ARD-Krimi

Neuer „Tatort“ aus Berlin zeigt die Härte der Stadt

Der „Tatort“ aus Berlin hat ein neues Ermittler-Duo: Meret Becker und Mark Waschke zeigen in ihrem ersten Fall als Kommissarin Nina Rubin und Kommissar Robert Karow ein ziemlich ruppiges Berlin.

Von Peter Zander

Foto: x / rbb/(M)/Fr d ric Batier

So sehen potenzielle Mordopfer im „Tatort“ aus. Die etwas angeschlagen wirkende Frau kommt aus der Disco, stakst nachts durch dunkle Gassen und wird von einem Mann verfolgt, der prompt über sie herfällt. Aber statt eines Mordes sehen wir schnellen, rohen Sex. Die Frau kommt danach mit Brötchen nach Hause, gerade rechtzeitig, bevor die Kinder aufstehen. Der Gatte riecht, was los war, und packt die Koffer. Da guckt die Frau dann betroffen. Und wir erkennen nicht weniger betroffen: Das ist die Kommissarin.

Kaum besser geht es ihrem neuen Partner. Der steht anfangs im Plänterwald. Eine öde, tote Gegend. Und das passt, ist hier doch sein früherer Kollege umgekommen. Ertrunken, heißt es, dabei wurde er erschossen. Irgendjemand hat den Obduktionsbericht gefälscht. Und es könnte gut sein, dass es dieser Kommissar selber war. Jedenfalls lastet eine schwere Schuld auf ihm, und sie macht ihn griesgrämig, arrogant und ungenießbar.

Früher war es niedlicher

Es ist immer eine Krux mit neuen Kommissaren: Man muss sie ja nachhaltig einführen, muss Spannungen schaffen, an denen sich die Kollegen reiben und abarbeiten können. Beim früheren Berliner „Tatort“-Duo Boris Aljinovic und Dominic Raacke kam man auf das etwas plumpe Pat-und-Patachon-Prinzip von dem Kleinen und dem Großen, was die Herren Darsteller dann lange verfolgt hat. Darüber hinaus nahm Raacke Aljinovic zu Beginn den Parkplatz weg, wofür der ihm Handschellen verpasste. Das wirkt, verglichen mit dem neuen Berliner Duo, fast niedlich.

Meret Becker und Mark Waschke jedenfalls sind als Kommissarin Nina Rubin und Kommissar Robert Karow erst mal genug mit sich selber beschäftigt. Das erste Aufeinandertreffen fällt entsprechend kühl aus. Sie: „Wollten Sie nicht erst in zwei Tagen kommen?“ Er: „Überraschung.“ Sie arbeiten eher gegen- als miteinander und trauen sich nicht über den Weg. Klar ist aber auch, dass beide sich in die Arbeit stürzen, um sich abzulenken von den eigenen Dämonen. Das lässt genug Potenzial für weitere Folgen offen.

Nachdem Raacke und Aljinovic ziemlich unsanft aus dem Polizeidienst entlassen wurden, hat der RBB für das neue Duo nichts dem Zufall überlassen. Das Drehbuch schrieb Stephan Kolditz, von dem der Erfolgsmehrteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ stammt, Regie führte der dreifach Grimmepreisträger Stephan Wagner. Die erste Folge entstand in für TV-Verhältnissen ungewohnt knapper Zeit: Gedreht wurde im November, geschnitten im Januar, schon wird die Folge ausgestrahlt. Andere „Tatorte“ liegen da deutlich länger. „Das Muli“ ist aber dennoch kein Schnellschuss geworden.

Affront gegen die „Tatort“-Regeln

Wobei der Fall selbst durch die Einführung der Hauptcharaktere erst mal zur Nebensache gerät. Es gibt – ein Affront gegen liebgewordene „Tatort“-Regeln, wonach die Leiche nach fünf Minuten aufzutauchen hat – zwar eine gehörige Blutlache und damit einen Tatort, aber die dazugehörige Leiche findet sich erst nach 40 Minuten. Damit macht der neue Berlin-„Tatort“ gleich klar, dass man mit Sehgewohnheiten durchaus brechen kann. Dann laufen erst mal drei unterschiedliche Filme parallel ab.

Das Meret-Becker-Drama, wenn zu Hause erst der Mann und dann auch der ältere Sohn auszieht. Das Mark-Waschke-Drama, weil der Ermittler offensichtlich nicht freiwillig vom Drogendezernat in die Mordkommission wechselt und noch ein persönliches Huhn zu rupfen hat. Und dann das 13-jährige Mädchen, das anfangs mit blutigem Shirt auf dem Kudamm heult und dann mit ihrem älteren Bruder vor ihren Häschern flieht. Das Mädchen hat nämlich mit einer Freundin Drogen aus Mexiko geschmuggelt, als sogenanntes Muli, als Packesel, mit hundert Päckchen im Magen. Bei der Freundin ging das schief, um die Drogen zu retten, wurde sie buchstäblich ausgeweidet. Nun sind die Drogenhändler auch hinter der 13-Jährigen her, die immer noch ein Kilo Kokain in sich trägt.

Die dritte Hauptrolle spielt die Stadt

Berlin, so lautete die Devise des RBB, soll bei den neuen „Tatort“-Folgen mehr ins Bild rücken, die Stadt soll die dritte Hauptrolle spielen. Das haben die Macher mehr als verinnerlicht. Mitten auf dem Kurfürstendamm beginnt die erste Folge, führt dann in die Peripherie, in den Plänterwald und auf die Müllhalde Schmargendorf, wo die Leiche schließlich geborgen wird. Und die Dealer wie die Kommissare sind gleichermaßen hinter den Jugendlichen her, am RAW Friedrichshain, den Yorkbrücken, dem Stuttgarter Platz bis zum Urbankrankenhaus. Der brach liegende Plänterwald mit dem umgestoßenen Dinosaurier ist als Metapher für Verlorenheit vielleicht ein wenig ausgelutscht – das kennt man ja selbst aus dem US-Thriller „Wer ist Hanna?“ -, dafür wurde aber auch an dem noch völlig jungfräulichen BER-Flughafen gedreht, wohin sich Brüderlein und Schwesterlein verstecken und wo es zum großen Showdown kommt.

Nie aber haben wir es hier mit touristischen Glanzpostkartenbildern zu tun. Gedreht wurde mit fiebriger nervöser Kamera, so dass Berlin mehr wie Brooklyn wirkt, auf jeden Fall nicht mehr so zehlendörflich-brav wie in manch früheren Folgen. Der neue Berlin-„Tatort“ gewinnt damit etwas Ruppiges, Gebrochenes, was ihm sehr gut steht. Mag der erste Fall noch nicht ganz so spannend geraten sein: Der Tonfall, die Machart, die Charaktere stimmen schon mal. So darf das gerne weitergehen.

„Tatort: Das Muli“, ARD, 22.3., 20.15 Uhr