das Filmen habe ich recht spät für mich entdeckt. Ich empfinde beim Drehen eine fast größere Freiheit als beim Theater. Ich habe immer gern auf der Bühne gestanden, aber die Proben, das muss ich schon gestehen, waren oft wahnsinnig quälend. Vielleicht ist mir die Technik beim Drehen durch die Fotografie so vertraut. Ich leide nicht darunter, von der einen Markierung zur nächsten zu gehen und mich dann umzudrehen, ich nehme das sportlich.
Wenn man bei so einer Serie einsteigt, überlegt man da, für wie lange man das tun will?
Bei der Hochzeit denkt man doch auch nicht an die Scheidung.
Wie werden Sie denn den heutigen Abend verbringen? Werden Sie selber gucken, zuhause mit den Millionen Zuschauern?
Ich bin am Wochenende in Berlin, muss aber Montag früh wieder vor der Kamera stehen. Kann also gut sein, dass ich just am Abend im Flugzeug sitze. Aber das wäre vielleicht gar nicht schlecht. Dann bin ich dem Himmel näher und meine Stoßgebete werden vielleicht schneller erhört.





