Dschungelcamp 2015

Aurelio fliegt, Jörn bleibt - und Tanjas Brüste fehlen

Sag zum Abschied leise Walter: Der Abgang des Beinahe-Bundespräsidenten hinterlässt ein Vakuum. Damit nichts Spannendes mehr passiert, wird auch Aurelio entlassen. Maren hat ihn voll durchschaut.

Von Felix Müller

Vorgestern abend, das war ja kein Abschied, das war ein Schock. Ein Tiefschlag. Ungefähr so muss es sich angefühlt haben an jenem schrecklichen 26. September 1973, als Italiens große Schauspielerin Anna Magnani starb: Die Sonne verdunkelte sich, der Verkehr in Rom stand still und aus den leeren Bars drang das Schluchzen der Kellner. Seit vorgestern wissen wir also, dass Walter Freiwald nicht mehr unter uns weilt: Unter uns, die wir nun verzweifelt mit den restlichen Langweilern im Camp ausharren müssen, bis am Sonnabend endlich ein Gratistitel namens Dschungelkönig verliehen wird.

Das sorgte zwischenzeitlich für Verschwörungstheorien im Büro. Wie kann es sein, dass der einzige Mann mit Unterhaltungswert so schnöde und vorzeitig aus der Truppe fliegt? Der einzige, an dem man sich reiben konnte, der auch mal Krawall schlug und ein paar Widerhaken in die Kuschelstimmung bohrte? Haben für den wirklich weniger Leute angerufen als für den blassen Jörn Schlönvoigt? Ist am Ende etwas vorgefallen? Etwas, das man nicht zeigen kann? Wir sehen ja nur das, was RTL uns sehen lassen will. Es ist schon hart mit dieser Sendung, so hart wie mit dem Leben insgesamt eigentlich: Je genauer man hinsieht, desto weniger weiß man.

Grandezza à la Freiwald

Man wusste es auch gestern nicht, auch nicht nach 15 Minuten musikalisch untersäuseltem Dauerdruck auf die Tränendrüse. Denn Walter, der vorher so oft durch zänkische Ausfälle aktenkundig wurde, ersparte sich jetzt jede Bitterkeit. Keine Breitseite mehr gegen Aurelio, an dem er sich doch tagelang bösartig abgearbeitet hatte. Keine Silbe zu Maren Gilzers Stoffwechselprodukten. Nicht einmal einen beleidigten Blick oder schmale Lippen gönnte er der Kamera. Er lobte sich noch kurz für sein Aussehen: „Welcher 60-Jährige sieht schon aus wie ich?“ (Ja: welcher?), und pries seine Anziehungskraft auf die jüngeren Frauen. Dann ging er hinaus, und zwar „aufrecht und ungebrochen“, wie er sich selbst beschrieb, ein „Dschungelkönig der Herzen“. Dann ließ er seinen Blick über die majestätischen Weiten des australischen Urwalds schweifen und stellte fest, das sei ja genauso schön wie im Sauerland.

Damit ist RTL ein wichtiger Querulant abhanden gekommen. In der nächsten Einstellung sahen wir die Waschweiber Rolfe und Maren beim Spülen und Psychologisieren. Der Walter habe ja schon sehr auf den Sieg gehofft, sagte Rolfe. Ja, er sei sehr verbittert, bestätigte Maren, als habe Rolfe etwas Derartiges gesagt. Dann ging es um Aurelio, um seine „meterdicken Mauern“ und um seine „Verletzlichkeit“, die Maren in dem eigentlich nur nur rammdösig in der Sonne herumlungernden Muskelpaket ausmachen wollte. Um ihn sollte es dann am Ende der Sendung noch einmal gehen.

Gegen die Kugel

Vorher noch musste der harmlos-sympathische Jörg Schlönvoigt in seiner Dschungelprüfung auf einer Art Schwebebalken über einem Teich einer riesigen Styroporkugel ausweichen und dabei Sterne einsammeln. Es gelang ihm ganz gut und dauerte Ewigkeiten. War das eigentlich nur Nachlässigkeit oder schon Sadismus, dass RTL dabei keinen Countdown einblendete? Oder geschah es im Namen der Quote, weil die Prüfungen inzwischen ein echter Ab- und Wegschalter sind? Man wird so vieles nie erfahren über diese Sendung.

Auch der Wille der Zuschauer bleibt ein Rätsel, sofern es denn der Wille der Zuschauer ist und nicht der Plan der Drehbuchautoren. Dann aber wäre dieser Plan das Rätsel. Denn am Ende hieß es nun Abschiednehmen für Aurelio. Und wer soll das bitte verstehen? Mag ja sein, dass er nur passiv auf der Pritsche lag und von allen in Ruhe gelassen werden wollte. Aber er hatte noch halbwegs kontroverses Potential. Mit Maren, Tanja, Jörg und Rolf bleiben nun vier sozial patente Allesversteher zurück, die sich mit Sicherheit nicht in die Haare kriegen und alles ausdiskutieren werden. Die Prognose für die letzten beiden Sendungen lautet also: Bitte gehen Sie weiter, liebe Zuschauer. Es gibt nichts zu sehen.

Außer Tanjas Brüste vielleicht. Die haben ja schon oft bildschirmfüllend als dramaturgische Rettungsballons hergehalten. Gestern war übrigens von ihnen gar nicht die Rede.

Es geht ihnen doch hoffentlich gut?