Theater

Die Schaubühne rüstet auf - mit Nina Hoss

Die Schaubühne hat einen Coup gelandet: Nina Hoss wechselt vom Deutschen Theater an den Lehniner Platz. Sie ist nicht die einzige prominente Verstärkung: Auch Regisseur Michael Thalheimer kommt.

Foto: Reto Klar

Kurz vor dem Ende der Theatersaison und pünktlich zum Auftakt des Theatertreffens verkündet das Theater den Neuzugang eines Stars: Nina Hoss, eine der prominentesten Schauspielerinnen Deutschlands, die gleichermaßen auf der Bühne und im Film glänzt, verlässt das Deutsche Theater und wird zur neuen Spielzeit festes Ensemblemitglied am Lehniner Platz. Für alle Fußball-Fans: Das ist vergleichbar mit dem kürzlich publik gewordenen Wechsel des Nationalspielers Mario Götze von Borussia Dortmund zu Bayern München.

Friedrich Barner, der Direktor der Schaubühne, der im vergangenen Jahr den Posten von Theater-Mitgründer Jürgen Schitthelm übernahm, sieht den Wechsel denn auch sportlich: „Es ist schön, dass wir Nina Hoss gewinnen konnten. Konkurrenz belebt das Geschäft.“ Thomas Ostermeier, der künstlerische Leiter der Schaubühne, habe sich persönlich darum gekümmert. Die beiden kennen sich noch von der Ernst-Busch-Hochschule. Ostermeier hat dort Regie studiert, Nina Hoss Schauspiel, im vergangenen Jahr haben sich beide für den neuen Standort der Schule in Mitte eingesetzt, der politisch auf der Kippe stand.

Ostermeier hat auch schon mit Nina Hoss gearbeitet, das liegt allerdings viele Jahre zurück – und war ausgerechnet am Deutschen Theater. Ostermeier übernahm dort 1996 die Leitung der Baracke, die von Intendant Thomas Langhoff eingerichtete experimentelle Spielstätte musste später aus Kostengründen geschlossen werden. Bevor Ostermeier in die künstlerische Leitung der Schaubühne wechselte, inszenierte er 1999 am Deutschen Theater „Der blaue Vogel“ mit Nina Hoss.

Abkehr vom Deutschen Theater

Auch wenn Wechsel an Theatern normal sind, fällt doch auf, dass die Schaubühne regelrecht aufrüstet, durchaus vergleichbar mit dem FC Bayern. Dadurch ändert sich auch der Charakter der Mannschaft, eine Herausforderung für den Trainer Thomas Ostermeier, der das Team seit mittlerweile 14 Jahren führt – und auch taktisch immer wieder neu aufgestellt hat. Zäsuren waren die Abkehr vom anfänglichen Postulat des Gegenwartstheaters, das findet mittlerweile mehr im Studio als in den großen Sälen statt, – und der Abgang des Tanzensembles von Sasha Waltz. Stars des Hauses wie Thomas Thieme, Anne Tismer oder Katharina Schüttler sind gegangen, andere haben sich zu solchen entwickelt wie Lars Eidinger.

Eidinger ist momentan das Gesicht der Schaubühne, zum 50-jährigen Jubiläum im vergangenen Herbst zierte er das Cover des 600-seitigen Jubiläumsbuches. Aber er hat Konkurrenz bekommen: Ingo Hülsmann kam vom Deutschen Theater, er fing am DT 2001 unter dem Intendanten Bernd Wilms an und erlebte dort seine bislang glücklichsten Bühnenjahre, wie er kürzlich sagte. Er debütierte zur Spielzeit 2012/13 an der Schaubühne im „Volksfeind“ unter der Regie von Thomas Ostermeier – ein Einstand mit Ausrufezeichen. Hülsmann hätte gern seinen langjährigen Bühnenpartner Sven Lehmann an den Lehniner Platz geholt, erzählte er einmal am Rande eines Interviews, aber Lehmann zauderte, er liebte das Deutsche Theater, obwohl er dort rollenmäßig zuletzt nicht wirklich glücklich war. Vielleicht wollte er auch wegen seiner schweren Erkrankung nicht mehr wechseln. Vor einem Monat starb Lehmann mit nur 47 Jahren.

Auch Thalheimer kommt

Lehmann, Hülsmann, Regine Zimmermann und Nina Hoss, das war das magische Viereck in Michael Thalheimers legendärer „Emilia Galotti“-Inszenierung. Der Regisseur war damals 35 Jahre alt und noch recht unbekannt, ohne die Inszenierung wäre der Beginn der Intendanz Wilms am DT ein Fiasko geworden. Auch dank dieser vier Akteure und Thalheimer als Hausregisseur fand das DT schließlich zu alter Stärke zurück. Als Ulrich Khuon das Haus zur Spielzeit 2009/10 als Intendant kam, übernahm er ein Theater auf dem Gipfel des Erfolgs. Kein leichte Aufgabe, zumal die Erwartungen sehr hoch waren. Khuon brachte einen Teil seines Ensembles vom Hamburger Thalia Theater mit. Die Zusammenführung des alten mit dem neuen Ensemble gestaltete sich nicht leicht, man hörte gelegentlich von Missstimmungen und Unzufriedenheit.

Michael Thalheimer, der sich Hoffnungen auf die DT-Intendantentelle nach dem Rückzug von Wilms gemacht hatte, arbeitete viel außerhalb Berlins, zum aktuellen Theatertreffen wurde er mit seiner „Medea“-Inszenierung des Schauspiels Frankfurt eingeladen. In der Titelrolle gefeiert: Constanze Becker, die ebenfalls viele Jahre mit Thalheimer am DT gearbeitet hatte. Auch Thalheimer wird in der kommenden Saison an der Schaubühne inszenieren, das bestätigte Friedrich Barner. Den Stücktitel wollte er nicht verraten, möglicherweise steht er auch noch nicht fest.

Schaubühne geht gestärkt in die neue Saison

Man darf annehmen, dass zumindest Ingo Hülsmann und Regine Zimmermann mitspielen werden, vielleicht auch Nina Hoss, wobei die wohl erst mal in einer Inszenierung von Thomas Ostermeier an der Schaubühne zu sehen sein wird. In Thalheimers „Faust 1“-Inszenierung am DT – ein Jahrhundertwerk, das man durch den Tod von Sven Lehmann, der den Mephisto an der Seite von Ingo Hülsmann (Faust) spielte, leider so nicht mehr auf der Bühne sehen kann, war Zimmermann das Gretchen. Auch sie wechselt zur kommenden Spielzeit an die Schaubühne, wo sie bereits in diesem Frühjahr in Lars Eidingers „Romeo und Julia“-Inszenierung mitspielte.

Die Schaubühne geht gestärkt in die neue Saison. Bemühen wir nochmals einen Fußballvergleich: Das Haus am Lehniner Platz will bei der neuen Theatermeisterschaft im Titelrennen eine wichtige Rolle spielen. Die Chancen stehen nach den jüngsten Verpflichtungen gut.