Dschungelcamp 2015

Was am Fall Walter Freiwald wirklich beängstigend ist

Walter Freiwald ist wild entschlossen, Dschungelkönig zu werden. Er inszeniert sich geschickt, bleibt aber eine todtraurige Figur. Gut für den Ex-Arbeitgeber: Denn Walter wird wohl die Quoten retten.

Von Susanne Leinemann

Warum meldet sich eigentlich nicht die Gewerkschaft zu Wort? Ist das Dschungelcamp schon so sehr auf dem absteigenden Ast, dass sich keiner mehr aufregen mag – zu viel ist wohl schon geschrieben worden über den Zynismus der Dschungelshow. Aber diesmal, diesmal gibt es doch wirklich einen Grund, sich zu echauffieren. Reden wir über Walter Freiwald. Oder wie die beiden Moderatoren ihn nennen: Walter „untenrum“ Freiwald.

Dessen Leben kennt man ja nun am 5. Tag der Show. Star-Moderator bei RTL, dann Programmchef bei RTL, später Radiomoderator, weiterhin RTL-Familie. So klingt Walters Version seiner Karriere. Natürlich muss man den Walter-Traumtänzer-Faktor abrechnen, ein fester Wert in der Größenwahn-Skala. „Er ist verrückt wie zwei Walter“, wird man bald sagen. „Ich habe mich als Bundespräsident beworben“, erzählt er allen Ernstes seinen Mitcampern – das war in dem Jahr, als Wulff gewählt wurde.

Soll man darüber lachen oder eher weinen? Richtig ist aber: Walter war ein langjähriger RTL-Mitarbeiter. Jetzt ist er ohne Arbeit, ohne richtiges Einkommen, mit einer kranken Frau zuhause und ohne Perspektive – denn Walter Freiwald ist 60 Jahre und damit kurz vor dem Rentenalter. Er fragt: „Wer nimmt mich denn jetzt?“

Und nun zum Zynismus.

Kakerlakensuppe löffeln für einen neuen Job

Sein alter, langjähriger Arbeitgeber gibt ihm eine letzte Chance: das Dschungelcamp. Und so steht Walter Freiwald nun zusammen mit dem jungen Serienstar Jörn Schlönvoigt im inzwischen ja bekannten Dschungel-Restaurant und löffelt tapfer Kakerlakensuppe, kaut auf einem Kamelpenis herum und trinkt das Sperma irgendeines Dschungeltieres. Alles, ohne zu kotzen. Und während man dem Elend zuschaut, fragt man sich: Ist diese neunte Staffel womöglich eine Drohbotschaft an alle aktuellen RTL-Mitarbeiter, die noch in Lohn und Brot stehen? Wenn ihr nicht funktioniert, wenn ihr keine Quote bringt, dann gibt es kein Pardon? Dann steht ihr erst auf der Straße und landet danach an der Ekel-Bar? Dass Walter Freiwald seine Enttäuschung über seinen Ex-Sender in die Kamera schluchzt: ein Lacher für die Damen und Herren der Konzernzentrale. Soll er doch jetzt seinen Schmerz in die Dschungellatrine heulen. Dass Walter nach Programmchef nun unbedingt, ja, fast besessen Dschungelkönig werden will – ein Brüller.

Ob RTL-Moderator Daniel Hartwich den ganz konkreten Arbeitgeber-Zynismus wohl ahnt? Er steht dort in der Dschungelbar und begleitet mit spöttischen Worten die Kau- und Schluckversuche des ehemaligen Kollegen. Hartwich ist nicht blöd, das weiß man. In einem Interview hat er sich mal Gedanken darüber gemacht, wer im Camp landet. „Ich fürchte, dass das Leben manchmal Geschichten schreibt, die es scheinbar doch nötig machen. Ich gehe aber schwer davon aus, dass ich niemals reingehen werde“, sagte Hartwich mal der Schweizer Illustrierten. Dem Ring nach ist Daniel Hartwich inzwischen verheiratet, laut Klatschpresse kommt auch ein Baby. Der Druck wird größer. Wir wünschen ihm weiterhin ein glückliches Karrierehändchen. Damit er niemals in die Walter-Freiwald-Lage gerät.

Ganz normale Dschungel-Ödnis

Und sonst? Die Sendung lahmt. Vieles wiederholt sich. Einer versifft das Klo. Wer war‘s? Der Täter schweigt nicht nur, nein, der gute Rolfe schauspielert den Verdacht mit gekonntem Method-acting gleich weg. Sonst viel Schmutz- und Sex-Talk, der ein oder die andere strippt, und Phoenix P – formerly known als Patricia Blanco – gibt mit ihren falschen Brüsten an. Das Küken Angelina bricht weinend zusammen, alles zu viel, sie will nach Hause. Und in die nächste Dschungelprüfung muss wieder Walter, diesmal mit irgendeiner Schwarzhaarigen.

Ohne Walter wäre die Staffel grauenhaft öde. Was für ein Glück, dass sich RTL an den ehemaligen Mitarbeiter erinnert hat. Vermutlich werden sie am Ende ein firmeninternes Schulungsvideo aus diesem Camp zusammenschustern. Zeigt bestimmt Wirkung. Vor 23 Uhr verlässt dann niemand mehr den Arbeitsplatz.