Es brennt im deutschen Bildungswesen. Zu Beginn seiner ZDF-Sendung am Dienstag hat Moderator Markus Lanz aus der jüngsten Schulstudie – genannt IQB-Bildungstrend – alarmierende Zahlen zitiert. Denn die Leistungen in Mathe und Naturwissenschaften werden schlechter. Neun Prozent aller Neuntklässler verfehlen in Mathe den Mindeststandard für den Hauptschulabschluss, 34 Prozent den für die Mittlere Reife.
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Auch sonst läuft es nicht rund: In einem Jahrzehnt ist die Quote der Schulabbrecher von 5,5 auf acht Prozent gestiegen, jährlich verlassen 60.000 ohne Abschluss die Schule. In der Talkrunde ist rasch deutlich geworden, dass schon in der Grundschule das Problem beginnt. Von der Gräfenau-Grundschule aus Ludwigshafen - berühmt-berüchtigt durch ihre hohe Sitzenbleiberquote in der ersten Klasse - berichtete Rektorin Barbara Mächtle über einen Fehlstart schon unter den ABC-Schützen. „Immer mehr Kinder verlassen die Grundschule ohne Abschluss. Der Erfahrungswert sagt uns, dass die das nie wieder aufholen können. Die sind ohne Perspektive.“
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Die Erfahrung zeigt: Ein Elternbrief bringt wenig
Vor allem die mangelnden Sprachkenntnisse macht der Schule zu schaffen. 97 Prozent der Schüler haben einen Migrantenhintergrund. Vele Kinder seien in Ludwigshafen geboren, sie könnten aber dennoch kein Deutsch. Die Schule liegt im Stadtteil Hemshof, ein Ausländerviertel, wo viele Großfamilien leben. Wenn sie zur Arbeit gingen, bräuchten sie Deutsch nicht unbedingt, hätten ihr Eltern schon mitgeteilt, sagt Mächtle. So entstehe eine Parallelwelt. „Die Vielfalt der Sprachen macht unseren Schulalltag schwer.“ Da müsse man sensibel vorgehen, manchmal mit Bildern und Gesten arbeiten, auf jeden Fall gehe da „nichts schnell und mit Ansage“ und einen Elternbrief zu verschicken bringe wenig.
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Mächtle setzt auf persönliche Kontakte, macht gelegentlich Hausbesuche, wo sie feststellte: „Die Kinder haben kein Buch zu Hause.“ Auch fehle oft Malzeug oder bildungsförderndes Spielzeug. Den Eltern sei das oft nicht bewusst, wie wichtig das sei, die wollten eigentlich auch „das Beste für ihr Kind“. Einen Schlüssel zum Erfolg sieht Mächtle in einer frühkindlichen Förderung in Kitas – aber dafür sei eigentlich eine Kita-Pflicht notwendig, denn oft werden die Kinder daheim betreut. In ihrer Schule hat sie mit Hilfe von Sponsoren ein jährlich 8000 Euro teures Förderprogramm eingeführt: Drei Fachkräfte kommen zweimal pro Woche, üben mit 20 Kindern für zwei Stunden: „Sprache ist die Basis – das bringt was“, sagt Mächtle.
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Rektor sieht Lehrer überfordert
Der Rektor Engin Catik, der in Berlin als „Krisenretter“ an die Friedrich-Bergius-Schule in Berlin-Friedenau geholt worden war, sieht das genauso. Gutes Deutsch sei das Erfolgsrezept, es sei doch die Grundlage vom Verstehen von Naturwissenschaften. Catik hatte zuvor eine andere Krisenschule in Berlin-Tempelhof durch neue Methoden „befriedet“. Auf die „enorme Zuwanderung“, wie Lanz es formulierte, wollte Catik die Bildungsprobleme nicht reduzieren. Eher liege es am „armutsbelasteten Milieu“, unter polizeiauffälligen Kindern seien auch Deutsche: „Aber diese Superdiversitätder Schülerschaft überfordert die Lehrer.
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Da sind so viele Herausforderungen: sprachliche Defizite, Traumata, Förderstatus und andere Aspekte – und die sollst du alle in einem Tempo unterrichten.“ Catik hat selbst einen türkischen Familienhintergrund. Er sprach sich dafür aus, auch Türkisch, Russisch, Sprachen vom Balkan, Polnisch oder Rumänisch eine Wertschätzung zu geben und sie nicht abzuwerten. Gleichzeitig gelte in der Schule aber eine Regel: Wenn zwei sich in ihrer Muttersprache unterhalten, müsse sofort zu Deutsch gewechselt werden, sobald ein dritter hinzukomme, der die Sprache nicht könne. Im Übrigen müsse man auch Migranteneltern das deutsche Bildungssystem übersetzen – beispielsweise den Vorteil des Kita-Besuchs.
Schulleiter: renitenten Schüler der Schule verwiesen
Mit dem Pochen auf der Einhaltung von Regeln hat Catik an Brennpunktschulen offenbar Erfolg. Auch an seiner früheren Schule habe es Regelverstöße, frustrierte Lehrer, Rassismusvorwürfe, Konflikte in der Elternschaft gegeben. Es gehe darum, die 90 Prozent der sich gut verhaltenden Schüler zu gewinnen für ein Einhalten der Ordnung. Einen renitenten Schüler, der ständig aus der Klasse lief und sogar das Schulgelände verließ, verwies er von der Schule: „Der wollte das Signal setzen, er könne hier machen, was er wolle. Das geht aber nicht.“ Den Schulverweis hängte Catik ans Schwarze Brett: Man müsse „Grenzen“ deutlich machen, was viele Eltern vielleicht gar nicht mehr schafften.
Auf andere Bildungsprobleme machte der SPD-Lokalpolitiker Steffen Burchhardt aus Sachsen-Anhalt aufmerksam. In seinem Land seien 1000 bis 1500 Lehrerstellen unbesetzt, den Unterrichtsausfall bezifferte auf einen Tag pro Woche. Mit Seiten- und Quereinsteigern versuche das Land die Lücke zu stopfen, aber die hätten oft keine pädagogische Erfahrung.
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Burchhardt treibt die Sorge um, dass die Landesregierung das Problem „aussitzen“ wolle, bis die Schülerzahlen wieder sinken. Katja Rininsland, Vorsitzende des Stadtelternbeirats in Frankfurt, schilderte den Ärger mit Schulbauten: Nach ihrer Schätzung werden in ihrer Stadt 30 Prozent aller Schüler in Containern unterrichtet. „Da kann es im Sommer 42 Grad werde, im Winter sitzen die Kinder mit Schal und Mütze.“ In Hessen soll es bald eine Garantie für die Ganztagsgrundschule geben. „Aber von 81 Grundschulen haben schon 31 mitgeteilt, dass sie nicht mitmachen könnten, weil ihnen Räume und Personal fehlen.“









