Schaubühne

Thomas Ostermeiers Händchen für starke Frauen

Aufbruchstimmung: Thomas Ostermeier hat Nina Hoss an die Schaubühne gelockt und ihren ersten Auftritt im Südstaatendrama „Die kleinen Füchse“ auch gleich selbst inszeniert.

Foto: Stephanie Pilick / dpa

Wenn die Augen der Nina Hoss weit offen sind, dann ist die Seele ihrer Figur zutiefst verschlossen. Weil der Blick mit einem angeknipsten Lächeln einher geht und die Haltung das Bemühen verrät. Senken sich aber die Lider und kann man das flackernde Suchen der Pupillen, den unruhigen seitlichen Blick fast nur noch erahnen, dann schaut man ihrer Regina Giddens plötzlich bis auf den Grund des zerrütteten, verletzten Seins.

15 Jahre lang blicken diese Augen von der Bühne des Deutschen Theaters. Am vergangenen Sonnabend erstmals von der Schaubühne. Da ließ es sich Schaubühnen-Chef Thomas Ostermeier nicht nehmen, beim Einstand seines prominenten Neuzugangs selbst Regie zu führen. Auf dem Programm stand das 1939 erschienene kapitalismuskritische Familiendrama „Die kleinen Füchse“ von Lillian Hellman. Hoss spielt die Bankiersgattin Regina Giddens, den zerstörerischen Fixstern einer Industriellenfamilie, die sich aus Habgier selbst zerfleischt.

Es geht in dem Stück, das Ostermeier sehr schnörkellos auf die Bühne bringt, um Geschäfte und sehr viel Geld. Das soll zum einen Teil von einem schwer umgarnten Investor kommen, den Rest wollen zu je einem Drittel die Brüder Oscar und Ben Hubbard und ihre Schwester Regina beisteuern, beziehungsweise ihr Mann Horace, der noch ein Herzleiden auskuriert und sich dem Spiel verweigert.

Die Schaubühne hat gerade ordentlich Rückenwind

Ab sofort gilt: Jeder gegen jeden. Sogar die Kinder werden instrumentalisiert, früh übt sich, was ein ausgemachter Kapitalist und veritabler Schweinehund werden will: „Jeder Mensch hat die Pflicht, an sich selbst zu denken“, weist Oscar seinem Sohn Leo den Weg. So treibt diese Familie sich selbst immer tiefer in ein perfides Bermuda-Dreieck aus Gier, Hass und Verletzung, in dem am Ende nur eine den Kopf über Wasser behalten wird: Regina. Nina Hoss spielt sie, anders als damals Bette Davis in der berühmtesten Verfilmung des Stoffes, nicht als durch und durch giftiges Biest, sondern als kühle, in die Enge getriebene Frau, die ihre Verletztheit durch geschicktes Taktieren am Ende in Stärke verwandelt.

Für starke Frauen, das weiß man seit seiner „Nora“ (mit Anne Tismer) und seiner „Hedda Gabler“ (mit Katharina Schüttler) hat Thomas Ostermeier ein Händchen. Beide Inszenierungen sind allerdings schon ein paar Jahre her und beide Darstellerinnen sind ihm abhanden gekommen. Nina Hoss kann solche Figuren, das beweist sie bei ihrem Schaubühnen-Debüt zweifellos, die Konstellation Hoss/Ostermeier, beide kennen sich noch aus gemeinsamen Zeiten an der Ernst-Busch-Schauspielschule, ist definitiv eine viel versprechende und lockte mit Herbert Grönemeyer und Klaus Wowereit auch reichlich Prominenz an den Mitte-fernen Lehniner Platz.

