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Am achten Tag im Dschungelcamp sagt Angelina Adieu

Das Camp gibt sich gesellschaftspolitisch. Verdauungs- und Integrationsprobleme werden thematisiert. Fast wäre ein Weltliterat eingezogen. Und am Ende ist es doch nicht große Kunst, was RTL da zeigt.

Dieser achte Tag im Dschungelcamp fängt philosophisch durchaus interessant an. Es geht um die Bedeutung von Kot im Verhältnis zur Freundschaft.

Sara Kulka:„Ganz ehrlich, jedes Mal, wenn ich eine Freundin gebraucht habe…“

P: „War die für dich immer da?“

S: „Ne. Wenn es Dir kacke geht, ist keiner mehr da. Wenn’s Dir gut geht, sind die Scheißhausfliegen drauf. Und wenn die Kacke weg ist, sind sie weg.“

P: „Ich hab auch keine Freunde. Und wenn man selber in der Scheiße ist, war keiner da.“

Tatsächlich sind zwischen beiden Polen Kot und Freundschaft bisher wenige Verbindungen aufgezeigt worden. Adorno, Nietzsche, Heidegger haben sich nicht dazu geäußert. Von Sokrates und Platon sind auch keine Zitate bekannt. Vielleicht wäre es ja ein Thema für Richard David Precht. Angeblich arbeitet er bereits an seinem neuen Buch „Wie kacke ist meine Freundschaft – und wenn nicht, warum liegt hier eigentlich Stroh?“

Vorbildliches Schulsystem in Sachsen

Danach sieht man den französischen Schriftsteller Michel Houellebecq am Lagerfeuer des Camps sitzen. Houellebecq war anfangs gar nicht vorgesehen für das Camp. Aber im Rahmen der Werbung für sein gerade erschienenes Buch Unterwerfung muss er sich dazu entschieden haben, auch deutsche Leser gewinnen zu wollen. Typisch Houellebecq läuft er schlecht frisiert, mit zotteligem Haar auf und ab und murmelt seltsame Sätze.

„Ich muss pinkeln, ich muss Haare waschen, ich muss rasieren. Ich halt das durch. Irgendwie pass ich hierher.“ Frei raus diktiert er seinem Agenten daheim durch die Fernsehkamera die ersten Seiten seines neuen Romans „Verblödung“. Houellebecq redet mit sich selbst. Er tanzt. Dieser ausgezehrte alte Mann mit Bauch. Und man wundert sich noch, dass Houellebecq Deutsch spricht. Und man fragt sich, ob es vielleicht gar nicht Houellebecq ist. Wir sehen einen unendlich unansehnlichen Mann, der gerade in seinem abstoßenden Ekel anziehend wirkt. Das muss Houellebecq sein. Und dann wird auf einmal sein Name eingeblendet. Es ist doch Walter Freiwald. Ein arbeitsloser Niedersachse, dessen Fallmanager beim Arbeitsamt die Maßnahme „Dschungelcamp“ vorgeschlagen hat, unter der Drohung, die Stütze zu kürzen, sollte er sich weigern, Buschschweinsperma zu trinken. Und weil Walter ein gehorsamer Arbeitsloser ist, schluckt er natürlich.

Vielleicht zu schwach

„Ich bin körperlich und psychisch am Ende. Ich kann nicht mehr. Ich hab halt überhaupt keine Kraft mehr. Ich könnte den ganzen Tag nur schlafen, so, wie ich es jeden Tag eigentlich mache. Mein Körper sagt, bis hierhin und nicht weiter.“ Eine junge blonde Frau mit braunen Augen. Ein recht hübsches Gesicht. Es ist Angelina Heger. Sie hat mal an einer Sendung teilgenommen, in der einem Mann die Möglichkeit gegeben wird, mit sehr vielen Frauen rumzumachen, um am Ende mit keiner glücklich zu werden. Angelina war mal Kandidatin beim Bachelor.

