Jérôme Boateng drängt zurück ins Rampenlicht. Der frühere Nationalspieler hat vor Kurzem seine Fußballschuhe endgültig an den Nagel gehängt. Nun möchte der Ex-Profi Trainer werden. Eine Hospitanz bei seinem früheren Arbeitgeber, dem FC Bayern München, kam aber auch aufgrund der massiven Proteste gegen ihn nicht zustande. Nun bezieht der einstige Innenverteidiger in einer dreiteiligen O-Ton-Dokumentation der ARD Stellung. Für die vermeintlichen Freiheiten gab es schon vor der Ausstrahlung viel Kritik. Doch ist diese gerechtfertigt?
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Jérôme Boateng: Seine Kindheit in Berlin und die Beziehung mit Kevin-Prince
Es kommen zahlreiche Wegbegleiter von Boateng zu Wort, gespickt mit Archivbildern aus dem Berlin der späten 80er- und frühen 90er-Jahre sowie privaten Kinderaufnahmen und Mitschnitten aus Jugendfußball-Spielen. Frühere Jugendtrainer von Tennis Borussia oder auch spätere Mitspieler von Hertha BSC, wo Boateng die Bühne des Profifußballs im Januar 2007 erstmals betritt, kommen zu Wort. Der erste Teil der Reihe „Gegen alle Widerstände“ beginnt heiter, doch bald wird die frühe Trennung der Boateng-Eltern, Prince und Martina, thematisiert, die Jérôme stark mitgenommen haben soll. Der Fußball sei für ihn eine Art Heilung gewesen. Auch wenn es ihn stets gewurmt habe, wenn sein älterer Halb-Bruder Kevin-Prince (das „Jahrhundert-Talent“ von Hertha, das später bei AC Mailand und FC Barcelona kickte) den ein oder anderen Trick mehr auf Lager hatte. Er habe unbedingt so erfolgreich wie Kevin-Prince sein wollen, wenngleich er sehr stolz auf diesen gewesen sei.

Auch Rassismus und Stigmatisierung sind Boateng schon früh begegnet. Er erzählt, wie Eltern von Gegenspielern am Seitenrand pöbelten, den 12-jährigen Jérôme mit dem N-Wort beleidigten. Sein erster Profitrainer, Falko Götz, kritisierte die Familienverhältnisse im Hause Boateng. „Ich glaube, das ist nicht in Ordnung von einem Trainer, sich über eine Familie zu äußern“, meint Jérôme Boateng heute. Beide Boateng-Brüder verlassen anschließend den Verein, Goldgräberstimmung bei den Spielerberatern. Hier wird in der Dokumentation erstmals über Geld und Macht im Profigeschäft gesprochen, über Club-Nächte mit Frauen. „Und dann entwickelt sich oftmals ein anderes Frauenbild. Was man dann später wiederum manchmal auch sieht“, berichtet Frank Friedrichs, ehemaliger Hertha-Jugendtrainer. Zum Abschluss wird schemenhaft über die Beziehung mit der Mutter von Boatengs beiden Zwillingskindern gesprochen. Der Abspann rollt, eine Chorversion von Britney Spears „Toxic“ läuft. Ein Vorgriff darauf, dass Boateng die Beziehung später vor Gericht als „toxisch“ beschreiben sollte? Auf jeden Fall eine interessante Wahl.
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Im zweiten Doku-Teil „Ins Rampenlicht“ untermalt US-Rapper Eminem zu Beginn die Stimmung. Der Rauswurf von Kevin-Prince aus der deutschen U21-Nationalmannschaft kurz vor der Europameisterschaft 2009 wird abgehandelt. Jérôme hätte gerne für ihn Partei ergriffen, durfte dies aber nicht. Es kommt zum Bruch zwischen den Halbbrüdern, doch Jérôme startet durch, wird U21-Europameister, wenig später A-Nationalspieler.

