Tatort

Neuer „Tatort“ - Ein Hakenkreuz für die Kommissarin

Unbedingt sehenswert: Diesmal wühlt das Ermittler-Quartett aus Dortmund in den Sümpfen der Neonazi-Szene. Der Fall ist zwischen Pegida und dem Terror in Frankreich von erschreckender Aktualität.

Foto: Thomas Kost / WDR/Thomas Kost

So ein rauer, so ein direkter und echter Krimi. Und so ein perfekter Zeitpunkt, zu dem er gesendet wird: In Dresden und anderswo marschiert die fremdenfeindliche Pegida-Bewegung, in Paris explodiert die Gewalt in erschütternder Weise. Und hier geht es jetzt genau darum: um den blinden Hass auf das Andere, um Intoleranz, um die falschen Heilslehren der Ideologen und ihre tödlichen Folgen.

Hass. Nicht Wut. Das ist ein wichtiger Unterschied. Denn wütend sind hier alle, ausnahmslos. Allen voran die unerschrockene Kommissarin Nora Dalay. Sie ist als Tochter deutsch-türkischer Eltern aufgewachsen und muss in diesem Fall mitten hinein in den rechtsradikalen Morast. Denn auf dem Gelände einer alten Dortmunder Zeche ist die Leiche des stadtbekannten Obernazis Kai Fischer gefunden worden. Erschossen und danach wüst zusammengeschlagen. Es gibt eben einen Unterschied zwischen Wut und Hass.

Mitte der Gesellschaft

Nora Dalay jedenfalls findet sich schnell dort wieder, wo der Morast manchmal am übelsten stinkt: in der Mitte der Gesellschaft. In einer hellen Wohnung mit Dielen und mit offener Küche, aber auch mit Kriegspostkarten und Kaiserreichsflaggen an der Wand. Zusammen mit dem chronisch übellaunigen Kollegen Faber besucht sie Nils Jacob (Frank Pätzold), der mit dem Opfer befreundet war. Dalay will wissen, worüber sie so sprachen, wenn sie sich trafen. „Darüber, wie man Ausländer totprügelt?“

Nein, sagt Jakob, nachsichtig lächelnd. Thema sei der Zustand der Stadt gewesen. „Dortmund hat Schulden bis unters Dach, kaputte Straßen, zu wenig Lehrer für unsere Kinder. Dafür aber jede Menge Bulgaren und Rumänen, die sich weigern, Deutsch zu sprechen, alles vollmüllen, nur rumlungern und sich von uns durchfüttern lassen.“ Es ist kein Wunder, dass so ein Kotzbrocken jemanden wie Nora Dalay mühelos auf die Palme treibt.

Guter Bulle, böser Bulle

Die Wut der jungen Frau ist in der Chemie dieses Krimis der Reaktionsbeschleuniger. Dalays kluger Kollege Faber nutzt sie gleich in mehreren Situationen für die klassische good-cop-bad-cop-Konstellation, die hier einmal ausnehmend glaubwürdig daherkommt. Und die Dortmunder Nazis fühlen sich von dieser furchtlosen Wut zu einem Übergriff provoziert, der Dalay vielleicht kurzzeitig die Fassung raubt, nicht aber die Würde. „Haben Sie noch nicht genug?“, fragt Nils Jakob danach, dasselbe nachsichtige Lächeln im Gesicht. Nein, sagt Dalay, der sie gerade ein fettes Hakenkreuz mit Lackfarbe auf den Bauch gesprüht haben: „Noch lange nicht.“

Und Faber? Der ist nach inzwischen fünf Fällen vollständig in seiner Rolle angekommen. Man muss wissen, dass die „Tatorte“ aus Dortmund aufeinander aufbauen und nebenbei Erzählungen über ihre Figuren entwickeln. Das geschieht in den anderen Städten nicht in diesem Maße und ist ja auch nicht ganz ohne Risiko, wenn man bedenkt, dass es jeder „Tatort“-Kommissar im Jahr bestenfalls zwei- bis dreimal auf den Bildschirm schafft – man also schon auf das Gedächtnis des Zuschauers vertrauen muss.

Figuren mit Vorgeschichte

Aber dieses Vertrauen von Autor Jürgen Werner zahlt sich aus und gibt allen Charakteren des Dortmunder Teams eine Tiefe, die man etwa am gescheiterten Trio von Erfurt vermisste. Am deutlichsten sieht man es an Kommissar Faber, der nur vordergründig der Zyniker ist, der seine Kollegen belehrt, wo sie ihren Versetzungsantrag abholen können, „wenn euch das hier nicht passt“. Faber, dem Jörg Hartmann genau die richtige Dosis Dortmunder Dialektfärbung mitgibt, hat seine Frau und seine Tochter bei einem Autounfall verloren. Das ist nun schon länger her, die Kollegen witzeln über seine Pillensucht. Aber es gibt dieser raubeinigen Figur einen existenziellen Ernst.

Und mit diesem wohltuenden Ernst werden die Probleme beleuchtet, von denen Dortmund geschüttelt wird. In seiner Nordstadt, wo es Messerstechereien und Handgemenge gibt und Polizisten angespuckt werden. In der Fanszene der Dortmunder Ultras, wo sich Ausländerhass, Gewalt und eine fast familiäre Solidarität so problematisch vermischen, dass Sozialarbeiter der Verzweiflung nahe sind. In den Kreisen der wenigen Bürger jüdischen Glaubens, die mit Anfeindungen und Gewaltausbrüchen zu kämpfen haben und nur deshalb unter Mordverdacht geraten, weil sie sich dagegen wehren. Und schließlich unter den Ermittlern selbst, wo man es mit einem Verräter in den eigenen Reihen zu tun bekommt. Ein rauer, ein echter und direkter, ein guter „Tatort“ ist das.

Tatort: HydraARD, 11. Januar, 20.15 Uhr.