Bühne

Warum Moabit für das theater 89 der bessere Standort ist

Das theater 89 hat die Torstraße in Mitte verlassen und ist nach Moabit in einen ehemaligen Gemeindesaal an der Putlitzstraße gezogen. Die Gegend sei aber eine Herausforderung für den Leiter Frank.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Die Birkenstraße gleicht einem Boulevard der Einkaufswägelchen. Die einachsigen Shoppinghilfen werden generations- und herkunftsübergreifend benutzt. Auf der Perleberger wandelt sich das Publikum, die Straße scheint eine Art Gassi-Meile zu sein: Läuft der Hund frei herum, trägt der Besitzer die Leine um den eigenen Hals, gern kombiniert mit einem Schlüsselbund. Aber auch klassische Mitte-Typen sieht man hier wie den bärtigen Dreißigjährigen, der zwei Möpse an der Leine spazieren führt; wahrscheinlich die von seiner Lebensgefährtin, diese Vierbeiner gelten ja als ausgesprochene Frauenhunde.

Moabit ist ein Teil von Mitte, so wie auch Wedding seit der Bezirksreform zu Mitte gehört, aber eben nicht Mitte ist. Auch von Moabit heißt es immer wieder, dass es im Kommen ist. Bewohner des Stephan-Kiezes haben Initiativen gegründet, weil sie Luxussanierung und Gentrifizierung befürchten, in der nahe gelegenen Lübecker Straße sind davon kaum Anzeichen zu erkennen:

An Kurt Tucholskys Geburtshaus (die gleichnamige Straße liegt in Mitte, in Moabit trägt eine Apotheke seinen Namen) hängt eine Gedenktafel, die "republik movida – Agentur für politische Kommunikation" hat ein Ladenlokal bezogen, ein "Afro-Shop" liegt neben der "Gaststätte zur Post", wo ältere Männer mittags ihre Molle zischen, daneben wirbt ein "Salon für Damen und Herren" mit einem Maschinenhaarschnitt für sieben Euro, das "Wella"-Schild über dem Eingang würde in Mitte wahrscheinlich als hipper Retro-Look durchgehen.

Proteste gegen geplantes Einkaufszentrum

Am auffälligsten in dieser Straße ist die Botschaft der Republik Tadschikistan an der Ecke zur Perleberger: kein protziger Bau, aber ein eigenständiges Gebäude mit Garten im Gegensatz zu der Vertretung von Mosambik, deren Botschaft im ersten Stock eines Bürohauses ganz in der Nähe an der Stromstraße untergebracht ist, immerhin hat die Nationalflagge einen eingezäunten Platz vor dem Gebäude bekommen.

Schräg gegenüber liegt das Gelände der ehemaligen Schultheiss-Brauerei, ein Investor aus Münster wollte hier ein Einkaufszentrum errichten, es gab Anwohnerproteste, eine Verschattung wurde befürchtet. Auf dem Areal gibt es die "Sport Oase", ein pakistanisches Kulturzentrum, die "Werkstatt Mohamed" und andere kleine Betriebe, die sich mit Autos beschäftigen.

Ein neuer im Kiez ist Hans-Joachim Frank. Der beschäftigt sich mit Theater. Schon lange. Mit acht Jahren debütierte er als Darsteller, mit 16 begann er ein Studium an der Hochschule für Schauspielkunst in Berlin. Er schloss es 1974 ab, wurde im selben Jahr von Intendantin Ruth Berghaus ans Berliner Ensemble geholt, 1987 kündigte er.

Neuanfang mit 58 Jahren

1989 gründete Frank seine eigene Bühne, das theater 89 in Berlin-Mitte, dem er bis heute als künstlerischer Leiter und Chefregisseur vorsteht. Jetzt hat der 58-Jährige einen Neuanfang zwischen Stephan-Kiez, Arminus-Markthalle und S-Bahnring gewagt: Er ist mit dem theater 89 von Mitte nach Moabit gezogen – und trotzt damit dem Trend zum Zentrum.

