Zwischenbilanz

Theatertreffen Berlin 2013 – Ode an die Bühnenbildner

Halbzeit beim 50. Berliner Theatertreffen: Die Auszeichnung für die Regisseure sieht nach Amtsstube aus, die Abende sind lang, die Räume tief – und die Bühnenbildner stehen zu Unrecht im Schatten.

Foto: Stephanie Pilick / dpa

Es gehört zu den größten Herausforderungen der 50. Ausgabe des Festivals, den Preis entgegenzunehmen. Nicht die Urkunde, die bekommt der jeweilige Intendant, nachdem Theatertreffen-Leiterin Yvonne Büdenhölzer die Jurybegründung vorgelesen hat. Anschließend überreicht sie dann dem Regisseur der Inszenierung die Auszeichnung: einen Stempel samt Kissen. Klingt nach Amtsstube und Preußen. Und sieht irgendwie auch so aus. Michael Thalheimer kommentierte die Entgegennahme mit den Worten: „50 werde ich ja bald auch, vielleicht muss ich dann stempeln gehen“. Luk Perceval wusste nicht so recht, was er damit machen sollte und tat dann so, als ob er sich den Stempel auf die Stirn drückt.

Unter Büdenhölzers Vorgängerin Iris Laufenberg gab es Wimpel, die wurden jedes Jahr etwas anders gestaltet und schmücken Wände der Theaterkantinen der eingeladenen Häuser. Der Stempel dürfte eher ein Staubfänger sein. Im nächsten Jahr hoffen wir auf etwas Neues. Vielleicht könnten die Bühnenbildner eine Idee beisteuern.

Räume statt Requisiten

Die Bühnenbildner stehen zu Unrecht im Schatten der Regisseure. Sie setzen den Rahmen der Aufführung und sorgen im besten Fall dafür, dass den Zuschauern ein anerkennendes „Wow“ über die Lippen geht, bevor der erste Satz auf der Bühne gesprochen wird. Fünf Inszenierungen sind bei der diesjährigen Jubiläumsausgabe des Theatertreffens gezeigt worden, Halbzeit also. Zieht man eine Zwischenbilanz, kommt man an den Bühnenbildern nicht vorbei.

Räume statt Requisiten, die Spielfläche ist entrümpelt wie schon lange nicht mehr. Ob bei „Medea“, dem Auftaktstück des Schauspiels Frankfurt, „Die Straße. Die Stadt. Der Überfall“ (Münchner Kammerspiele) oder „Jeder stirbt für sich allein“ vom Hamburger Thalia Theater – jedes Mal sind die schwarzen Brandmauer auf der Bühne des Festspielhauses zu sehen. Bühnenbildnerin Annette Kurz hat für die Fallada-Dramatisierung eine Art Architekturmodell des Berliner Nordostens (dort spielt der Roman) als hintere Begrenzung des Raumes gestaltet, eine Assemblage aus Alltagsgegenständen der 40er Jahre. Aus Handtaschen, Vertiko-Uhren und anderen Dingen entstehen Plätze, Straße und Häuser. Ein Raum für typenpralles, viereinhalb Stunden fesselndes, durchaus klassisches Erzähltheater – die Inszenierung von Luk Perceval war ein Höhepunkt des Festivals.

Das Eis schmilzt und schmilzt

Eva Veronica Born hat für „Die Straße. Die Stadt. Der Überfall.“ am hinteren Bühnenrand einen Teil der Zuschauer platziert, auf der mit Glühlampen markierten Spielfläche sind Eiswürfel verteilt. Die funkeln wie Edelsteine und schmelzen während der Aufführung dahin. Vom schönen Schein bleibt nur eine Pfütze. Johan Simons hat diesen konsumkritischen Abgesang auf die Münchner Luxusmeile Maximilianstraße inszeniert, Sandra Hüller ist der gefeierte Star des Abends, der textlich nicht an andere Stücke von Elfriede Jelinek heranreicht und nach der Pause verflacht.

Mit einer starken Setzung begann das Theatertreffen: Olaf Altmann hat eine bühnenhohe, zweigeteilte Wand entworfen, in der Mitte thront Medea, allein mit ihrer Wut, weit entfernt auch von den Zuschauern. Später, wenn sie ihre tödlichen Rachepläne beschlossen hat, rückt diese Wand auf den Saal zu und schließt mit dem Bühnenportal ab: Kammerspielatmosphäre im XXL-Format.

Gemurmelter Abend

Bei Herbert Fritsch ist alles in Bewegung. Der Regisseur hat für „Murmel Murmel“ auch das Bühnenbild entworfen, knallbunte Wände, die auf Schienen montiert die Spielräume verändern, zu denen sich die Bühnenfiguren immer wieder neu verhalten müssen. Gesprochen wird in dieser kurzweiligen Auseinandersetzung mit einem avantgardistischen Stück nur das titelgebende Wort, aber das in zahllosen, witzigen Variationen.

Ebenfalls in der Volksbühne gab Sebastian Hartmann, der scheidende Intendant des Leipziger Centraltheaters, seine Visitenkarte ab. Er hat sich Tolstois Roman „Krieg und Frieden“ vorgenommen und die Bühne gemeinsam mit Tilo Baumgärtel gestaltet: Die Spielfläche ist hydraulisch steuerbar, sie kann in alle Richtungen gekippt werden und rückt gelegentlich bedrohlich nah ans obere Pendant heran, so dass die Figuren zerquetscht zu werden drohen. Auch durch den Einsatz von Licht entstehen immer wieder andere Räume.

Leichte Ermüdungserscheinungen

Während Luk Perceval mit seiner Romandramatisierung die Zuschauer dort abholt, wo sie stehen (also ohne Detailkenntnis des Fallada-Buches), setzt Sebastian Hartmann die Tolstoi-Lektüre voraus. Seine fünfeinhalbstündige Inszenierung fordert das Publikum heraus, wer in der ersten Pause gegangen ist, verpasste ein faszinierendes Bühnenbild, wer in der zweiten Pause das Theater verließ, blieb die Erkenntnis erspart, dass tolle Räume auf Dauer nicht gegen Ermüdung helfen.

Der Rest des Festivals ist nicht Schweigen, ein fader Hamlet-Gag, der ungefähr dem Kalauer-Niveau von Hartmann im dritten Teil seiner „Krieg und Frieden“-Adaption entspricht, sondern: kürzere Aufführungen. Warum das Theatertreffen die beiden längsten ausgerechnet unter der Woche präsentierte, bleibt ein Rätsel.