Keine Frage, die Schaubühne hat gerade ordentlich Rückenwind. Mit „Viel Lärm um nichts“, „Die Gelbe Tapete“ und „For the Disconnected Child“ sind nicht weniger als drei Schaubühnen-Inszenierungen für den Friedrich-Luft-Preis der Berliner Morgenpost nominiert, und als im Frühjahr der Wechsel-Coup der Frau Hoss verkündet wurde, war einem direkt nach Jubeln zumute. Das war mehr als ein Wechsel, das war ein Zeichen, dass sich endlich mal wieder was bewegt in der Berliner Theaterlandschaft.

Keine Aufbruchstimmung an den anderen Berliner Bühnen

Was auch deshalb so augenfällig ist, weil, mal abgesehen vom Gorki-Theater, an dem die neuen Intendanten Shermin Langhoff und Jens Hillje gerade einen äußerst viel versprechenden Neustart hinlegten, an anderen Bühnen der Stadt wenig von positiver Aufbruchstimmung zu vermelden ist. Claus Peymann steht dem Berliner Ensemble seit 1999 vor, Frank Castorf der Volksbühne bereits seit 1992. Ulrich Khuon übernahm das Deutsche Theater zwar erst in zur Spielzeit 2009/2010, aber bisweilen hat man den Eindruck, es habe die Anfangsschwierigkeiten immer noch nicht ganz überwunden.

Dass im vergangenen Jahr auch noch DT-Regisseur Dimiter Gotscheff verstorben ist, macht die Lage nicht besser. Nicht zu vergessen: Außer Nina Hoss machten sich vom Deutschen Theater aus auch Regine Zimmermann und Regisseur Michael Thalheimer Richtung Schaubühne auf. Der präsentierte dort vor knapp vier Wochen einen insgesamt sehr ordentlichen „Tartuffe“.

Auch Ostermeiers „Kleine Füchse“ sind ordentlich und solide geraten, hätten aber durchaus noch etwas mehr Schärfe vertragen können. Denn der Regisseur geht die Sache verhältnismäßig puristisch an. Auf der von Jan Pappelbaum mit schwarzen Ledersesseln und einer riesigen im Bühnenhimmel-Nichts endenden Treppe ausgestatteten Bühne platziert er die Familien-Bande als moderne Business-Dynastie.

Jede Figur ist fein und vielschichtig ausgearbeitet

Ostermeier hat das um die Jahrhundertwende in den amerikanischen Südstaaten angesiedelte Stück konsequent in unsere Gegenwart geholt. Die Jugend ist zwischen den gesellschaftlichen Verpflichtungen auf Facebook unterwegs, die Herren zücken Smartphones, um nebenbei ein paar Geschäfte zu erledigen. Gut, so geht Kapitalismus halt heute. So what? Weshalb die erste Hälfte des knapp zweieinhalbstündigen Abends sich dann auch eher schleppend gestaltet.

Spannend wird es erst, als sich die Konflikte der Figuren verschärfen, wenn alle Masken fallen, wenn man sich nicht mal mehr bemüht, Haltung zu bewahren. Hier offenbart sich die Stärke des Stücks als psychologisches Kammerspiel und die Stärke des Ensembles, das den Abend dann alleine wuppt.

Jede Figur ist fein und vielschichtig ausgearbeitet, David Rulands Oscar Hubbard etwa ist ein buckelnder Getriebener, der jeden Moment zu implodieren droht und außer Sichtweite Frau Birdie und Sohn Leo schlägt. Den wiederum gibt Moritz Gottwald als Möchtegern-Geschäftsmann mit Praktikanten-Charme. Nina Hoss fügt sich nahtlos in dieses großartige Ensemble. Den einzigen Szeneapplaus bekommt Ursina Lardi als schwer daueralkoholiserte Birdie und innerlich wie äußerlich völlig zerrupfte Person.

Man hätte dem Abend mehr solcher Momente gewünscht, aber vielleicht waren auch die Erwartungen ein wenig zu hoch.

Montag, Dienstag und Mittwoch um 20 Uhr in der Schaubühne am Lehniner Platz, Kurfürstendamm 153, Kartentel. 89 00 23