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Warum der letzte „Tatort“ aus Leipzig so missraten ist

Was für ein unwürdiger Abschied für den „Tatort“ aus Leipzig. Kommissar-Abschiede sind beim „Tatort“ ja oft etwas Besonderes. Das wollte man bei dieser Ausgabe auch. Nur ist es gründlich misslungen.

Foto: MDR,Saxonia Media,Junghans / dpa

Der „Tatort“ wird oft kritisiert für die Wiederkehr des immer Gleichen. Vielleicht fährt sein Personal deshalb so munter Karussell. Boris Aljinovic hat sich als Felix Stark in Berlin verabschiedet, Joachim Król als Frank Steier in Frankfurt, und nun sind Simone Thomalla und Martin Wuttke dran, die sich als Saalfeld und Keppler in Leipzig seit 2008 um Recht und Ordnung gekümmert haben. Dies ist ihr letzter Fall, er heißt „Niedere Instinkte“.

Und oft wird ja ein solcher Abschied markiert durch Drehbücher, die in irgendeiner Weise aus der Rolle fallen. Im Berliner „Tatort“ war das die esoterisch grundierte Geschichte einer Vorsehung. In Frankfurt war es ein Haus am Ende der Straße, wo Armin Rohde ein furchtbares Regiment führte. So etwas wollte man für die Leipziger auch, unbedingt. Man hat damit Sascha Arango beauftragt, der schon öfter die Bücher für den Sonntagabend schrieb und mehrfach mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde. Leider ist es diesmal komplett in die Hose gegangen.

Gewalt gegen ein Kind steht im Zentrum

Im Zentrum steht, immer gern und immer öfter genommen im „Tatort“ in letzter Zeit, Gewalt gegen ein Kind. Diesmal in Gestalt der achtjährigen Magdalena. Eines Tages erscheint sie nicht in der Schule. Sie ist auf dem Weg entführt worden, und zwar, das kann man hier ohne Weiteres verraten, von einem Lehrer ihrer Bildungseinrichtung. Der hat zusammen mit seiner komplett verrückten Frau in seinem Haus ein geheimes Zimmer eingerichtet, wo das Mädchen nun gefangen gehalten wird.

Natürlich ist das von der Realität inspiriert, von dem Psychopathen Josef Fritzl aus Amstetten ebenso wie von dem Entführer Wolfgang Priklopil im österreichischen Strasshof. Der erste baute eine komplette Wohnung unter Tage, um dort seine Tochter jahrelang zu missbrauchen und mit ihr eine zweite Familie zu zeugen, der zweite entführte die zehnjährige Natascha Kampusch auf dem Schulweg und hielt sie mehr als acht Jahre lang gefangen. Die Realität liefert also den denkbar furchtbarsten Hintergrund für diese Geschichte. Jeder, der Kinder hat oder mag oder beides, denkt die vollen 90 Minuten auch daran. Das ist der schmale Grat, auf den sich Arango und Regisseurin Claudia Garde begeben. Und dass sie dabei abstürzen, hat drei Ursachen.

Erstens ist da das Entführerpaar selbst. Jens Albinus spielt den hadernden Lehrer an Magdalenas Schule, der die Entführung eigentlich abbrechen will, von seiner Frau aber daran gehindert wird. An seiner Seite verkörpert Susanne Wolff glaubwürdig eine psychisch gestörte Frau, die offensichtliche Gewalt gegen ein Kind für Fürsorge hält. Beide legen sich Silikonmasken über die Gesichter, wenn sie in das Verließ des Mädchens kriechen – Gespenster, die nach Nähe suchen. Aber sie wirken dabei doch vor allem wie zwei Schauspieler, die selbst nicht an das glauben, was ihnen da ins Drehbuch geschrieben wurde.

Im Gottvertrauen ums Feuer tanzen

Zweitens sind da die leiblichen Eltern Magdalenas, gespielt von Alexander Scheer und Picco von Groote. Zwei religiös tief bewegte Menschen, die im Gottvertrauen um das Feuer tanzen und sich und ihren Glaubensgeschwistern die Hände halten. Wo wir auf der einen Seite in diesem „Tatort“ das Klischeebild brüchiger Bürgerlichkeit serviert bekommen, kriegen wir es hier mit einer Karikatur des Lebens in einer Sekte zu tun. Das ist symptomatisch für diesen „Tatort“: Er wählt ein derart angstbesetztes Thema, will sich aber nicht darauf konzentrieren. Es ist ein Krimi für Unglücksvoyeure mit Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom.

Das führt zum dritten Punkt: Man muss ja irgendwie die Geschichte von Saalfeld und Keppler zu Ende erzählen, von diesem Ex-Ehepaar also, das aber doch nicht voneinander loskommt. Das hat in den letzten Jahren für heitere Momente gesorgt, die nun, warum auch immer, in kompletten Slapstick überführt werden.

Dieser „Tatort“ ist deshalb misslungen, weil er alles sein will: heiter und leicht, aber auch brutal und grenzüberschreitend. Ein unwürdiger Abschied.

Tatort, ARD, Sonntag, 20.15 Uhr

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