Ein ehemaliger Gemeindesaal hat ihn überzeugt. Hans-Joachim Frank räumt ein, dass "die Gegend eine Herausforderung ist". Erwähnt beiläufig, dass mit Oliver Bukowski auch einer der Autoren, die im theater 89 gespielt werden, in der Nähe wohnt. Es sei "eine spannende Aufgabe, so eine Lage zu erobern", sagt Frank. Dem Stammpublikum vertraut er, schließlich ist das neue Domizil mit U- und S-Bahn gut zu erreichen, aber natürlich sollen auch neue Zuschauer gewonnen werden. Gern solche, die das Theater fußläufig erreichen können.

"Wir haben lange gesucht, uns viele Räume angeschaut", erzählt Hans-Joachim Frank. Er wäre mit dem theater 89, die Truppe wurde im Osten sozialisiert, auch gern an den Kudamm gegangen, um den Woelffer-Bühnen ein bisschen Konkurrenz zu machen, allerdings ist dort die Miete für eine Off-Bühne nicht zu bezahlen. "Wir haben auch über Marzahn nachgedacht, aber das wäre eine andere Aufgabe gewesen." Angesichts dieser Alternativen erschien Moabit "erschwinglich und doch zentral".

Mit Beichtstuhl und Orgel auf großer Bühne

Das "theater 89"-Schild über der hölzernen, grau gestrichenen Eingangstür an der Putlitzstraße 13 ist dezent gehalten. Man durchquert einen kleinen Innenhof, die Bühne liegt im Quergebäude. Im Vorraum steht ein Postkartenständer, ältere Theatergänger erkennen sofort die Handschrift von Volker Pfüller, der früher auch die Plakatentwürfe fürs Maxim Gorki Theater gemacht hat.

Der ehemalige Gemeindesaal sorgt für Erstaunen, kaum jemand vermutet dieses "architektonische Kleinod" in einem unscheinbaren Haus im Schatten der Putlitzbrücke: eine große Bühne, Parkettboden, Balustrade mit Orgel, ein Beichtstuhl.

Die vermeintlich christlichen Insignien gehören Thomas Rohloff, der vor dem Einzug des theaters 89 hier sein Puppenspiel-Domizil hatte, der Schauspieler hat beispielsweise die Figur des Koffers in der ZDF-Kinderserie "Siebenstein" verkörpert.

Schwerpunkt ist die jüngere deutsche Geschichte

"Ein angenehmer Raum", sagt Hans-Joachim Frank und hat dabei wohl auch den alten vor Augen. Der lag zwar superzentral an der Torstraße, war aber mit 2,80 Meter Höhe für ein Theater extrem niedrig. Und schlauchartig. Die Location war ein Grund, warum das theater 89 früher auf Pausen verzichtete.

Jetzt sitzen die Zuschauer an Tischen, sollen sich wohlfühlen. Dem programmatischen Ansatz ist die Bühne treu geblieben: Ein Schwerpunkt ist die Auseinandersetzung mit der jüngeren deutschen Geschichte, mit der SED-Diktatur wie in "Hafthaus" oder "Die letzten Tage des ZK der SED". Klingt nach trockenem Polit-Theater, wird aber meistens packend umgesetzt wie zuletzt in "Deine Schnauze wird dir in Sibirien zufrieren", dem ersten Teil des theatralischen Doku-Projekts "Erinnern", mit dem die neue Spielstätte eröffnet wurde.

Zurück auf die Straße, in die Arminus-Markthalle, ein Schnittpunkt zwischen traditionellem und sich wandelndem Moabit. Alteingesessene und Zugezogene, junge Menschen und Touristen pendeln zwischen Bio-Hofladen, klassischem Italiener, Gemüse Zille ("gut und günstig") und Cafébar Thussi & Armin.

"Fisch ist Vertrauenssache" steht an einem Lokal, Fish & Chips wird in einer englischen Zeitung serviert. An einem Tisch sitzen zwei Männer, offenbar aus dem Süddeutschen, sie essen Menü 1 und trinken Wein. Wortfetzen dringen herüber, es scheint um Grundstückspreise und Häuser zu gehen. Vielleicht nur unser Wunschdenken auf der Suche nach der personifizierten Gentrifizierung.

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