Walter Freiwald will nun wissen, wo es ihr weh tut. „Im Kopf oder in der Seele?“

Angelina: „Ich bin vielleicht zu jung dafür.“

Walter: „Nicht unbedingt zu jung.“

Angelina: „Vielleicht zu schwach.“

Walter: „Ja vielleicht. Wie alt bist du?“

Angelina: „22“

Walter: „Ein schönes Alter. Ach, komm mal her.“

Walther nimmt das junge Mädchen in den Arm. Der gealterte und gezeichnete Mann wärmt sich an einer schwächelnden Frau. Aber das mit dem Alter stimmt natürlich. 22 ist ein schönes Alter. Man kann einen Master anfangen. Man kann eine Firma für 29 Millionen Dollar verkaufen. Man kann sich verlieben. Zwanzig Bier trinken und auf einem Pferd durch die Bretagne reiten. Oder man kann sich in einen Kunst-Dschungel setzen und als Statist eines Schmierentheaters mitwirken.

Zwerge und Travestie – Ein Garant für gute Laune

Gerade noch Arm in Arm, müssen der alte Walter und die nicht zu junge, aber zu schwache Angelina eine Dschungelprüfung meistern, die Schlimms Märchen heißt. Es werden Märchen vorgelesen und analog dazu passieren ekelhafte Dinge. Angelina und Walther ziehen sich Schneewittchen-Kostüme an, außen herum stehen Zwerge. Kleine Männer mit Bärten und Hüten. Zwerge und Travestie, besser geht es eigentlich nicht, denn jeder vernünftige Mensch weiß, dass Zwerge und Travestie ein Garant für gute Laune sind.

In „Schneewittchen“ legen sich beide in einen Glassarg mit einem Krokodil und sammeln so Sterne, die den Kandidaten wichtige Essensrationen bescheren. In „Rumpelstilzchen“ werden beide in einen Käfig gesperrt, mit Stroh und Ameisen überhäuft und müssen den Namen eines Prominenten erraten. In „Frau Holle“ werden Unrat und Federn über beiden verteilt. Sie scheitern glorreich.

Vor ihnen sitzen die Mit-Camper. Ein ehemaliger Germany’s-Next-Topmodel-Juror, die Tochter eines Schlagersängers, einer, der mal in einer Boyband war und ein paar andere, die vermutlich auch mal irgendwas waren, man weiß nur nicht, was. Und weil Walter und Angelina wenig Ambitionen haben und keinen Bock („Kakerlaken esse ich nicht“, sagen beide), gibt es am Ende nur vier Sterne.

Ein Haufen Scherben

Der Dschungel zeigt auf bedrückende Art und Weise, warum die 68er-Generation gescheitert ist. Die Erziehungsmethode, eben nicht zu erziehen, das Allesgeht, das Werdeglücklich und Verwirklichedich, das alles hat einen Haufen Scherben hinterlassen, den die Kandidaten der Sendung ihr Leben nennen.

Im Dschungel sitzen nur Under-Achiever, Gescheiterte. Für die ist Scheitern eben mehr als eine Option. Für die Kandidaten ist Scheitern eine Lebenseinstellung. Ein Lifestyle. Ein Gefühl. Man gibt sich mit allem zufrieden, was nicht den Tod bedeutet. Mit wenig Essen, weil man zu doof war, drei Sterne mehr einzufangen. Letztendlich ist der Aufenthalt im Dschungel auch ein Scheitern. Aber die Kandidaten zelebrieren ihr Scheitern als feiernswerten Höhepunkt ihrer Existenz. Angelina gibt nach der Prüfung bekannt, den Dschungel zu verlassen.

Walter Freiwalds Körper

Szenenwechsel. Es geht um den Körper von Walther Freiwald.„Walther hat sich lecker gehalten. Er sieht doch super aus. Aber er müsste was gegen den Buckel machen. Aber Walther ist ein attraktiver Mann. Man sieht, dass er vor dreißig Jahren mal eine Sexbombe war“, findet Sara Kulka.

Dazu wird ein faltiger nach unten hängender Hintern eingespielt. Die Aufnahmen erinnern an die Fotografien von verlorenen Existenzen, die Gundula Schulze-Eldowy von 1978 bis 1990 in Ost-Berlin gemacht hat. „Berlin in einer Hundenachtheißt ihr bekanntester Bildzyklus. Der Unterschied aber ist: Schulze-Eldowys Arbeiten befinden sich in Sammlungen vom MoMA in New York und San Francisco, in der Bibliothèque National Paris. Und Walter Freiwald, nun ja, der läuft eben auf RTL kurz vor Mitternacht und ist im nächsten Jahr vergessen. Genauso wie Patricia Blanco, die das Camp zum Ende der Sendung verlässt.