Schaubühne

So viel Fair Play war noch nie an einem Berliner Theater

Strampeln für die Umwelt: Katie Mitchells „Atmen“ an der Schaubühne müsste ein Öko-Gütesiegel für Theaterinszenierungen bekommen. Denn der gesamte Strom wird durch Muskelkraft mit dem Fahrrad erzeugt.

Foto: Katja Strempel

Die Ökobilanz dieses Abends ist vortrefflich. Nicht, dass es darauf bei Theaterpremieren jemals angekommen wäre, aber es wird ja alles nicht besser auf der Erde. Mal angenommen also, es gäbe so ein Öko-Gütesiegel für Inszenierungen, dann wäre Katie Mitchells Schaubühnen-Adaption von Duncan Macmillans „Atmen“ schon jetzt heißeste Anwärterin für das „Fair Play of the Year“. Der gesamte Strom nämlich, den die gut einstündige Vorstellung benötigt, wird mit purer Muskelkraft auf dem Fahrrad live erzeugt.

Das ist in diesem Fall viel mehr als einer von diesen „Social Responsibility“-Marketingtricks. Die beiden Protagonisten des Stücks nämlich tragen schwer an ihrer ökologischen und sozialen Verantwortung. Man kauft Fair Trade, spendet ab und zu, trennt Müll. Trotzdem bleibt die Frage: „Sind wir gute Menschen?“ Zumal sie jetzt auch noch darüber nachdenken, Nachwuchs zu bekommen. Aber ein Kind, das würde den eigenen ökologischen Fußabdruck natürlich mordsmäßig versauen. Ein neuer Mensch, rechnen sie sich vor, das wären 10.000 Tonnen zusätzliche CO2-Belastung. Unverantwortlich.

Strampeln und streiten für Licht und Ton

So strampeln und streiten sie sich ihr Glück kaputt und über ihnen weist auf einer Leuchttafel ein Menschheitszähler im Sieben-Milliarden-Bereich jede Sekunde 2,6 neue Leben aus. Darunter stehen die beiden Podeste (hergestellt übrigens aus gepressten Recyclingmaterialien, wie das Programmheft ausweist) mit je einem fest montierten Fahrrad, dessen Hinterrad zur Stromerzeugung frei dreht.

Christoph Gawenda und Lucy Wirth werden ihre Sättel den ganzen Abend nicht verlassen, sie sprechen in Mikrofone, nicht einander, sondern dem Publikum zugewandt. Jeder von ihnen erzeugt konstant 75 Watt Strom, womit sie die wenigen Halogenlampen über ihnen am Leuchten halten. Vier weitere Radler im Hintergrund versorgen die Lautsprecher und das restliche minimale Equipment mit Energie.

Der ganz normale Beziehungswahnsinn

Wie so oft bei Katie Mitchell, die ja eigentlich mit üppigen (und stromfressenden!) theatralen Videoprojektionsarbeiten bekannt wurde, unterwirft sich auch hier der gesamte Abend, die Darsteller, die Bühne, die gesamte Ausstattung einer einzigen Idee. Die ist, das lässt sich festhalten, wirklich stark. Sie ist erstens so gut, weil sie perfekt dem verhandelten Sujet entspricht, weil sie zweitens trotz des starren Konstrukts den Darstellern Christoph Gawenda und Lucy Wirth noch die Freiheit gewährt, über die sehr alltagsnahe Sprache den ganz normalen neurotischen Beziehungswahnsinn zu dokumentieren.

Drittens schließlich lässt sie Raum für dramaturgische Nuancierungen wie etwa den schönen Effekt, dass die ganze Rederei den Radler manchmal einfach erschöpft und er sich damit sofort automatisch das eigene Licht runter dimmt. So weit, so hübsch dies alles. Aber die grundsätzlich kluge Konstruktion kann dennoch nicht verhindern, dass diese ganze Befindlichkeits- und Betroffenheitsquatscherei auf die Dauer auch anstrengt.

Wie die zwei da ununterbrochen lamentieren statt zu leben, das Wort-im-Mund-Umgedrehe, diese beim Publikum auf Wiedererkennung heischenden Beziehungsmissverständnisse, da hätte die eine oder andere dramaturgische Pointierung oder textliche Streichung gut getan. Immerhin: Wer sich diesen Abend in der Schaubühne ansieht, kann das auf jeden Fall mit einem absolut reinen ökologischen Gewissen tun. Sofern er mit der BVG anreist. Oder mit dem Fahrrad.

Schaubühne am Lehniner Platz, Kurfürstendamm 153. Tel.: 89 00 23. Nächste Termine: 2.12., 20 Uhr, 9., 19. und 20.12., 20.30 Uhr.