Regisseur Thomas Ostermeier und Ausnahme-Schauspielerin Nina Hoss, die mühelos zwischen Bühne und Film wechselt, kennen sich schon lange: Beide wurden an der Berliner Schauspielschule „Ernst Busch“ ausgebildet. 1999 kam es zur ersten und bislang letzten Zusammenarbeit, danach übernahm Ostermeier die Leitung der Schaubühne. Jetzt gehört Nina Hoss zu seinem Ensemble.
Berliner Morgenpost: Frau Hoss, erinnern Sie sich noch an Ihre erste Arbeit mit Thomas Ostermeier?
Nina Hoss: Na klar, ich vergesse keine Arbeit. Das war „Der blaue Vogel“, Ostermeiers Debüt auf der großen Bühne des Deutschen Theaters, zuvor hatte er die Baracke geleitet. In diesem Märchen habe ich den Hund gespielt. Danach hat Thomas über die Zusammenarbeit gesagt: Das kann’s aber nicht gewesen sein. Wir haben beide gespürt, dass ein gegenseitiges Interesse an der Art zu arbeiten bestand. Allerdings war für mich klar, dass ich zu dem Zeitpunkt nicht an die Schaubühne gehen konnte, da herrschte absolutes Drehverbot. Das macht ja Sinn bei einem Neustart, kam aber für mich nicht in Frage.
Sie kennen den Regisseur aber noch länger.
Seit der Schauspielschule, Thomas war da einer der Sprecher: Wir haben damals alle dafür gekämpft, dass die „Ernst Busch“ erhalten bleibt und nicht mit der HdK zusammengelegt wird. Ich hatte seine Abschluss-Inszenierung gesehen, die war fantastisch. Ich war noch nicht lange in Berlin und dachte: was soll ich hier machen, die sind alle so gut, das werde ich nie schaffen. Wir haben uns nie aus den Augen verloren, immer wieder mal über Theater gesprochen, darüber, was und wie man arbeiten will.
Mit dem Wechsel an die Schaubühne haben Sie sich aber viel Zeit gelassen.
Die Zeit verging wahnsinnig schnell. Ich liebe das Deutsche Theater sehr, habe viele Rollen gespielt, aber dann hatte ich Lust, mich in so eine Art Verunsicherung zu begeben, im positiven Sinne: Unbekanntes Terrain zu betreten, etwas Neues zu probieren, mich mit anderen Kollegen auseinanderzusetzen. Und es macht großen Spaß mit der neuen Truppe.
Sie proben seit einigen Wochen „Die kleinen Füchse“. Hat sich Ostermeier als Regisseur verändert?
Ich erkenne ihn schon wieder, er weiß genau, wonach er sucht. Ein bisschen gelassener ist er geworden, aber dabei immer noch offen und neugierig geblieben. Da erkenne ich mich auch wieder. Das hört ja nie auf in diesem Beruf. Neue Themen, neue Stücke, neue Figuren, jedes Mal fängt man von vorne an.
Das Stück von Lillian Hellmann erschien 1939, es wurde ein großer Broadway-Erfolg. In Deutschland aber ist die Autorin kaum bekannt. Eine Entdeckung?
Das könnte ich mir gut vorstellen, denn die Thematik des Stückes ist unglaublich modern: Es geht unter anderem um Gier, um Versuchungen, um Macht, um die Frage, ob Geld die Freiheit ermöglicht, nach der man sich sehnt, und darum, was man in Kauf nimmt, um ein Vermögen zu erlangen und was das mit den Menschen emotional macht. Besonders, wenn die Geschäftspartner Familienmitglieder sind.
Sie spielen die Bankiersgattin Regina, keine besonders sympathische Figur.
Ich weiß gar nicht, ob sie unsympathisch ist. Spannend ist doch, mit ihr zu verfolgen, wie sie, in die Enge getrieben, anfängt zu kämpfen. Wie sie unglaublich wendig und schnell reagieren und verhandeln kann. Dabei wirkt sie sicher vermeintlich kalt, aber unter der Oberfläche brodelt es. Sie fühlt sich um ihr Leben betrogen und ist jetzt nicht bereit, ihre Sehnsüchte und Träume aufzugeben, komme was wolle. Das hat natürlich auch etwas Unangenehmes in seiner Egomanie. Denn auf wessen Kosten geht das?
Könnte fast ein Stück von Ibsen sein; Sie haben zuletzt am Deutschen Theater „Hedda Gabler“ gespielt.