Nach einem Ausflug nach England zu Manchester City, kommt 2011 der Vereinswechsel zum Bayern München. Ein Kulturschock für die „Sauberstadt“ München, wie sich „Bild“-Sportchef Christian Falk erinnert, der angeblich erstmals die Wörter „Homie“ und „Digga“ aus Boatengs Mund hört. Kaum vorstellbar, aber nun gut. Als junger Familienvater strauchelt Boateng in der bayerischen Landeshauptstadt sportlich wie privat. Ein vermeintliches Techtelmechtel mit Gina-Lisa Lohfink wird von damaligen Medienbegleitern besprochen, nicht aber von Boateng selbst. DFB-Nostalgiker kommen dann beim Themenkomplex um die erfolgreiche WM 2014 auf ihre Kosten. So weit, so bekannt. Zum Abschluss dieses Kapitels wird noch der Sorgerechtsstreit um die Zwillingsmädchen angedeutet.
Folgenschweres Interview von Boateng: Kasia Lenhardt nimmt sich das Leben
Im dritten Teil „Vom Helden zum Angeklagten“ wird es spannend – hofft man. Die ersten 15 Minuten lang geht es allerdings um Boatengs extravaganten Lifestyle und Nebenschauplätze abseits des Fußballgeschäfts. Die Ex-Partnerin von Boatengs Mannschaftskollegen Mats Hummels, Cathy Hummels, spricht von Boatengs bewundernswerten Fashion-Trends, Kommentatoren-Legende Marcel Reif von der „Beckhamisierung des Fußballs“.
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Doch der Bundesliga-Profi ist vor allem juristisch betrachtet kein unbeschriebenes Blatt: In einem gemeinsamen Karibik-Urlaub soll er seine frühere Lebensgefährtin, die Mutter seiner Zwillinge, ins Gesicht geschlagen haben. Marcel Reif und Thomas Helmer (Ex-Bayern-Spieler) dürfen beide ihre initialen Gedanken äußern: „Hoffentlich stimmt es nicht.“ Es wird der Konflikt über das Aufenthaltsbestimmungsrecht der Kinder angedeutet und eingeordnet, nicht aber von Jérôme Boateng selbst. Er wurde im Juli 2024 von Landgericht München I für schuldig befunden und zu einer Verwarnung mit Strafvorbehalt verurteilt. Er spendete eine sechsstellige Summe an eine gemeinnützige Organisation und gilt weiterhin als „nicht vorbestraft“.
Dann wird die Beziehung mit Kasia Lenhardt thematisiert, die von vielen Hochs und Tiefs geprägt gewesen sein soll. „Was mir wichtig ist, zu sagen, ist, dass ich Kasia sehr geliebt habe“, sagt Boateng dann über die ehemalige „Germany‘s Next Topmodel“-Finalistin (2012). 2019 leitet die Münchner Staatsanwaltschaft aufgrund eines Hinweises ein Verfahren gegen Boateng ein – ebenfalls wegen mutmaßlicher Gewaltvorwürfe.

Lenhardt hatte im Januar 2021 eine Verschwiegenheitserklärung, auch Non-Disclosure Agreement (NDA) genannt, unterschrieben und durfte sich „zeitlich unbegrenzt“ nicht äußern. Das Schriftstück wird in der Doku gezeigt. „Absolut gang und gäbe“, meint Cathy Hummels. Kurze Zeit darauf trennt sich das Paar, und Boateng erhebt in einem „Bild“-Interview schwere Vorwürfe gegen Kasia Lenhardt. „Es muss einen Grund für dieses Interview gegeben haben“, sagt Cathy Hummels. Boateng sprach in dem Interview davon, die Beziehung mit Lenhardt nur aus Schutz aufrechterhalten zu haben und aus Angst, Probleme im Sorgerechtsstreit um seine Kinder zu bekommen.
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„Was deutlich und klar für mich ist, ist, dass ich die Situation im Nachhinein falsch eingeschätzt habe und damit einfach besser hätte umgehen müssen, anders. Das Interview war ein Fehler. Und das wird mich auch den Rest meines Lebens begleiten, diesen Fehler gemacht zu haben“, erzählt Boateng. Über Kasia Lenhardt rollt damals eine Hasswelle im Netz. Im Frühjahr 2021 nimmt sie sich das Leben, am Tag des sechsten Geburtstages ihres Sohnes. Hier ringt der Ex-Fußballer um Fassung: „Mir war das einfach wichtig zu sagen, dass sie ein ganz, ganz toller Mensch war und eine große Rolle in meinem Leben einnimmt.“ Er verarbeite ihren Tod noch heute.
