Frühkritik

Die Antwoord bringt afrikanischen Elektro-Trash nach Berlin

Es ist ein pumpender Mix aus Techno, Trommel-Grooves und Elektro-Trash bei diesem furiosen Kunsthappening, das Die Antwoord in der Columbiahalle bietet. Dazu exzentrische, faszinierende Videos.

Foto: Frank Hoensch / Redferns via Getty Images

Menschenmassen drängen sich am Freitagabend in der Eiseskälte vor der Columbiahalle, während drinnen ein DJ auf der Bühne das langsam in den Saal strömende Publikum schon mal in Stimmung bringt. 3500 Besucher werden es schließlich sein bei diesem seit Monaten ausverkauften Berlin-Konzert des südafrikanischen Rap-Rave-Performance-Projekts Die Antwoord, das sich gewieft und durchdacht die Mechanismen des Popgeschäfts zu Nutze gemacht hat und in den vergangenen drei, vier Jahren durch geschickte Selbstinszenierung via Internet ein Millionenpublikum erreicht hat.

Es ist kurz vor 22 Uhr als düstere Mönchsgesänge die Show ankündigen und DJ Hi-Tek mit Gruselmaske unter frenetischem Jubel als erster die Bühne entert, um mächtig die Schlagrichtung vorzugeben. Mit dem auf Afrikaans gerappten „Fok Julle Naaiers“ entern schließlich die beiden Protagonisten die Bühne, und in der Halle ist kein Halten mehr. Zuerst Yolandi Visser, dieses androgyne Lolita-Wesen mit heliumhoher Stimme, dann MC Ninja, der von krakeligen Tattoos gezeichnete Rapper mit White-Trash-Attitüde. Und sie spielen ihre Rollen konsequent.

Die Musikvideos wurden bei Youtube millionenfach geklickt

Musikalisch wird ein pumpender Mix aus Techno, afrikanischen Trommel-Grooves und Elektro-Trash bemüht, um dieses furiose Kunsthappening auf Touren und das Publikum in Bewegung zu halten. Viele dieser Rap-Songs bildeten den Soundtrack für exzentrische, verstörende, faszinierende Videos, die im Netz millionenfach geklickt wurden, mal mit düsterer Schwarz-Weiß-Ästhetik, mal in grellen Farben, meist ausgestattet – wie jetzt auch das Bühnenbild – mit den comichaften Zeichnungen Ninjas. Die Antwoord zelebriert provokante Underground-Ästhetik auf höchstem Niveau. Die Videobilder werden passend zum Stück auf eine riesige Leinwand projiziert, wobei der Projektor an diesem Abend nicht immer mitspielen will.

Von den Texten ist live freilich nicht allzu viel zu verstehen, aber meist geht es doch nur um das eine, und das höchst drastisch. Sex, Drugs und, nun ja, nicht wirklich Rock’n’Roll, dazu fehlen einfach die Gitarren. Aber dieser irgendwie in den 90er-Jahren stehen gebliebene Techno-Elektro-Sound mit inflationär eingesetztem F-Wort rockt dennoch tüchtig durch die Halle. Die Antwoord bieten eine perfekte, temporeiche Show, die ein ganzes Genre persifliert und ihm dadurch neue Qualität verleiht. Zwei Tänzerinnen, die wie Ninja und Yolandi immer wieder ihr Bühnen-Outfit wechseln, komplettieren das Bühnenpersonal.

Die Stücke haben durchaus Hitqualitäten. Wie „I Fink U Freeky“, dessen Video von den Schwarz-Weiß-Arbeiten des Fotografen Roger Ballen inspiriert ist. Oder das geradezu poppig-eingängige „Baby’s On Fire“. Beim neuen Stück „Ugly Boy“ tauchen auf der Leinwand Videogäste wie Jack Black, Red Hot Chili Peppers-Bassist Flea oder Marilyn Manson auf. Und ein monströser Titel wie „Pitbull Terrier“ würde musikalisch glatt auch ins Rammstein-Repertoire passen.

Rollenspiel mit neuen Unterschichten-Lebensläufen

Der 40-jährige Ninja, der eigentlich Watkin Tudor Jones heißt, und die 30-jährige Yolandi Visser, die mal auf den Namen Andri du Toit hörte, sind im wahren Leben ein Ehepaar und waren bereits lange Jahre in der südafrikanischen Musikszene aktiv, bevor sie 2009 ihr so ironisches wie provokantes Rollenspiel namens Die Antwoord begonnen haben. Sie haben sich neue Identitäten geschaffen. Sie haben sich eine neue Unterschichten-Biografie erdacht. Sie haben ihr erstes Album „$O$“ gratis als Download verteilt. Die neue, dritte Platte „Donker Mag“ erschien auf ihrem eigenen Label „Zef-Records“. Zef nennen sie auch ihren Style, was auf Afrikaans umgangssprachlich „Prolet“ bedeutet. Längst sind sie Teil des Geschäfts geworden, das sie einst karikierten.

In „Baby’s On Fire“ aus dem Jahr 2012 rapt Yolandi prophetisch die Zeilen „My bodyguard helps me to get to the bar, Neill Blokamp’s makin’ me a moviestar”. Der südafrikanische Regisseur Neill Blokamp ist zuletzt aufgefallen durch dunkle Science-Fiction-Filme wie „District 9“ und „Elysium“. In seinem neuen Film „Chappie“, der im März in unsere Kinos kommt, wirken nun neben Hugh Jackman und Sigourney Weaver auch Ninja und Yolandi Visser mit.

In der Columbiahalle neigt sich das von einer stroboskoplastigen Lightshow ausgeleuchtete Techno-Pop-Spektakel nach gut 70 Minuten dem Ende zu. Längst haben sich die Raver schweißnass getanzt. Als einzige Zugabe spielt Die Antwoord ihren großen You-Tube-Hit „Enter The Ninja“, bei der auch Sixteen, die Tochter von Ninja und Yolandi, ihren Auftritt bekommt. Und alles singt den geradezu schlagerhaften Refrain mit: „Aai aai aai, I am your butterfly, I need your protection, be my samurai“ mit. Und die Partygemeine zieht in die kalte Nacht, einer anderen Location entgegen.