Mit großen Gesten beginnt dieser Film, und sie werden bis zum Ende nicht kleiner werden. Das gilt nicht nur für den Gewaltexzess, den er in Szene setzt: Mit 47 Toten überbietet dieser „Tatort“ den bisherigen Spitzenreiter, einen Til-Schweiger-„Tatort“ aus Hamburg, um mehr als das Doppelte. Es gilt für alles an dieser bemerkenswerten Episode.
Ein Mann steht im Dschungel, die Moskitos sirren, Bolivien 1982. Sein doppelläufiges Gewehr ist auf ein unsichtbares Ziel am Boden gerichtet. Er schwitzt und zittert und atmet, aber er drückt nicht ab. Es passiert etwas viel Seltsameres. Ein Conferencier dreht sich ins Bild, gespielt von Alexander Held. Er spricht mit der Kamera, er sieht uns in die Augen, sein Tonfall ist süffisant. „Nichts ist real, alles Trug“, verkündet er. Er spaziert durch den Dschungel. „Dies ist alles Illusion!“ Er geht weiter und betritt eine Art Scheune.
Wo kommt die wohl her? Es ist egal. Held betritt den Lichtkegel eines Scheinwerfers. Ein Scheinwerfer in einer Scheune im Dschungel? „Felix Murot!“, ruft er jedenfalls aus. Er ist jetzt wie der Chor der griechischen Tragödie. „Geheilt ist er von seinem Tumor, doch lauert seit Jahrzehnten ein anderes Gewächs!“
Der Gegner ist nicht mehr der Tumor
Felix Murot, wir erinnern uns. Der für einen Wiesbadener Ermittler etwas ungewöhnliche, französisch klingende Nachname der Figur ist ein Anagramm des Wortes Tumor. Die ersten der inzwischen vier Fälle Murots handelten auch von der haselnussgroßen Geschwulst in seinem Kopf, von der Tragik eines todkranken Ermittlers. Murot war neben all den anderen Komissaren der Serie – neben den kalauernden Münsteranern, den kauzigen Münchnern oder neuerdings dem Hamburger Ballermann Nick Tschiller – immer der große Einsame, der traurig Erstarrte.
Ulrich Tukur spielte ihn mit dem naiven Staunen eines Kindes und der Schwermut eines Mannes, der um sein Ende weiß. Er geht allein seinen Geschäften nach. Er trägt immer denselben Anzug, er ist aus der Zeit gefallen. Nur hin und wieder reicht ihm seine Assistentin sorgenvoll ein paar neue Erkenntnisse. Sie heißt nicht zufällig Magda Wächter. Sie passt auf, dass ihm nichts geschieht.
Nun aber ist Murot geheilt. Sein Gegner sitzt nicht mehr in seinem Körper. Er kommt aus seiner Vergangenheit, und das gleich nach der kuriosen Eröffnungssequenz. Drei bewaffnete Halbstarke stehen an einem Bahnhof herum und warten auf jemanden. Die Sonne brennt, Knöchel knacken, die Zeit vergeht. Die Anspielung auf die endlosen Anfangsminuten von Sergio Leones „Spiel mir das Lied vom Tod“ ist derart aufdringlich, dass man fast lachen muss.
Zitate ohne Ende
Und damit hat es ja nicht sein Bewenden: Die drei Halbstarken heißen Marcellus, Claudius und Polonius – Shakespeares „Hamlet“ lässt grüßen. So wird das weitergehen in diesem Krimi von Regisseur Florian Schwarz und Autor Michael Proehl: Die Handlung entwickelt sich als engmaschiges Netz aus Querverweisen und Zitaten aus der Literatur, der Film- und Kunstgeschichte, unterlegt von den bombastischen Klängen des hessischen Sinfonieorchesters. Dieser „Tatort“, das weiß man schon nach fünf Minuten, will nicht nur ganz anders sein, er will auch ganz hoch hinaus. Er will, was nur ganz wenige Fernsehfilme schaffen: etwas Bleibendes sein. Es ist ein kleines Wunder, wie gut ihm das gelingt.
Richard Harloff heißt der Mann, der dort am Bahnhof ankommt. Gespielt wird er von Ulrich Matthes. Er kennt Felix Murot. Sie haben zusammen die Polizeischule besucht, sie waren als beste Freunde zur selben Zeit mit derselben Frau zusammen – Truffaut natürlich, „Jules und Jim“ –, doch dann zerbrach dieses seltene Glück. Harloff verlor wegen einer dubiosen Drogensache seinen Ausbildungsplatz und ging mit Mariella nach Bolivien. Mariella starb bei der Geburt eines Jungen, und Harloff machte eine Karriere als Drogenbaron. Er ist das Böse.
Die Kraft alter Rechnungen
Glauben wir. Und Ulrich Matthes, ausgemergelt, diabolisch und mit zwei Kohlestücken, wo andere die Augen haben, zeigt es uns. Sein Harloff sitzt mit Murot auf einer Bank und lässt die alten Zeiten auferstehen. „Murot“, kommentiert die Off-Stimme, „musste überrascht feststellen, wie er die Nähe eines Menschen genießen konnte, der den Großteil seines Lebens Tod und Verderben über andere Menschen gebracht hatte.“
Der traurige Herr Murot und der Psychopath Harloff: Ganz so simpel ist es nicht. Und schnell wird klar, dass es nicht bei den drei Toten bleiben wird. Das große Finale ist ein wüstes Massaker, zu dem wir den Gefangenenchor aus „Nabucco“ hören. Da geht es brutal zur Sache, aber es ist auch so dick mit ironischem Pathos übergossen, dass man sich den neuen Leichenrekord nicht allzu sehr zu Herzen nimmt. Entscheidend ist etwas anderes: die große, tragische Geschichte nämlich, von der wir am Ende erfahren. Alles leuchtet plötzlich ein. Dieser „Tatort“ ist nicht nur klug geschrieben, gut inszeniert und herausragend besetzt. Er ist ein Ereignis.
Das fanden auch Millionen Zuschauer. Die Sendung erzielte eine Einschaltquote von 26 Prozent, das entspricht 9,29 Millionen Zuschauern.





