ARD-Krimi

Der Borowski-“Tatort“ überzeugt mit einem düsteren Bildersog

Der Berliner Erfolgsregisseur Christian Schwochow hat seinen ersten „Tatort“ gedreht. Und mit dem Film über Chrystal Meth einen neuen Standard gesetzt, so spannend, so atmosphärisch dicht ist er.

Von Peter Zander

Foto: ARD / NDR/Christine Schröder

Der Mann kann ja auch anders. Wir kennen Klaus Borowski eigentlich nur als ewigen Stoffel, als notorisch schlechtgelaunten Grantler. Aber plötzlich zeigt er mal ganz zarte, sensible Seiten. Bei seinem jüngsten „Tatort“ wird in einem Fluss der Kopf eines jungen Mannes gefunden, der mit Drogen gedealt hat. Dessen Freundin (Elisa Schlott) ist ganz offensichtlich abhängig. Aber Borowski schlägt in Gegenwart dieses Mädchens plötzlich ganz moderate Töne an. Weil sie ihn an seine Tochter erinnert.

Es ist lange her, und nicht jeder wird sich erinnern, aber Borowski hat sich ja mal wegen einer Scheidung nach Kiel versetzen lassen. Ist wohl auch Grund seiner ewig schlechten Laune. Er hatte in den ersten Folgen noch seine Tochter, bis auch die den Kontakt abbrach. Die Laune des Kommissars wurde dadurch nicht besser. Von der Tochter hat man lange nichts mehr gehört. Jetzt erinnert er sich wieder. Erzählt sogar seiner Kollegin Brandt (Sibel Kekilli) von ihr. Und guckt verdutzt, als die vorschlägt, er könne sie ja mal anrufen. Aber das Bild bleibt: Borowski hat Vatergefühle.

Im Vollrausch Traktor fahren

Es ist ein knallhartes und leider sehr aktuelles Thema, mit dem er sich in seinem jüngsten Fall „Borowski und der Himmel über Kiel“ auseinandersetzen muss. Crystal Meth, die neue Designerdroge, die das schnöde alte Heroin längst verdrängt hat. Ist doch ein amerikanisches Problem, krittelt Borowski noch anfangs in gewohnt barscher Manier. Nein, nein, muss er sich belehren lassen. Das verheert auch hierzulande ganze Landstriche: „Mexiko ist überall.“ Wir hätten das Thema dennoch eher in einem Berliner oder Hamburger „Tatort“ vermutet. Aber Borowski und Brandt führt der Fall eher ins Kieler Umland, wo Bauern die Schweine und im hinteren Stall die Drogen hüten. Und auch mal im Vollrausch Traktor im Kreis fahren.

Borowski kann auch anders. Das ist nicht nur das Verdienst von Axel Milberg, der ihn seit 2003 so grandios stoffelig gibt. Und nicht nur der des Drehbuchautors Rolf Basedow, der hier ein knallhartes Script entwickelt hat. Es ist vor allem auch das Verdienst von Christian Schwochow, dem Berliner Regiewunder, dem alles, was er dreht, zu Gold wird, ob „Der Turm“, „Westen“ oder jüngst „Bornholmer Straße“. Der 36-Jährige hat hier sein „Tatort“-Debüt absolviert. Und macht aus dem Fernsehschlachtross großes Kino, das von Anfang an mit einem düsteren, ausgeklügelten Bildersog überzeugt.

Kritik an der geizigen ARD

Kiel ist damit auch ein bisschen Berlin. Hier war der „Tatort“ schon am Donnerstag vorab als Premiere im Babylon-Kino zu erleben. Das ist schon eine hübsche kleine Tradition in diesem Haus. Für Schwochow ist es mehr. Er ist unweit von hier aufgewachsen und hat hier, wie er bekennt, seine ersten Winnetou-Filme gesehen. Mit dem Fernsehkrimi hat er nun auch seine erste Kinopremiere am Rosa-Luxemburg-Platz.

Er wurde schon oft nach einem „Tatort“ gefragt, gibt Schwochow zu. Aber es musste ein Borowski sein. Weil ihn die Konstellation zwischen Borowski und Brandt so interessiert. Es war für ihn auch eine Erlösung, nach all den historischen Filmen mal was Zeitgenössisches zu drehen. Ob man ihn noch weiter vertatorten kann, weiß er noch nicht. „Das kommt darauf an. Die Bedingungen sind schlecht. Es gibt einen großen Druck, aber nur wenige Drehtage“, kritisiert er. „Ich habe noch nie einen Film in so einem Tempo machen müssen. Das ist kein Spaß. Die Qualität ist wirklich hart erkämpft.“ Das sieht man seinem „Tatort“ nicht an. Im Gegenteil. Der Fall besticht gerade durch seine ungewohnte Bildersprache. Aber warum nur ist dem Ersten der „Tatort“ nicht mehr wert?

„Tatort: Borowski und der Himmel über Kiel“, ARD, heute, 20.15 Uhr