Mich erinnert Regina auch ein bisschen an Hedda. Aber im Unterschied zu Hedda nimmt sie die Dinge in die Hand. Regina ist an einem Punkt angekommen, wo sie ihr Leben um 180 Grad drehen will. Sie braucht so viel Geld wie möglich, um aus diesem Provinznest rauszukommen, sie will sich aus diesem Kleinbürgermief befreien. Hedda stiftet alle um sie herum an, etwas zu tun, damit ihr Leben aufregender und erfüllend wird. Regina geht in den offenen Kampf, Hedda nicht. Aber die Sehnsucht und auch die Verzweiflung ist dieselbe. Beide Frauen sind maßlos in ihrer Art – und manipulativ.
Bleibt es in dieser Spielzeit bei dieser einen Inszenierung an der Schaubühne?
Das weiß ich noch nicht. Ich drehe ja auch und spiele noch am Deutschen Theater.
Immerhin in vier Stücken. Ist das ein komisches Gefühl, wenn Sie jetzt an Ihre alte Wirkungsstätte zurückkehren, um dort aufzutreten?
Nee, das ist schön. Ich bin ja nicht im Zorn gegangen. Das ist so wie ein langsamer Abschied. Ich habe dort 15 Jahre gearbeitet, die Menschen sind mir ans Herz gewachsen. Aber ich freue mich auf den neuen Raum in der Schaubühne, kein Guckkasten mehr wie am Deutschen Theater, eine andere Atmosphäre – ich habe das Gefühl, dass tut mir wirklich gut.
Im Februar beginnt die Berlinale, sind Sie wieder dabei?
Das weiß ich noch nicht.
Vielleicht mit dem neuen Film von Christian Petzold. Der wievielte gemeinsame ist das?
Warten Sie (sie zählt die Titel auf): der sechste. Wenn man immer wieder zusammen arbeitet, kann man an einem ganz anderen Punkt ansetzen. Hemmschwellen sind abgebaut, man kann direkter miteinander umgehen, kommt schneller an den Punkt, an den man kommen will. Bei einer neuen Begegnung mit einem Regisseur empfinde ich den neuen Blick auf mich als Darstellerin wohltuend.
Sie waren noch nie in einer Komödie zu sehen, werden Ihnen die überhaupt angeboten?
Durchaus. Aber es macht für mich keinen Sinn, wenn die nicht wirklich gut sind. Wenn die nicht trotz allem eine Beobachtung des Lebens sind und die Figuren ernst genommen werden. Und sich da heraus eine Komik entwickelt. Wenn die Dialoge intelligent und spritzig sind. Mich interessiert es nicht, wenn ich etwas vorgekaut bekomme, weder im Tragischen noch im Komischen. Es gibt auch selten trockenen Humor in unseren Komödien, es wird immer ein bisschen zu dick aufgetragen. Davon bin ich tatsächlich kein Fan, das ist mir zu banal. Drei Monate meines Lebens damit zuzubringen, das würde mir nicht reichen, ich glaube, da würde ich nervös werden. Aber wenn eine gute Komödie vorbeikommt, greife ich zu (lacht).
Von den großen Berliner Theatern scheint die Schaubühne das zu sein, das sich so etwas am ehesten mal leistet.
Das stimmt, die machen sich nicht so viele Vorschriften, was geht, was nicht geht, sondern probieren einfach mal was aus. Aber es ist nicht so, dass ich jetzt unbedingt eine Komödie machen will. Ich bin sehr zufrieden mit den Figuren, die ich in den vergangenen Jahren spielen durfte. Ich finde, an allem gibt es auch komische Seiten: An der Hedda, an Regina, weil sie so unverschämt ist. Das jemand es wagt, Dinge in der Art zu sagen, wie sie es tut. So direkt. Das ist auch Komik.
Die Schauspielerin: Nina Hoss, 1975 in Stuttgart geboren, ist in Film und Theater erfolgreich. Thomas Langhoff engagierte sie 1998 von der Schauspielschule „Ernst Busch“ ans Deutsche Theater. Jetzt wechselt sie an die Schaubühne.
Die Premiere: In Lillian Hellmans Stück „Die kleinen Füchse“ sehnt sich die Bankiersgattin Regina, gespielt von Nina Hoss, nach einem Leben in Autonomie: Fern von der eintönigen Provinz und der Abhängigkeit vom Ehemann. Die Premiere und damit ihr Einstand an der Schaubühne ist am 18.1. um 20 Uhr. Weitere Vorstellungen vom 20. bis 22.1. Tel. 890023




