Tag 8

Kraftwerks „Tour de France“ macht den Abschluss in Berlin

Acht Tage lang spielte die Düsseldorfer Band Kraftwerk in der Berliner Nationalgalerie. Sie verabschiedeten sich, wie sie gekommen waren: Mit ihrem ersten Hit „Autobahn“.

Foto: Jens Kalaene / AP

Es ist kurz vor zehn, als Ralf Hütter auf die Uhr schaut. Zwei seiner Bandmitglieder sind bereits von der Bühne abgetreten, Henning Schmitz macht sich gerade auf den Weg, sich seitlich rechts hinzustellen und sich mit einer kurzen Verbeugung, wie seine Kompagnons zuvor, vom Publikum zu verabschieden. Er bekommt Applaus, jede menschliche Regung ist ein Ereignis bei einer Band, die zwei Stunden leicht wippend auf ihre Keyboards schauen.

Es ist eigentlich zu spät, denn um 22 Uhr muss Kraftwerks Show vorüber sein. Lärmschutzauflagen müssten befolgt werden, wer immer sich auch gestört an diesem Ort gestört fühlen möge - die geschlossene Gemäldegalerie oder die Philharmonie oder neurotisches Gefieder im Landwehrkanal? Kraftwerk lässt es sich trotzdem nicht nehmen. Die vier Herren kommen wieder und spielen „Autobahn“, ihren ersten kommerziellen Erfolg aus dem Jahre 1974, mit dem Lied, mit dem am Dienstag vergangener Woche der achttägige Konzertreigen begonnen hatte.

Ein letztes Mal fährt auf der Videoleinwand der beige Käfer über die sonnige Straße, ein letztes Mal erscheint der schwarzes Mercedes im Rückspiegel, ein letztes Mal brandet der Beifall auf. Danach ist Schluss, auch erst einmal für die Neue Nationalgalerie. „Mehrere Jahre“ werde sie schließen, was immer das bedeutet in einer Stadt, deren Bauvorhaben traditionell eine Mischung aus ambitionierter Planung und saumseliger Umsetzung ist.

Das Album „Tour de France“ wird an diesem Dienstagabend vorgestellt. Es ist Kraftwerks letztes Album, das 2003 entstand und dessen titelgebendes Lied bereits Anfang der 80er-Jahre komponiert wurde. Das wenige Private, was von Ralf Hütter, dem letzten Mitglied aus den Anfängen vor über vier Dekaden, bekannt ist, ist dass er begeisterter Radsportler ist. Touren um die 200 Kilometer ist er nach eigenen Angaben geradelt, auch Etappen der Tour de France ist der 68-Jährige nachgefahren.

Der Mensch und seine Maschine

Auf der Leinwand erscheinen Fernsehausschnitte aus den Jahrzehnten der Tour de France. Die Fahrer kämpfen sich durch einen Spalier von Zuschauern, sie setzen zum Sprint an, rasen in Schussfahrt durch den nebligen Regen. Durchtrainierte Unterschenkel, die begleitenden Motorräder, das Bild des Eiffelturms, der am Ende der Strapazen auf sie wartet. In der freundlichen Welt von Kraftwerk gibt es keine Stürze und kein Doping, sondern nur der Mensch und seine Maschine.

40 Minuten dauerte die Reise durch die Welt der Vitamine, in der überdimensionierte Kapseln auf die Zuschauer fliegen. Das Publikum ist lauter, weniger andächtig als am ersten Abend, als das sich zurückhaltende Premierenzuschauer versammelte. Bei „Elektro Kardiogramm“, dem unterschätztesten Kraftwerk-Lied, flimmern die Grafiken der klinischen Monitoren. Der Bass geht bei einer Session tief und wuchtig, als wolle er einem das Herz durchschneiden.

Kraftwerk gilt, das ist in den vergangenen Tagen oft geschrieben worden, als Avantgarde und Pionier für viele Musikrichtungen, die mit Beginn der 80er-Jahre ihren Lauf nahmen, von New Wave über Hip-Hop bis zu Techno und Rave. Und so ist es auch ganz schön und ziemlich passend, dass „Tour de France“ das Werk abschließt (obwohl Ralf Hütter immer wieder ein neues Album andeutet). In „Karte und Gebiet“, dem vorletzten Roman von Michel Houellebecq, geht es um einen Maler, der sehr erfolgreich ist, und sich mit seinem Vater im Fernsehen die Tour-de-France-Übertragungen anschaut.

Er sieht die Ausreißversuche, das einsame Fahren der kleinen Spitzengruppe, die dann, je näher das Ziel kommt, „vom Feld geschluckt“ werden. Der Maler, der in einem Jahr in dem Kunst-Ranking auf Platz Eins war, weiß, dass auch er irgendwann diese Position aufgeben musste. Und so ist auch Kraftwerk, das deutsche Avantgarde-Projekt, das vor vierzig Jahren noch außergewöhnlich war, vom Feld geschluckt worden.