ARD-Krimi

Kesse Lippe mit Schussangst - Das neueste „Tatort“-Team

Zum ersten Mal ermittelt der ARD-“Tatort“ auch in Franken. Dagmar Manzel und Fabian Hinrichs kommen aber aus Berlin. Und müssen sich nicht nur gegen die Platzhirsche der Serie behaupten.

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Schon wieder ein neues „Tatort“-Team! Man verliert ja allmählich den Überblick, wer da gerade neu den Dienst antritt, wer das Handtuch wirft und wer es geworfen bekommt. Der neueste Neuzugang ermittelt ab 12. April in Franken. Das heißt in diesem Fall, dass es nicht nur neue Ermittler gibt, sondern auch eine neuen Region. In Bayern wurde bislang nur in München ermittelt, jetzt kommt als Einsatzort Franken hinzu: Nürnberg und Umgebung.

Ihren Dienst dort treten aber zwei Berliner an. Das gehört dazu. Die halbe „Tatort“-Kommissarsriege wohnt ja in der Hauptstadt. Die Neuzugänge sind Fabian Hinrichs, bekannt seit „Sophie Scholl“ (2005), der trotz seiner 40 Jahre noch immer recht jungen-, wenn nicht bubihaft wirkt, und das Multitalent Dagmar Manzel, im Kino genauso zu Hause wie auf der Bühne, nicht nur am Berliner Ensemble und am Deutschen Theater, sondern seit jüngstem auch an der Komischen Oper. Auch wenn sie nur 16 Jahre trennen, wirken sie ein bisschen wie Mutti und Sohn.

Nur hin und wieder selbst geguckt

Die beiden haben sich, mit ihrem Team, den ersten Fall „Der Himmel ist ein Platz auf Erden“ gerade erst angesehen. Nicht etwa in Nürnberg, sondern in Berlin. Nun sitzen sie am Mittwochmittag im Soho House, wo einst das Zentralkomittee der SED seinen Sitz hatte, und steht der Presse Rede und Antwort. Dagmar Manzel will nicht als Chefin erscheinen und setzt sich demonstrativ nicht in die Mitte der Runde. Die überlässt sie Fabian Hinrichs, der noch an einem Lachsbagel kaut. Das berühmte „Tatort“-Fadenkreuz hinter ihm wirkt wie ein Heiligenschein.

Wie halten es die beiden selbst mit dem „Tatort“? Gucken sie regelmäßig, gehören sie zu denen, die man sonntagabends nicht anrufen darf? „Ich hab früher mal geguckt“, gibt Hinrichs zu, „aber dann auch wieder nicht.“ Weil seine Frau das liebt, schaut er jetzt wieder mit. Und stellte fest, dass es „den“ Tatort gar nicht gibt. „Es gibt furchtbare, aber auch ganz gute ‚Tatorte‘“. Deshalb findet er es nun eine Herausforderung, dabei zu sein. Man will ja nicht zu den Furchtbaren zählen. Dagmar Manzel hat nur hin und wieder eingeschaltet, weil halt viele Kollegen mitspielen. „Aber es war nie in meinem Dunstkreis, dass ich selbst mal als Kommissarin vor der Kamera stehen könnte.“ Was sie an dem Format reize, sei die Tatsache, dass die Figur, die sie spielt, noch nicht auserzählt ist. Die entwickelt sich noch, und wohin der Weg geht, das steht nach nur einer Folge noch nicht fest.

Streitbar und streitsüchtig

So viel darf man schon verraten: Ihre Paula Ringelhahn ist eine ziemlich streitbare und auch streitsüchtige Kommissarin. Sie hat schon Disziplinarverfahren wegen Beleidigung, Rückstellungen und Anzeigen wegen Dienstpflichtverletzung hinter sich. Sie kommt, das wird erst mal nur angedeutet, aber sicher noch vertieft, aus dem Osten. Und sie hat Ladehemmung oder – so hieß mal ein Film von Fabian Hinrichs – „Schussangst“. Ihr neuer Sozius Felix Voss kommt aus dem Norden und arbeitet auch eher unkonventionell. Am Bahnhof wird er gar nicht erst abgeholt, weil alle an einem aktuellen Tatort sind. So wird er sofort in den neuen Job katapultiert. Ohne Sperrfrist. Ohne die Spediteure instruieren zu können.

Es sei, vermerkt Stephanie Heckner, die zuständige Redakteurin des Bayrischen Rundfunks, explizit nicht um einen superlativen „Tatort“ gegangen. Nicht um das jüngste Team aller Zeiten, nicht um den actionreichsten Knaller. Es gab vielmehr zwei Prämissen: die Region und die Figuren. Alles wird darum herum aufgebaut. Man darf in diesem Fall vielleicht vom „Dadord“ reden. So zumindest spricht der fränkische Spurensicherer das Wort „Tatort“ in der ersten Folge aus.

Trend in die Beliebigkeit

Die Frage, die sich nicht nur das Franken-Team stellen muss, ist aber, ob der „Tatort“, die heilige Kuh der ARD, nicht allmählich seinen Zenit überschritten hat. Noch nicht bei den Zuschauern: Noch die durchschnittlichste Folge kommt auf Quoten zwischen acht bis zehn Millionen. Aber doch bei den Darstellern. Selten wurden so viele Ermittler in die Serien-Rente geschickt wie in den vergangenen zwei Jahren, die letzten prominenten Opfer waren die Berliner Dominic Raacke und Boris Aljinovic, die Leipziger Simone Thomalla und Martin Wuttke, die noch einen Abschiedsfall drehen, und Eva Mattes, die 2016 am Bodensee aufhört.

Das Erste setzt auf eine radikale Verjüngungskur. Doch just die Erfurter Ermittler, die nun wirklich als das jüngste Team aller Zeiten in die Annalen einging, haben nach nur zwei Folgen geschmissen. Auch Joachim Król wollte nach dem Ausstieg von Nina Kunzendorf nicht weitermachen. Der „Tatort“, das scheint zumindest der Trend, ist nicht mehr die höchste, nicht die letzte Weihe, die ein Schauspieler hierzulande erreichen kann (und dann halten muss). Das aber führt derzeit zu einem beinahe inflationären Bäumchen-wechsle-dich-Spiel. Die neuen Franken-Kommissare müssen sich nicht nur gegen die Platzhirsche aus Münster und München positionieren, sondern auch gegen diesen latenten Trend in die Beliebigkeit.