Frühkritik

Trompeter Till Brönner und Orchester spielen im Tempodrom auf

Till Brönner ist eleganter Virtuose auf seinem Instrument, der sich stilistischer No-Gos immer wieder mit einem charmanten Lächeln entledigt. Drei Stunden lang bot er bestes Entertainment.

Foto: Christian Augustin / Getty Images

Der Jazztrompeter Till Brönner macht es dem Jazzpublikum nicht immer leicht. Er ist ein eleganter Virtuose auf seinem Instrument, der sich freilich stilistischer No-Gos immer wieder mit einem charmanten Lächeln entledigt. Er kann sich einer Ikone wie Chet Baker ebenso geschmackvoll widmen wie dem Westcoast-Jazz der 70er-Jahre, er macht sich Pop-Songs zueigen oder konvertiert Soul und Blues zu pflegeleichtem Smoothjazz. Nun hat sich der 43-jährige Berliner mit Zweiwohnsitz in Kalifornien für seine neue Platte „The Movies Album“ Klassiker der Filmmusik vorgenommen, um sie mit seinem warmen Spiel in Breitwand und auf Hochglanz zu umarmen.

„The Movie Album“ heißt denn auch die Show, mit der der Musiker und sein 20-köpfiges Till Brönner Orchestra am Sonntagabend vor rund 2100 Besuchern im Tempodrom auftritt. Doch wer gekommen ist, um Kinohits von „As Time Goes By“ aus „Casablanca“ bis „My Heart Will Go On“ aus „Titanic“ zu hören, tat besser daran, sich im Foyer die CD zu besorgen. Denn so sehr sich Till Brönner auch dem Popgeschäft angenähert hat – das Spiel Ich-habe-eine-neue-Platte-und-die-spiele-ich-euch-jetzt-vor macht er nicht mit. Da weiß er mit solch einem großartigen Ensemble im Rücken besseres anzufangen.

LED-Blenden sorgen für leuchtende Showeffekte

Das Bühnenbild ist dem Anlass entsprechend sehr statisch. So viele Musiker wollen nun mal ihren Sitzplatz haben. Rechts die Bläser, links das Streicherensemble, dazwischen Keyboards, Piano und Rhythmusgruppe. Mit David Haynes und Tobias Backhaus gehören gleich zwei Schlagzeuger zum Ensemble, dazu thront noch Perkussionist Topo Gioja in der Bühnenmitte. LED-Blenden vor den Musikern sorgen für leuchtende Showeffekte. Der Classic-Open-Air-Veranstalter Gerhard Kämpfe hat den Abend inszeniert, Flötist und Saxofonist Magnus Lindgren ist musikalischer Leiter des Orchesters.

Ein Tusch gleich zur Ouvertüre: mit einem Las-Vegas-gerechten Big-Band-Intro kündigt die markante Stimme von Drummer Haynes den Star des Abends an: „Ladies and Gentlemen, please welcome: Till Brönner!“ Unter Jubel erscheint der Trompeter, der mit Vorliebe Flügelhorn spielt, und soliert elektronisch verfremdet zu Deodatos Funk-Version von Richard Strauss‘ „Also sprach Zarathustra“. Immerhin ein Stück, das in der Version der Wiener Philharmoniker Titelthema von Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“ war. Das Orchester wuchtet einen mächtigen Groove ins Tempodrom, Blech- und Holzbläser errichten eine Wand aus Sound. Es wird ein Abend der Überraschungen.

„Uns gibt es seit genau gestern“

„Guten Abend Berlin, schön Sie zu sehen“, begrüßt Till Brönner sein Publikum. „Uns gibt es seit genau gestern, aber sie werden lachen: wir sind richtig gut.“ Am Abend zuvor hatte das frisch zusammengestellte Orchester seine Live-Taufe in Rostock. Nun spielt es sich einmal quer durch die jazzaffine Musikgeschichte. Big-Band-Sound à Go-Go. Anything Goes. Es gibt immer wieder Showblöcke mit stilistischen Ausflügen, Richtung New Orleans beispielsweise, an die Wiege des Jazz samt Louis Armstrongs „Swing That Music“. Dann wird bei einem Trip in den legendären New Yorker Club „Birdland“ fulminant dem Saxofonisten Charlie „Bird“ Parker gehuldigt. Oder es wird nach der Pause lateinamerikanisches Feuer mit einem „Afro Cuban Medley“ versprüht. Da fehlen nur noch die Tänzerinnen.

Mit „Once Upon A Summertime“ von Johnny Mercer und Michel Legrand gibt es noch ein Stück, das in seiner französischen Variante „La valse de lilas“ zu einem Soundtrack gehörte, zu Jacques Demys „Die Regenschirme von Cherbourg“ nämlich. Das Stück habe einen wunderbaren Text, sagt Brönner. „Aber keine Angst, ich werde nicht singen, ich will den Text ja nicht zerstören.“ Dafür rezitiert er die englischen Zeilen, bevor er sich dem Stück widmet. Auch im Konzert hat Till Brönner keine Hemmungen, sich bei allem, was er gut findet, zu bedienen. Platziert hier eine Instrumentalversion von Billy Joels „Just The Way You Are“ oder formiert sich beim großorchestralen „Cielito Lindo” mit Gitarrist Bruno Müller und Bandleader Magnus Lindgren zum swingenden Gesangstrio.

Mit dem Sänger und Gitarristen Peter Fessler als Bühnengast widmet sich Brönner der brasilianischen Musik und natürlich auch dem „Girl From Ipanema“. Fessler hatte in den 80er-Jahren mit Trio Rio den Hit „New York-Rio-Tokyo“ gelandet. Den wird er nach Pause im Big-Band-Arrangement auch noch singen. Der Wiedererkennungswert im Publikum ist groß. Wie groß Till Brönners Auslegung des Jazz-Begriffs ist, bekommt man am Ende dieser Show zu hören. Er sei stolz darauf, dass der älteste Jazzmusiker ein Deutscher sei, sagt er und spielt als Dreingabe Johann Sebastian Bachs „Air in G“.

Till Brönner ist einer, der polarisiert. Einer, der die Tradition wahrt und für die Gegenwart aufbereitet. Damit verstört er die Verfechter der reinen Jazz-Lehre immer wieder aufs Neue. Aber er bringt, auch wenn er dabei ein wenig zu oft auf den Weichspülgang schaltet, einem Publikum, das selten einen Jazzclub von innen gesehen hat, ohne erhobenen Zeigefinger die improvisierte Musik nahe. Und bietet drei Stunden lang bestes Entertainment.