Wie verabschiedet man einen Kommissar? Die Frage hat sich erst letztens beim Berliner „Tatort“ gestellt. Nachdem es hinter der Kamera ordentlich geknirscht hatte, schied Dominic Raacke alias Till Ritter ohne jede Erklärung aus der Serie aus. Es blieb ein letztes Solo für seinen Kompagnon Felix Stark (Boris Aljinovic), der am Ende niedergeschossen und mit ungewissen Überlebenschancen aus dem Dienst entlassen wurde.

Beim Frankfurter „Tatort“ ist die Ausgangslage ähnlich. Es ist der letzte Fall für Frank Steier, dem Joachim Król ja von Anfang an wunderbar übellaunige Züge gab, den wir aber zuletzt noch verzweifelter, alkoholsüchtiger und depressiver sahen: ein Sturzflug in Zeitlupe, ein Kommissar auf dem Weg ins Nichts. Auch Steier war einmal Teil eines Gespanns. Nina Kunzendorf spielte seine Kollegin Conny Mey als eine Art ermittelnde Sexbombe, während Król gekonnt miese Laune verbreitete. Man hätte diesem ungleichen Paar gern noch ein paar Jahre zugesehen.

Komplett erloschene Figur

Aber Kunzendorf wollte nicht mehr. Król hätte wohl auch allein weitergemacht, aber eine so große Bühne wollte man ihm beim Hessischen Rundfunk leider nicht geben. Es wurde dann länger über eine Nachfolgerin verhandelt, aber Król erwies sich da, wie viele Schauspieler mit großem Talent, als ausgesprochen wählerisch. Im Mai 2013 verkündete er seinen Rückzug, die Nachfolge beim Frankfurter „Tatort“ werden Wolfram Koch und Margarita Broich antreten.

Regisseur Sebastian Marka hat sich zusammen mit seinen Autoren Erol Yesilkaya und Michael Proehl für eine spannende Versuchsanordnung entschieden, für die der etwas strapazierte Begriff des Kammerspiels wohl am besten taugt. Die Kammer ist in diesem Fall das „Haus am Ende der Straße“, das der Folge ihren Namen gibt.

Und am Ende der Straße sind hier alle angekommen, Frank Steier sowieso. Am Anfang sehen wir ihn vor der Tür eines Verdächtigen. Dessen Nachbarn, eine Mutter und ihre kleine Tochter, stehen im Flur, Steier schickt sie zurück in ihre Wohnung. Das hätte er besser nicht getan, denn gleich wird es nebenan zu einer Schießerei kommen, die Kugeln werden die Wand durchschlagen und das Mädchen töten. Vor Gericht wird man nicht viel auf seine Aussage geben, weil er zur Tatzeit mal wieder betrunken war. In seinen Träumen sieht Steier die Frau und das Mädchen. Sie haben blutige Hände, sie kriegen das Blut nicht mehr ab.

Rolf Poller ist auch so einer, der von der Vergangenheit geplagt wird. Armin Rohde spielt den Ex-Polizisten, der seinen Sohn an die Drogensucht verloren hat, als komplett erloschene Figur. Eines Nachts überrascht er drei Einbrecher in der benachbarten Villa, zwei Brüder und ein heroinabhängiges Mädchen. Sie haben gerade den unerwartet heimgekehrten Besitzer erschlagen. Jetzt verfolgen sie Poller in dessen eigenes Haus, wo er den Spieß umdrehen und die drei überwältigen kann. Dann klingelt Steier an der Haustür: Einer der Einbrecher ist der Todesschütze, den er sucht, er hat seine Spur verfolgt. Aber Poller überwältigt auch ihn. „Die Frage ist: Was mache ich mit Ihnen?“, wird Poller später zu ihm sagen, „Sie sind ein Problem“.

Sünden und Sühnen

Das ist die Frage, bei der dieser „Tatort“ nach einer halben Stunde ankommt und um die er bis zum Schluss kreisen wird: Kann man etwas wieder gut machen? Poller will an einem der Einbrecherbrüder seine Vaterschuld sühnen. Er kettet ihn im Kinderzimmer fest und bringt ihm Frühstück ans Bett. Er bohrt ein Loch in die Wand und lässt ihn mitansehen, dass es falsche Freunde sind, die er da hat, dass sie ihn sofort preisgeben würden für ein paar Geldbündel oder eine Spritze Heroin. Er will ihn wieder zurückführen auf den rechten Pfad, als könnte das seinen toten Sohn wieder lebendig werden lassen.

Und Frank Steier mit seinen Albträumen von blutigen Händen hat ja ein ähnliches Projekt. Er sieht sich unversehens in Geiselhaft mit dem, der seine Schuld verursacht hat. Kann er es wieder gutmachen? Natürlich kann er es nicht, und dieser tieftraurige Befund verleiht diesem „Tatort“ seine Kraft. Drehbuchautor Michael Proehl, der zuletzt im „Tatort“ aus Wiesbaden Ulrich Tukur durch ein Gewitter aus Filmzitaten schickte, spart diesmal an filmgeschichtlichen Referenzen, auch wenn er nicht ganz auf sie verzichten will. Wichtiger ist aber das Duell zweier Ausnahmeschauspieler: Armin Rohde und Joachim Król.

Da sitzen sie sich am Tisch gegenüber, im Haus am Ende der Straße. Rohde als Poller gießt sich einen Whisky ein, Król als Steier zeigt seine Alkoholsucht in einem sekundenkurzen, gierigen Blick. „Für Sie wohl besser nichts“, sagt Poller. Die Frage ist, was nun geschehen soll. Wie man sich auffängt, wenn man stürzt im Leben. „Sie wollen wieder Held im eigenen Film sein“, sagt Steier, und Poller sagt: „Ja, das gefällt mir. Held im eigenen Film.“

ARD, 20.15 Uhr, Tatort: Das Haus am Ende der Straße