Boatengs Karriereende und „die Akte Kasia Lenhardt“: Verfahren wegen Körperverletzung abgeschlossen
Die privaten Angelegenheiten überschatten dann auch das Ende seiner aktiven Sportlerkarriere. Boateng ist zwischenzeitlich immer wieder vereinslos. Eine sechsteilige Podcast-Serie des „Spiegels“ mit dem Titel „NDA: Die Akte Kasia Lenhardt“ breitet die Ups and Downs der Beziehung nochmals aus und auch den Vorwurf, Lenhardt habe die Erklärung nur unter Druck unterschrieben. „Sie wollte die DNA von mir haben, das war ihr ganz wichtig“, erinnert sich Boateng in der Doku. Das Verfahren im Fall Lenhardt wird später eingestellt.
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Was bleibt also übrig vom gefallenen Liebling der Nation? Das Bild der vorverurteilenden Medien wird gezeichnet und auch die Vorbildfunktion von Profifußballern betont. Jedoch wird das Urteil des Münchener Landgerichts aus dem Juli 2024 zitiert, in dem von „gegenseitiger Körperverletzung“ gesprochen wurde. Die Richterin soll zudem von einer „Vorverurteilung durch die Medien“ gesprochen haben. „Aber wo ist dann die Vorverurteilung?“, fragt Gabriela Keller, ehemalige Investigativjournalistin bei Correctiv, und schiebt nach: „Diese Richterin hat ihn doch selbst wegen Körperverletzung verurteilt. Und vorher haben das schon zwei andere Richter gemacht.“
Kritik an der Dokumentation „Being Jérôme Boateng“: Das sagen die Produzentinnen
Es sind gute Fragen, die in der Dokumentation ihren Raum bekommen. Dabei sei es den Produzentinnen, Anna Grün und Ulrike Schwerdtner, nicht um „Kommentare oder moralische Wertungen“ gegangen, wie sie dieser Redaktion mitteilen. Die Geschehnisse würden durch rechtskräftige Urteile, dokumentierte Abläufe, Aktenlagen sowie die verschiedene Perspektiven nebeneinandergestellt. „Eine stärker kommentierende oder bewertende Haltung hätte dem dokumentarischen Ansatz widersprochen. Unser Ziel war es, nicht seine Sicht zu verstärken, sondern den Raum zu schaffen, in dem das Gesamtbild sichtbar wird“, so die Macherinnen weiter.
Die Zusammenarbeit mit Boateng sei professionell gewesen. Dabei lassen sie durchblicken, dass es journalistisch durchaus herausfordernd gewesen sein könnte. Der Protagonist der Filmreihe habe über die „Tragweite der Themen“ gewusst. Boateng sei aber in manchen Bereichen zurückhaltend gewesen, erinnern sich Grün und Schwerdtner. „Wir haben seine Haltung aufgenommen, aber nie zum Zentrum der Erzählung gemacht. Sie ist eine von mehreren Perspektiven.“ Es sei ihnen nicht darum gegangen, Boateng eine Bühne zu geben, sondern die Dynamik eines Falls zu beleuchten, der die gesellschaftliche Debatte über Jahre polarisiert hat. „Die Doku versteht sich als analytisches Projekt über Strukturen – nicht als Porträt im klassischen Sinn.“
Das gelingt den Produzentinnen durchaus. Es werden viele Stränge aufgenommen und auch zu Ende geführt. Zuschauerinnen und Zuschauer bekommen die Gelegenheit, sich ein diverses Meinungsbild zu machen. Es gibt keine Verwirrungen oder gänzlich ungeklärten Fragen, und es wird einem auch keine Haltung aufgezwungen. Gleichwohl sind die juristischen Verfahren zwar aktuell größtenteils abgeschlossen, aber es scheint ein wenig so, als schlummerten die wirklich interessanten Stoffe noch irgendwo herum. Doch das wäre dann wohl der Inhalt einer großen retrospektiven Dokumentation – in 20 oder 30 Jahren.








