Wir wollen ja nicht mäkeln, aber warum heißt diese Folge eigentlich „Winternebel“, wenn es hier doch eindeutig herbstlich zugeht? Es sind vertrocknete Herbstblätter, die von den Bäumen am Bodensee segeln, es ist ein Herbsthimmel, der sich über ihnen breitet, und natürlich sind das auch diesige Herbstschwaden, durch die sie da am Anfang hetzen, der Schweizer Kommissar Matteo Lüthi und ein Verdächtiger. Der Nebel breitet sich aus wie ein bleiches Gespenst, man kann nichts sehen und hört Schüsse, und schon ist der Verdächtige tot, erschossen von Matteo Lüthi. „Er war dreieinhalb Jahre. Dreieinhalb!“, hat er vorher noch geschrien.

Es ist der dritte gemeinsame Fall von Klara Blum und ihrem Schweizer Kollegen, und wieder ist es das Temperament, das sie am meisten unterscheidet. Während Roland Koch als Lüthi von schweren inneren Unwettern erschüttert wird und sich meistens kaum beherrschen kann, spielt Eva Mattes die Kommissarin gewohnt zurückgenommen und minimalistisch. Doch Lüthi ist in diesem Fall auch derjenige, der ein Trauma verarbeiten muss. Denn er hat vor drei Jahren im Fall eines einführten Dreieinhalbjährigen ermittelt, der tödlich endete. Beat Schmeißer war damals einer der Entführer – er ist es, den Lüthi nun im Herbstnebel erschießt.

Tötung aus Rache?

Es sieht also zunächst nach einer überschießenden Vergeltungsmaßnahme aus. Klara Blum nimmt dem Kollegen die Dienstwaffe ab und sagt, sie müsse nun gegen ihn ermitteln – wegen Schusswaffengebrauchs mit Todesfolge. Aber der Fall wird komplexer, als am selben Tag ein weiterer Toter auftaucht. Jochen Stöckle ist sein Name, er ist bei einer Schiffsfahrt über den Bodensee mit einem schweren Gegenstand erschlagen worden. Gesehen wurde er zuletzt mit seinem jungen Mädchen.

Für Lüthi und Blum verdichten sich die Hinweise, dass sie es mit einem weiteren Entführungsfall zu tun haben. Alles scheint darauf hinzudeuten, dass Anna Wieler das Opfer ist, eine Schweizer Studentin mit sehr reichen Eltern. Doch die verweigern jede Kooperation und behaupten, Anna halte sich in Australien auf.

Ganz großes Drama

Jochen Greves Buch enthält eine Reihe spannender Konstellationen. Die Parallelmontage der zunächst unverbunden nebeneinander stehenden Fälle ist auf angenehme Weise anspruchsvoll. Und auch die implizit aufgeworfene Frage, wie man eigentlich mit Opfern umgehen soll, die sich gar nicht helfen lassen wollen, ist ungewöhnlich und hätte Potential gehabt. Doch das Ehepaar Wieler wird von Benedict Freitag und Elisabeth Niederer auf eine so überspannt theatralische Weise verkörpert, dass diese Chancen leider ungenutzt bleiben. Sie schreien sich an, sie zetern und hadern, sie fuchteln und schnaufen und schluchzen. Es nervt schrecklich.

Vielleicht sollen die „Winternebel“ ja jene Gefühlskälten benennen, die zwischen ihnen und ihrer Tochter wabern? Wie schade, dass solche Spekulationen gar nicht erst aufkommen wollen. Dazu mangelt es diesem „Tatort“ schlicht an Glaubwürdigkeit.

ARD, 5. Oktober, 20.15 Uhr.