Auf dem Gesicht von Nina Hoss löst der Beifall schnell die Anspannung. Sie lächelt. Bravorufe. An diesem Premierenabend vermischt sich der Applaus für ihre Leistung als Hedda Gabler mit dem Dank des Publikums für ihre 14-jährige Arbeit am Deutschen Theater in Berlin-Mitte. Vor knapp zwei Wochen war bekannt geworden, dass Nina Hoss das Haus zum Ende der Saison verlässt, um an die Schaubühne zu wechseln.

Während draußen auf dem Platz vor dem Theater in der lauen Abendluft nach der Vorstellung über Nina Hoss, ihre Entscheidung und die Inszenierung von Stefan Pucher diskutiert wird, verabschiedet Intendant Ulrich Khuon auf der Bühne seinen Star. Kollegen sind da, das Regieteam, Techniker und andere Mitarbeiter, es gibt Sekt für alle und einen Strauß Blumen für Nina Hoss. Man ist stolz auf die Produktion und ein bisschen traurig über den Abschied. Khuon macht keinen Hehl daraus, dass er Nina Hoss gern im Ensemble gehalten hätte. Er spricht davon, dass sie „starke und wichtige Rollen gespielt hat“.

Raus aus den Zwängen

Eine davon konnte man an diesem Premierenabend sehen. Ihr präzises Spiel bewundern. Die kleinen Gesten. Die Blicke. Ihre Hedda Gabler in dem gleichnamigen, 1890 erschienenen Stück von Henrik Ibsen ist ein gelangweiltes Luxusweibchen. Sie will keine Verantwortung übernehmen – und deshalb auch keine Kinder haben. Aber sie will „einmal im Leben Macht besitzen über das Schicksal eines anderen Menschen“ – und spielt ihr Spiel mit dem zurückgekehrten Eilert Lövborg (bei Alexander Khuon ein harter Kerl mit weichem Kern im Charles-Bronson-Outfit) so lange, bis der die von ihr charmant überreichte Pistole benutzt. Natürlich ist Hedda enttäuscht: Lövborg stirbt nicht den von ihr gewünschten „ästhetischen“ Tod mit „Weinlaub im Haar“. Die Kugeln treffen ihn im Bordell in den Unterleib.

Träume werden wahr

Das Bild dazu hat das Publikum schon vorher gesehen: als Projektion auf dem Bühnenhorizont, wo die Geschichte zeitversetzt erzählt, aber auch die Träume der Figuren gezeigt werden: Hedda wünscht sich ein Pferd und spielt gern mit Pistolen, also erschießt sie als Westernbraut zwischen Saloon und Bank ihre drei als Cowboys verkleideten Männer; gedreht wurden diese Szenen, das passt, im Filmpark Babelsberg.

Regisseur Stefan Pucher hat sich von seiner Bühnenbildnerin Barbara Ehnes vier unterschiedlichen Zeiten symbolisierende Räume auf eine Drehbühne montieren lassen. Das sind auch die architekturgewordenen Wunschräume der Figuren, die in starren gesellschaftlichen Konventionen gefangen sind, aber davon träumen, auszubrechen.

So wie Amtsgerichtsrat Brack, den Bernd Moss in der ersten und letzten Szene, die in Ibsens Zeit angesiedelt ist, als steifen Advokaten spielt. Zwischenzeitlich verwandelt er sich in einen Saturday-Night-Fever-Aufreißertyp im weißen Anzug, der im fetten 70er-Jahre-Ambiente sitzt. Er möchte sich zwischen Hedda und ihrem wissenschaftsfixierten Gatten Tesman platzieren („Wissen Sie – so eine Art Dreieck ist eine angenehme Einrichtung für alle Beteiligten“), derweil Hedda sich lasziv im fußlosen, roten Sessel räkelt. Sie trägt in dieser Szene einen weißen Hosenanzug, der viel Bein erkennen lässt, eine rote Bluse und natürlich High Heels.

Irre Kostüme

An dieser Stelle muss unbedingt die Kostümbildnerin Annabelle Witt erwähnt werden, die das Personal dem Raum entsprechend gestaltet, das reicht bis zu unterschiedlichen Bartvariationen: Jörgen Tesman (bei Felix Goeser ist er ein naiver Langweiler mit leichter Gutmensch-Attitüde) wechselt seinen Vollbart gelegentlich gegen einen Schnauzer. Und beim Dienstmädchen Berte (Naemi Simon) verkürzt oder verlängert sich der Rock, je nachdem, in welchem Raum sie sich befindet.

Margit Bendokat hat die Rolle der schrecklichen Verwandten übernommen, die sich dem jungen Eheglück, was bei Ibsen natürlich ein Unglück ist, aufdrängt. Jörgen nennt sie zärtlich „Juju“, die sitzt am Anfang des Dramas im Schaukelstuhl wie die böse Märchentante, jedes Worte ironisch auskostend. Und es endet ja auch böse: Hedda erschießt sich, weil sie nicht erpressbar sein will und Frau Elvsted (Anita Vulesica) ohnehin schon den Platz an der Seite von Tesman eingenommen hat.

Starker Schlusspunkt

Ein starker Saisonabschluss am Deutschen Theater. Gerade mal 100 Minuten braucht Regisseur Stefan Pucher für das multimedial erzählte Ibsen-Drama. Ausgerechnet Ibsen. Der norwegische Autor ist ja so etwas wie der Bühnenheilige der Schaubühne. Thomas Ostermeier, der künstlerische Leiter, hat seine stärksten Inszenierungen mit Ibsen abgeliefert. Jetzt muss er mitansehen, wie sein künftiger Star noch einmal glänzt – ausgerechnet als Hedda Gabler. Es mag Ostermeier trösten, dass er dieses Stück schon vor Jahren selbst inszeniert hat – mit Katharina Schüttler in der Titelrolle. Im Juni wird es wieder an der Schaubühne gespielt, ein reizvoller Vergleich – und sicher eine ganz bewusste Spielplanentscheidung.

Nina Hoss wird dem Publikum des Deutschen Theaters (DT) noch eine Weile erhalten bleiben. Derzeit ist die Schauspielerin noch in fünf Produktionen zu sehen, vier davon, darunter „Hedda Gabler“ und „Kinder der Sonne“, werden auch in der kommenden Saison gezeigt, lediglich „Der einsame Weg“ läuft am 23. Mai zum letzten Mal.

Für das künstlerische Betriebsbüro wird die Terminkoordinierung zwischen Dreharbeiten, Schaubühne und DT keine unlösbare Aufgabe sein. Denn an jedem Theater gibt es neben dem Ensemble Gäste. So reist Jens Harzer, Ensemble-Mitglied des Thalia Theaters, für seinen Auftritt in „Onkel Wanja“ aus Hamburg an. Und Gert Voss kommt aus Wien, um an der Schaubühne „Maß für Maß“ zu spielen. Die Terminkoordination soll in seinem Fall, hört man aus der Schaubühne, allerdings sehr kompliziert sein.